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KONZERNE Groß oder stark

Zwei Elektro-Konzerne aus Schweden und der Schweiz schlossen sich zu einer Weltmacht zusammen. Aber wo wird die neue Zentrale sein? *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Die industrielle Welt wird sich an ein neues Kürzel gewöhnen müssen: ABB heißt künftig der Arbeitgeber für 160000 Menschen, die Abkürzung für die größte Elektro-Anlagen-Firma der Welt »Asea Brown Boveri«.

Die neue Firma ist das Resultat »einer Vernunftehe mit ein bißchen Liebe«, sagt Fritz Leutwiler, bislang Verwaltungspräsident des Schweizer Unternehmens Brown Boveri & Cie. Die Schweizer hätten stets mit dem schwedischen Konkurrenten Asea gut gekonnt. Da sei man »wie von selbst, ganz organisch« auf den Zusammenschluß der beiden Unternehmen gekommen, als sich Leutwiler und Curt Nicolin, der Verwaltungsratsvorsitzer des schwedischen Elektro-Multis im Mai wieder einmal über ein gemeinsames Projekt unterhielten.

Nur zehn Wochen vergingen, bis sich das schwedisch-schweizerische Duo zur Vertragsunterzeichnung auf halbem Weg in Hamburg traf. Dann stand Europas, nach Siemens, im Gesamtumsatz zweitgrößter Elektro-Konzern. In der Energie-Erzeugung und -Verteilung sowie der industriellen Automation wird ABB weltweit sogar Marktführer sein. Die neuen Partner werden japanischen und amerikanischen Konkurrenten kräftiger entgegentreten können.

Die Verhandlungen hatten in aller Stille zunächst nur Nicolin und Leutwiler sowie die Chef-Manager Percy Barnevik und Thomas P. Gasser geführt. Später wurden die Mitglieder der Konzernleitungen eingeweiht und Vertreter der Großaktionärs-Familien Wallenberg (Asea) und Schmidheiny (BBC) zu den Verhandlungen beigezogen.

Der Zusammenschluß dürfte für beide Unternehmen Vorteile bringen. BBC, mit knapp 17 Milliarden Mark Umsatz und 97500 Mitarbeitern etwas größer als Asea, darf auf Heilung ihrer chronischen Ertragsschwäche (Gewinn 1986: lediglich 116 Millionen Mark) hoffen, weil die schwedischen Verbindungen auf einen besseren Zugang zum amerikanischen und asiatischen Mark hoffen lassen.

Der schlankere Asea-Konzern (Umsatz: 14 Milliarden Mark; 71000 Beschäftigte, Gewinn 1986: 769 Millionen Mark) gewinnt auf einen Schlag die lange angestrebten Stützpunkte im EG-Raum, vor allem in der Bundesrepublik, aber auch in Italien.

In manchen Bereichen, etwa dem Kraftwerksbau und bei der Elektrizitätsverteilung, sehen Kritiker zwar Überschneidungen. Aber unbestritten ergänzen sich die Partner andererseits. Beide Unternehmen stellen zum Beispiel Lokomotiven her, wobei sich Asea besonders gut mit den mechanischen Teilen auskennt und BBC für die in Mannheim entwickelte variable Drehstrom-Antriebstechnik allseits gerühmt wird.

Beide Partner verfügen zudem über ausgesprochene Spezialitäten, die sie nun über gemeinsame Kanäle verkaufen können. Asea ist weltweit einer der Marktführer beim Bau von Industrie-Robotern. Die Schweden tummeln sich sehr erfolgreich in artfremden Sparten wie Versicherungen, Anlagefonds und dem Leasing. Die Finanz-Dienstleistungen tragen bereits 16 Prozent zum Gewinn der Elektro-Gruppe bei.

Zu den wichtigsten Trümpfen der BBC hingegen gehört ihr solides technisches Know-How, von dem Asea bereits früher als Lizenznehmer profitierte. Die Firma gibt zudem etwa dreimal soviel Geld für Forschung aus wie ihr schwedischer Partner.

Allerdings wußten frühere BBC-Manager oft nichts Rechtes mit den Erfindungen ihrer Ingenieure anzufangen. Eine fast marktreife Entwicklung wie die zukunftsträchtige Flüssigkristall-Technik wurde verkauft. Die von BBC hervorgebrachte Lambda-Sonde, heute Kernstück der Katalysator-Technik, nutzten die Schweizer lediglich zur industriellen Abgas-Reinigung.

