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Kosmetik Große Kluft

Die »Body Shop«-Kette ist ins Gerede gekommen: Ist das Unternehmen mit dem grünen Image tatsächlich rein?
aus DER SPIEGEL 36/1994

Anita Roddick aus Littlehampton in West Sussex ist ehrlich. »Wer denkt schon tagelang über eine Feuchtigkeitscreme nach? Ich nicht.«

Das hat die Britin mit Millionen Menschen gemein. Und doch hat Anita Roddick, 51, mit dem Verkauf von Shampoos und Seifen, von Parfums und Badeöl ein Vermögen gemacht.

Mit ihrem Ehemann Gordon betreibt sie die überaus erfolgreiche Kosmetikkette »The Body Shop«. Über tausend Läden gibt es weltweit, 44 davon in Deutschland. Umsatz: 500 Millionen Mark. Doch für Geld interessiert sich die Frau, die zu den fünf reichsten Engländerinnen zählt, angeblich nicht.

Die Unternehmerin hat andere Vorlieben: Sie sorgt sich um den Umweltschutz und um die Dritte Welt, sie kämpft für Menschenrechte und gegen Ausländerhaß, und sie organisiert Kampagnen gegen Tierversuche. In den Body-Shop-Läden zwischen Hamburg, New York und Kuweit künden Slogans und Faltblätter von Roddicks politischen Glaubensgrundsätzen. »Wir verkaufen nicht irgendein Produkt«, sagt die ehemalige Grundschullehrerin, »wir leben eine Philosophie.«

Alles Show? Seit zwei Wochen wird in Hunderten von Artikeln dies- und jenseits des Atlantiks die Frage erörtert, ob das Unternehmen, das seine Pfefferminz-Fußlotion und bunten Seifenstückchen mit einer grünen Botschaft verkauft, tatsächlich sauber ist.

Der amerikanische Journalist Jon Entine hat die Artikelflut ausgelöst. Noch bevor das US-Fachblatt Business Ethics seinen Beitrag »Ist der Body Shop zu gut, um wahr zu sein?« am Donnerstag vergangener Woche veröffentlichte, haben bereits Gerüchte über die Recherchen des Journalisten dem Unternehmen schwer geschadet.

Die Aktien von Body Shop, die vor allem von sogenannten ethischen Fonds und umweltbewußten Anlegern geschätzt werden, rutschten in der vergangenen Woche auf 216 Pfund ab, im Mai lag der Kurs noch bei 264.

Der amerikanische Investmentfonds Franklin Research & Development verkaufte 50 000 Body-Shop-Aktien. Kurzfristig schrumpfte der Börsenwert des Unternehmens um 85 Millionen Mark.

Englands Tierschutzverband RSPCA forderte alle Mitglieder auf, Body Shop künftig zu boykottieren. Er will die Roddick-Kette aus seiner Liste von Firmen streichen, die nicht an Tieren getestete Kosmetika vertreiben.

»Auffallend groß« sei die Kluft zwischen »Mythos und Wirklichkeit« des Konzerns, behauptet Entine in seinem mit Spannung erwarteten Artikel. Der freie Journalist, der 16 Jahre als Produzent für ABC und NBC gearbeitet hat, wirft Body Shop vor, *___in seinen Cremes und Wässerchen seien außer natürlichen ____Inhaltsstoffen auch Farb- und Konservierungsstoffe, ja ____sogar Mineralöle, zu finden; *___seine Ablehnung von Tierversuchen sei stärker durch den ____Wunsch nach Public Relations denn aus Sorge um den ____Tierschutz motiviert; *___er habe Probleme mit seinen Qualitätskontrollen, dazu ____zähle auch der Verkauf von Produkten, die Formaldehyd ____enthalten; *___er habe Geschichten über den exotischen Ursprung ____einiger seiner Produkte erfunden.

Sollten sich Entines Vorwürfe bewahrheiten, wären nicht nur die Political-correctness-Parolen seines Untersuchungsgegenstands als Heuchelei enttarnt. Der »gesamte Ethiksektor«, warnte der Independent, würde einen schweren Schlag erleiden. Denn kein Unternehmen, so der Guardian, habe das Prinzip der Uneigennützigkeit höher gehängt als Body Shop.

