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»Größe ist wichtig«

aus DER SPIEGEL 8/1994

SPIEGEL: Was wird den Kunden die Welt am Draht kosten?

Biondi: Ich rechne mit Investitionen von 750 bis 1200 Dollar pro Kunden. Die monatlichen Abonnementgebühren hängen davon ab, welche Dienste die Leute in Anspruch nehmen. Normales TV wird rund 20 Dollar kosten; die interaktiven Dienste rund 75 Dollar.

SPIEGEL: Welche Programmformen wollen Sie anbieten?

Biondi: Die Zuschauer können ihre Lieblingssendungen sehen, wann sie wollen. Terminator II läuft zum Beispiel Mitte des Monats, aber Sie möchten es lieber am Monatsanfang sehen. Kein Problem. Der TV-Konsum wird also benutzerfreundlicher, und der Videorecorder wird überflüssig.

SPIEGEL: Ist das alles?

Biondi: Filme auf Abruf und Teleshopping werden die größten Attraktionen sein; Videospiele kommen an dritter Stelle. Aber was genau die erfolgreichen interaktiven Angebote sein werden, weiß heute noch niemand. Es gibt Firmen wie Time Warner, die sagen: Wir installieren die Infrastruktur, und dabei lernen wir, was die Kunden wollen.

SPIEGEL: Wieso wartet Viacom nicht auch ab? Statt dessen geben Sie Milliarden für Paramount aus.

Biondi: Die beiden Unternehmen passen gut zusammen. Größe ist einfach wichtig - Paramount und Viacom zusammen sind so mächtig, daß wir neue TV-Networks gründen können. Die Paramount-Filmbibliothek ist einfach ein großes Plus. Wir haben Pay-TV, Paramount hat Kinos auf der ganzen Welt. In der digitalen Medienzukunft braucht man eine gewisse Unternehmensgröße.

SPIEGEL: Welche Unternehmen sind groß genug, um in Zukunft eine Rolle zu spielen?

Biondi: Time Warner, Paramount-Viacom, Walt Disney. Rupert Murdoch und seine News Corporation; die sind ein sehr erfolgreicher Programmverteiler in Europa, Asien und den USA.

SPIEGEL: Und Bertelsmann?

Biondi: In der neuen Videowelt spielen die keine Rolle. Höchstens noch bei den gedruckten Medien.

SPIEGEL: Werden Zeitungen und traditionelle TV-Stationen überleben?

Biondi: Medien wie die New York Times und MTV werden überleben. Theoretisch haben die Zuschauer bald Zugriff auf alle jemals gedrehten Musikvideos. Warum braucht man noch MTV? Weil die Zuschauer die MTV-Präsentation und -Auswahl eben mögen. Genauso werden alle Weltnachrichten ständig zur Verfügung stehen; doch die Menschen wollen, daß die Redakteure der New York Times oder des SPIEGEL für sie das Wichtige auswählen.

SPIEGEL: Und was passiert mit TV-Sendern wie RTL oder CBS? Der Schriftsteller Michael Crichton bezeichnet Zeitungen, Zeitschriften und Fernsehsender schon als Dinosaurier.

Biondi: Magazine werden ihre Auflage steigern, weil sie eine Auswahl der Nachrichten liefern. Die TV-Sender? Deren Zukunft ist eher ungewiß.

SPIEGEL: Was wird aus der Fernsehwerbung?

Biondi: Die werbetreibenden Unternehmen werden viel detailliertere Informationen über die Zuschauer bekommen; die Firmen werden zum Beispiel wissen, wer ein vier Jahre altes Auto fährt und sich ein neues kaufen möchte. Automatisch bekommen diese Leute von ihrem Autohändler einen Prospekt und einen Anruf, um eine Probefahrt zu vereinbaren. Allerdings sind da noch Fragen des Datenschutzes zu klären.

SPIEGEL: Das Leben Ihrer Kinder wird sicher von dieser Medienzukunft beherrscht werden. Machen Sie sich keine Sorgen?

Biondi: Die virtuelle Realität macht mir Sorgen: Das Medium kann dem einzelnen die absolute Flucht ermöglichen. Wer einen Datenhelm trägt und nur noch die Bilder aus dem Computer vor Augen hat, lebt in der Illusion, nicht mehr in verschmutzten Städten mit viel Verbrechen zu sein. In naher Zukunft kann jeder, wenn er nur will, nur noch mit den Maschinen kommunizieren und ganz ohne menschliche Kontakte leben.

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