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CO OP Große Sauerei

Mit den Pensionsgeldern der Belegschaft wollte der co-op-Vorstand Ende vergangenen Jahres den Handelskonzern vor dem Bankrott retten.
aus DER SPIEGEL 3/1989

Zehntausenden von co-op-Mitarbeitern verspricht die Pensionskasse der deutschen Konsumgenossenschaften ein ordentliches Zubrot im Alter. »Gemeinsam legen wir was auf die hohe Kante«, lobt die in Hamburg ansässige Rentenkasse ihr wohltätiges Wirken für die Belegschaft.

Rund 60 Millionen Mark konnte die Kasse allein im vergangenen Jahr an die co-op-Pensionäre ausschütten. Eine Verkäuferin kann nach 30 Dienstjahren auf eine monatliche Betriebsrente von fast 700 Mark hoffen.

Das könnte schon bald weniger werden. Vor seinem Abgang hat das co-op-Management noch schnell die Pensionskasse um etliche Millionen leichter gemacht.

Ende vergangenen Jahres, als der Frankfurter Handelsriese nur knapp an einem Konkurs vorbeischlitterte, hat der co-op-Vorstand in aller Eile ein umfangreiches Paket von co-op-Aktien an die rechtlich selbständige Pensionskasse verschoben. Der Deal beschäftigt inzwischen das Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV).

Anders als bei so vielen anderen Aktien-Transaktionen innerhalb des konfus verschachtelten Konzerns ging es diesmal nicht darum zu verschleiern, daß die co op AG sich praktisch selbst gehörte. Diesmal war mehr im Spiel: Ausgerechnet mit den Pensionsgeldern der Belegschaft sollte der Handelsriese vor der Pleite gerettet werden. »Das war«, schimpft ein co-op-Manager in Kiel, »eine große Sauerei.«

Ende Oktober, nachdem der SPIEGEL unter anderem über die hohe Verschuldung der co op berichtet hatte, war die Lage in der Frankfurter Zentrale brenzlig geworden. Viele Banken strichen ihre Kreditlinien. Der angeschlagene Konzern trudelte in eine Liquiditätskrise.

In ihrer Not entsannen sich Vorstandschef Bernd Otto und seine Kollegen Werner Casper und Dieter Hoffmann der Hamburger Pensionskasse. Dort hatte sich im Laufe der Jahrzehnte ein Vermögen von rund zwei Milliarden Mark angesammelt. Es traf sich gut, daß Finanzchef Casper Vorsitzender im Verwaltungsrat der Kasse war.

Die Pensionskasse hilft allerdings nicht nur der Belegschaft der co op AG; sie ist auch zuständig für die nicht zum Konzern gehörenden Konsumgenossenschaften, etwa die co op Dortmund, die co op Kiel, die co op Ulm oder die AVA AG in Bielefeld.

Zudem untersteht die Kasse als Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit der Aufsicht des BAV in Berlin. Das Aufsichtsamt wacht unter anderem darüber, daß eine Pensionskasse nicht mehr als zwei Prozent ihres Vermögens in Aktien der Mutterfirma anlegt.

Noch ist unklar, wie der co-op-Vorstand es dennoch schaffte, das dringend benötigte Geld bei der Pensionskasse loszueisen. Vergangene Woche beauftragte der Verwaltungsrat der Kasse einen unabhängigen Wirtschaftsprüfer, die Vorgänge zu klären. Gleichzeitig wurde der für Kapitalanlagen zuständige Vorstand, der ehemalige co-op-Manager Harald Loh, mit sofortiger Wirkung von seinem Posten beurlaubt.

Sicher ist, daß in Lohs Anlageabteilung Ende Oktober fieberhafte Aktivität ausbrach. Der merkwürdige Kaufrausch begann am 21. Oktober. Systematisch ließ Loh an der Börse Aktien des ins Wanken geratenen Handelsriesen aufkaufen: 12 400 Stück am 21. Oktober, 7413 am 24. Oktober, 18 725 am 27. Oktober und so weiter.

Über die Börse kaufte Loh so bis zum 23. November 143 000 co-op-Aktien für 61 608 739,85 Mark zusammen. Als »ausf. Bank/Verkäufer« nennt eine interne Aufstellung in mehr als zwei Drittel der Fälle den Schweizerischen Bankverein (SBV) - jenes Geldinstitut, das seit Ende November bei co op die Kommandos gibt.

Doch das reichte offensichtlich nicht. Die Aufkäufe dienten möglicherweise auch nur dazu, den ins Trudeln geratenen Kurs der co-op-Aktie zu stützen - ein Vorgang, der bei der co op an der Tagesordnung war. So hatte etwa die zum coop-Bereich gehörende Handels Investitions GmbH Ende Mai täglich co-op-Aktien im Millionenwert gekauft, um den Kurs nach oben zu treiben.

Gewichtiger waren vier Transaktionen, die unmittelbar der co op zugute kamen. Dabei übernahm die Pensionskasse zwischen dem 28. Oktober und dem 14. November für insgesamt mehr als 246 Millionen Mark weitere 631 487 co-op-Papiere. Verkäufer der Aktien im Wert von über 215 Millionen war die Benfit SA in Luxemburg, eine jener ominösen Briefkastenfirmen, über die co-op-Chef Bernd Otto und seine Kollegen ihre dunklen Geschäfte abwickelten. Die Transaktionen wurden zum großen Teil über die Privatbank Delbrück abgewickelt.

Alles in allem hatte Loh so innerhalb von drei Wochen für 308 Millionen Mark gut acht Prozent der co-op-Aktien zusammengekauft. Im Schnitt zahlte er pro Aktie beinahe 400 Mark. Knapp eine Woche später übernahmen die vier Gläubigerbanken unter Führung des SBV 72 Prozent des co-op-Kapitals, zu einem Aktienkurs von nur noch 100 Mark pro Aktie.

Natürlich hatte die Kasse solche Millionensummen nicht flüssig. Um die Manöver zu finanzieren, mußten zum Teil hochrentierliche Anleihen und Obligationen sowie größere Pakete an soliden Chemie- und Bankaktien verkauft werden.

Experten schätzen, daß der Kasse in den nächsten zwei bis drei Jahren durch den Tausch der guten Papiere gegen die riskanten co-op-Aktien ein Verlust von mindestens 200 Millionen Mark entstehen wird. Bis Mitte vergangener Woche hat Loh, der auf Geheiß des BAV die brisanten Papiere möglichst rasch abstoßen soll, erst 40 Aktien wieder verkauft. Kein Wunder: Am vergangenen Freitag wurde das Papier an der Börse mit 330 Mark gehandelt.

Die Drahtzieher des Deals ficht das aber nicht mehr an. Otto, Casper und Hoffmann sitzen im schweizerischen Stans zusammen und überlegen, wie sie ihre millionenschweren Pensionszusagen retten können. Per Gericht wollen sie ihre fristlose Entlassung anfechten.

Möglicherweise werden sie es sich aber auch noch mal überlegen, nach Deutschland zu reisen und vor einem Arbeitsgericht aufzutreten. Inzwischen ermittelt gegen das co-op-Trio nicht nur die Staatsanwaltschaft in Frankfurt. Seit vergangener Woche hat sich auch das Wiesbadener Bundeskriminalamt in den Fall co op eingeschaltet.

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