Hätte das Unternehmen darauf verzichtet, sich als »green and clean« zu verkaufen, Entines Recherchen hätten niemanden interessiert. Nun ist der Streit um die Glaubwürdigkeit von »Anita the Agitator« (Time) zur Bedrohung des Unternehmens geworden. »Man könnte glauben«, sagt ein geschockter Gordon Roddick, »wir hätten ruandische Kinder getötet.«

Schon im Vorfeld der Veröffentlichung ging der aufgeschreckte Konzern seinen Kritiker frontal an. Die Roddicks schreckten auch vor wüsten Beschimpfungen, Verdächtigungen und ominösen Tonbandprotokollen nicht zurück.

Noch bevor der Artikel erschien, setzten sich die Unternehmer in einer seitenlangen Erklärung mit dessen vermutetem Inhalt auseinander. Nichts, behaupten sie, sei Entine im vergangenen Jahr wichtiger gewesen, als sich in »einer zielbewußten Verleumdungskampagne gegen Body Shop« zu engagieren.

Der Attackierte wehrte sich gegen dieses Charakterbild. Er sei keineswegs jede wache Minute damit beschäftigt, Body Shop bloßzustellen. Im Gegenteil: Im fraglichen Zeitraum habe er noch eine Menge anderer Projekte verfolgt, er habe geheiratet und einen Umzug nach Kalifornien bewerkstelligt.

Marjorie Kelly, Herausgeberin von Business Ethics, beklagt den Druck, den der Konzern auf ihren Verlag ausübte. Da er mit Verleumdungsklagen in England droht, verzichtete das Magazin darauf, Kopien des Artikels an britische Zeitungen zu schicken, die gleich dutzendfach angefragt hatten.

Die Veröffentlichung, behauptet Herausgeberin Kelly, sehe sie selbst mit gemischten Gefühlen. Sie richtet sich gegen ein Unternehmen, dessen Gründerin sie bewundert hat und das unbestritten als eines der ersten eine neue, an ethischen Leitlinien ausgerichtete Geschäftspolitik verfolgte.

Die Liste der guten Werke des Konzerns ist lang: Einsatz für sozial Schwache, Gründung von Filialen und Fabriken in Gebieten mit hoher Arbeitslosigkeit wie in Glasgow und im New Yorker Stadtteil Harlem, wo die Gewinne wieder zurück in die Gemeinden fließen, eine umweltfreundliche Recyclingpolitik. Allein 881 000 Pfund spendete Body Shop im vergangenen Jahr für soziale und karitative Zwecke.

Doch das explosive Wachstum der Kette hat Kelly nachdenklich gemacht.

Auch in der Wirtschaft, meint sie nun, sei die Welt nicht länger in »bad guys«, die traditionellen Konzerne, und die »good guys«, Unternehmen mit ethischen Grundsätzen, aufzuteilen.

Wie sehr Entines Kritik das Roddick-Imperium im Nerv getroffen hat, belegt auch ein »Statement« der deutschen Body-Shop-Vertretung. Ohne Entines Artikel zu kennen, hielt es dessen Anschuldigungen allein durch die vorschnelle Erklärung aus Littlehampton für widerlegt.

Entine hatte den Roddicks vorgeworfen, sie verwendeten auch chemische Substanzen. Niemals, wehren die sich, hätten sie behauptet, daß alle ihre Produkte aus 100prozentig natürlichen Stoffen bestehen würden.

Body-Shop-Prospekte allerdings vermitteln gutgläubigen Kunden genau diesen Eindruck. »Wir wählen aus den besten natürlichen Rohinhaltsstoffen«, heißt es dort, »und greifen zurück auf das Wissen und die Erfahrung anderer Kulturen, um nach eigenen Rezepturen exklusive Produkte herzustellen.«

Wer denkt da noch an die Chemie? Y

Die Kluft zwischen Mythos und Wirklichkeit ist auffallend groß

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