Grönlands ewiges Eis Ölfirmen freuen sich über Tauwetter

Wegen der globalen Erwärmung befürchten Klimaforscher, dass unter Grönlands Eis bald der nackte Fels zum Vorschein kommt. Die kanadische Firma EnCana hingegen freut sich über das Tauwetter. Sie vermutet unter dem Panzer aus gefrorenem Wasser umfangreiche Ölvorkommen und plant Probebohrungen.


Grönländische Gletscher: Warten auf das große Schmelzen
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Grönländische Gletscher: Warten auf das große Schmelzen

Nuuk - In keiner Region der Welt hat der Klimawandel so große Auswirkungen wie in der Arktis. Im äußersten Norden des Globus steigen die Temperaturen doppelt so schnell wie auf dem Rest der Erde. Am Ilulissat-Gletscher in Grönland lässt sich das gut ablesen: Der seit 2004 als Unesco-Weltkulturerbe eingetragene Eisberg schrumpfte in den vergangenen Jahren um zehn Kilometer. Umweltschützer sind alarmiert. Sie fürchten um die Lebensgrundlage zahlreicher Tierarten und des Volkes der Inuit. Doch aus Sicht der grönländischen Regierung und der Energiewirtschaft hat die Gletscherschmelze auch ihre guten Seiten. Denn unter dem Eis werden reichhaltige Ölreserven vermutet.

Grönland träumt von einem Ölboom, der dem autonomen dänischen Außengebiet die völlige Unabhängigkeit von Kopenhagen bringen könnte. Die ersten sechs Bohrungen in den Jahren 1976, 1977 und 1990 brachten nur geringe Ölmengen hervor, deren Ausbeutung für eine Selbstständigkeit nicht gereicht hätten. Jetzt hofft die Regierung auf die kanadische Firma EnCana, die in Grönland reichlich schwarzes Gold vermutet. Die Klimaerwärmung in der Region sowie der steigende Ölpreis hätten EnCana dazu ermutigt, "das Risiko einzugehen", sagt Jörn Skov Nielsen vom Büro für Mineralien und Öl in Nuuk.

Die Kanadier erhielten im Januar den Zuschlag für 87,5 Prozent einer Bohrlizenz im Westen Grönlands. Vor der Küste will der Konzern nach Gas und Öl suchen; das 250 Kilometer westlich der Hauptstadt Nuuk gelegene Gebiet ist weitgehend eisfrei. Laut Nielsen will EnCana bis 2008 zwei Probebohrungen vornehmen. Dafür suche der Konzern noch Partner, die sich an der Finanzierung beteiligten. "Wenn man weiß, dass eine einzige Bohrung zwischen 33,6 und 40,3 Millionen Euro kostet, zeigt das, dass EnCana von großen Reserven in der Region ausgeht", sagt Nielsen.

Angst um die Tierwelt

Das Büro für Mineralien und Öl in Nuuk stellte anhand geologischer Erkenntnisse die Prognose auf, dass ein Ölfeld mit einem Volumen von zwei Milliarden Barrel während seiner Gesamtnutzungsdauer, also in einem Zeitraum von 30 bis 40 Jahren, rund 9,4 Milliarden Euro in die grönländische Staatskasse spülen würde. Grönlands Regierung plant bereits für die Jahre 2006 und 2007 die Ausschreibung neuer Bohrlizenzen für den weiter nördlich gelegenen Disko-Fjord, in dem auch der Ilulissat-Gletscher liegt. Laut Nielsen brachten seismische Analysen im Disko-Fjord Spuren von Kohlenwasserstoff zum Vorschein. Auf Felsen sei entwichenes Öl gefunden worden.

Greenpeace und andere Umweltschutzorganisationen sorgen sich schon um die Wale, Krebse und Vögel in der Region. "Die arktische Umwelt ist sehr empfindlich", sagt der Grönland-Experte Jesper Madsen vom dänischen Nationalinstitut für Umweltforschung. "Das Gebiet, für das die nächsten Ausschreibungen vorgesehen sind, beherbergt eine Vielzahl von Tieren, die wir schützen müssen. Denn das Entweichen von Öl könnte irreparable Schäden verursachen."

Slim Allagui, AFP



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