Seit Fritz Leutwiler 1985, nach dem Rücktritt vom Präsidium der Schweizerischen Nationalbank, für BBC Verantwortung übernahm, kamen derartige Pannen angeblich nicht mehr vor. In Baden und in Mannheim richten die Forscher neuerdings den Blick auf die Marktbedürfnisse: Ihr Turbolader für Dieselmotoren ("Comprex") steht in der Autoindustrie vor der Markteinführung. Die stromsparenden variablen Drehstrom-Antriebe sollen nicht bloß für Lokomotiven, sondern für jede Art von Elektromotoren nutzbar gemacht werden und sogar die in Mannheim seit Jahren »vor dem Durchbruch« stehende Natrium-Schwefel-Batterie soll demnächst Geld einbringen.

Mit der Zusammenführung von Asea und BBC krönt Leutwiler jetzt sein Sanierungswerk am Prunkstück helvetischer Maschinenbau-Kunst. Kaum im Amt, hatte er zunächst die Unternehmensführung _(Quelle: ASEA )

umgekrempelt. Der damalige Konzernleiter Piero Hummel trat in den freiwilligen Ruhestand, um beim Abgang das Gesicht zu wahren.

Leutwiler übernahm zunächst selbst die Leitung. Der ehemalige Bankier band die allzugroß und selbstbewußt gewordene Tochtergesellschaft in Mannheim wieder fest an das Schweizer Stammhaus. Anschließend organisierte er den Konzern nach Sparten und Regionen um - ganz zufällig so, wie dies Asea schon früher getan hatte. Mit Beginn dieses Jahres zog sich Leutwiler, nachdem das Gröbste erledigt war, in den Verwaltungsrat zurück und überließ Thomas P. Gasser, 54, das tägliche Geschäft.

Bei Asea kümmert sich darum seit 1982 mit beträchtlichem Erfolg Percy Barnevik, 46. Der Umsatz verdoppelte sich fast unter seiner Leitung. Die straffe Konzernstruktur schlägt sich in glänzenden Ertragszahlen nieder. Doch sorgenfrei ist auch Asea nicht: Zur Zeit stagniert das Geschäft; der Gewinn lag im ersten Halbjahr unter dem letztjährigen Wert.

Besondere Sorgen machen sich BBC wie Asea um das Kraftwerksgeschäft. Da es weltweit zu viele Anbieter gibt, herrscht ein heftiger Preiskampf, der die Renditen drückt. Als wichtigste Folge ihrer Fusion werden die neuen Partner nicht mehr gegeneinander konkurrieren.

Überdies werden sie ihre Forschungsbemühungen, für die künftig gemeinsam rund 1,5 Milliarden Franken zur Verfügung stehen, miteinander abstimmen. Dadurch soll mehr Geld bei den Zukunftstechniken der Halbleiter und Supraleiter zur Verfügung stehen.

Schwierigkeiten prophezeien Experten dem neuen Giganten dennoch. Beide Firmen haben ihre eigene Kultur, die bei der Konstruktion der Partnerschaft auch künftig erhalten bleibt: Die Ehe soll in jeder Beziehung halbe-halbe geregelt sein.

Beide Partner bringen mit einigen Einschränkungen ihre gesamte Habe in den gemeinsamen Haushalt ein. Dafür erhalten sie je die Hälfte der - an der Börse nicht notierten - Aktien von ABB.

Auch die Macht im obersten Management wird geteilt. Das tägliche Geschäft soll Percy Barnevik, Vorsitzender der Konzernleitung, führen; Gasser wird Stellvertreter.

Noch unklar ist der Sitz der neuen Gesellschaft, an dem die Holding mit lediglich 150 Mitarbeitern die Geschäfte überwachen und strategisch ordnen soll.

Percy Barnevik wünscht sich als Hauptsitz »einen zentralen Ort in Mitteleuropa mit erstklassigen Flugverbindungen«. Fritz Leutwiler »als guter Patriot« gibt der Schweiz den Vorzug - »aber nicht um jeden Preis«. Im Gespräch ist auch London, weil im neuen Konzern Englisch gesprochen wird, oder Holland - wegen der günstigen Steuergesetze.

[Grafiktext]

ASEA/BBC: VEREINT AUF RANG EINS Die zehn größten Elektro-Anlagenbauer der Welt; Umsätze 1986 in Milliarden Mark Umsätze im Elektro-Anlagenbau 31 ASEA BBC Schweden, Schweiz 21 SIEMENS Deutschland 21 HITACHI Japan 21 GENERAL ELECTRIC USA 17 WESTING-HOUSE USA 15 CGE Compagnie generale d''''electricite Frankreich 13 MITSU-BISHI ELECTRIC Japan 11 TOSHIBA Japan 7 AEG Deutschland 6 GEC General Electric Company Großbritannien Gesamt-Umsätze 31 47 63 76 23 25 27 43 11 19

[GrafiktextEnde]

Quelle: ASEA

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