Große Vergleichstabelle Bürger zahlen für Müllabfuhr Tausende Euro zu viel

1100 Euro in Berlin, 6500 Euro in Mönchengladbach: Die Müllgebühren schwanken in Deutschland erheblich. Zwischen den Kommunen gibt es Preisunterschiede von knapp 500 Prozent - bei fast gleicher Leistung. SPIEGEL ONLINE zeigt exklusiv, wer wo wie viel zahlt.

Hamburg - Wer innerhalb Deutschlands umzieht, sollte gut rechnen können. Denn in der neuen Wohnung ändern sich nicht nur die Kosten für Miete, Strom und Gas. Extreme Unterschiede gibt es vor allem bei den Müllgebühren. Das zeigt eine bundesweite Untersuchung, die exklusiv für SPIEGEL ONLINE durchgeführt wurde.

Müllabfuhr (in Hannover): Städte haben kein Interesse an Transparenz

Müllabfuhr (in Hannover): Städte haben kein Interesse an Transparenz

Foto: DDP

Beispiel 120-Liter-Tonne: In Gelsenkirchen muss man dafür 171 Euro im Jahr zahlen. In Aachen sind es 664 Euro - fast das Vierfache. Bei anderen Tonnengrößen sind die Differenzen zum Teil noch drastischer ( siehe Tabelle).

Für Strom und Gas sind ähnliche Preisuntersuchungen gang und gäbe. Der bundesweite Vergleich der Müllgebühren ist dagegen einmalig - denn die Kommunen haben an den Ergebnissen kein Interesse. SPIEGEL ONLINE hat deshalb das unabhängige Verbraucherportal Verivox mit der Analyse beauftragt. Untersucht wurden die 100 größten deutschen Städte - von Aachen bis Zwickau.

Das Ergebnis ist erschreckend: Manche Kommunen verlangen für die Müllabfuhr fünf Mal mehr Geld als andere - bei fast identischer Leistung.

Für die Bürger bedeutet dies in vielen Fällen extrem hohe Kosten - was in Zeiten explodierender Energie- und Lebensmittelpreise besonders schmerzhaft ist. Anders als bei Strom oder Gas haben die Verbraucher beim Müll jedoch keine Möglichkeit, den Anbieter zu wechseln. Sie sind an ihren lokalen Abfallbetrieb gebunden.

Der Wettbewerb bleibt da auf der Strecke: Selbst Städte, die direkt nebeneinander liegen, haben völlig verschiedene Gebührensätze. In Köln zum Beispiel sind für einen 1100-Liter-Container, den 70 Personen nutzen können, pro Jahr 2389 Euro fällig. Auf der anderen Rheinseite, in Leverkusen, kostet dasselbe Angebot 5139 Euro.

Dabei spielt es keine Rolle, wie groß eine Stadt ist, ob sie im Norden liegt oder im Süden, im Osten oder im Westen: Die Preisunterschiede bestehen ohne erkennbare Systematik. Es scheint, als würden die Kommunen ihre Gebühren nach Gutdünken festlegen.

Auf Transparenz legen die Städte dabei keinen Wert. Manche Verwaltungen verstecken ihre Gebühren so gut, dass man sie im Internet kaum findet. Viele Ämter veröffentlichen überhaupt keine Preisübersicht - sie verweisen lediglich auf die jeweilige "Abfallwirtschaftsgebührensatzung". Dort findet sich die entscheidende Auskunft dann oft im letzten Absatz des vorletzten Paragrafen.

Der bundesweite Gebührenvergleich auf SPIEGEL ONLINE zeigt nun erstmals offen, wo effizient gewirtschaftet wird - und wo die Bürger zu viel zahlen müssen.

Kommunen verlangen mehr Geld als nötig

Die größten Preisunterschiede gibt es bei 1100-Liter-Containern, die vor allem in Mehrfamilienhäusern verwendet werden. In Berlin müssen die Bewohner dafür 1138 Euro im Jahr zahlen, in Mönchengladbach sind es 6533 Euro. Die Differenz: sagenhafte 474 Prozent. Untersucht wurde dabei - wenn möglich - das günstigste Angebot ("Teilservice"), das heißt, der Müll wird vor dem Haus abgeholt.

Die Stadt Mönchengladbach verteidigt die hohen Gebühren damit, dass der Sperrmüll im Gegenzug umsonst sei. "Außerdem werden alte Weihnachtsbäume im Januar gratis abgeholt", sagt ein Sprecher. Im Übrigen werde der 1100-Liter-Container in Mönchengladbach kaum nachgefragt.

Doch reicht das als Erklärung? Der Testsieger Berlin zeigt, dass es auch günstiger geht: "Wir haben unsere Effizienz in den letzten Jahren extrem gesteigert", sagt eine Sprecherin der Stadtreinigung BSR. "Das fängt bei den Arbeitsabläufen an und hört bei der Müllverbrennung auf."

Besonders hoch sind die Containergebühren auch in Augsburg, Bergisch-Gladbach, Düren, Erfurt und Moers. Vergleichsweise günstig fahren die Verbraucher dagegen in Bremen, Hamburg, Ludwigsburg, Mülheim, Paderborn, Schwerin und Wiesbaden.

Die extremen Preisunterschiede lassen nur einen Schluss zu: Manche Kommunen verlangen für die Müllentsorgung mehr Geld als nötig. Andere Städte beweisen, dass dieselbe Dienstleistung um Tausende Euro günstiger angeboten werden könnte.

Zu einem ähnlichen Ergebnis kam kürzlich der Bund der Steuerzahler, der die Müllgebühren in Nordrhein-Westfalen untersucht hat. Das Fazit: Die Abfallwirtschaftsbetriebe hätten zahlreiche Möglichkeiten, die Gebührenlast für die Bürger zu senken.

Preissprung um 36 Prozent

Den Kommunen ist der bundesweite Vergleich deshalb gar nicht recht. "Da werden Äpfel mit Birnen verglichen", sagt Simon Burger vom Deutschen Städte- und Gemeindebund. Schließlich gebe es strukturelle Unterschiede zwischen Ballungszentren und ländlichen Regionen. Ein Sprecher des Bundesverbands Sekundärrohstoffe und Entsorgung (BVSE) ergänzt: "In Bayern fällt mehr Schnee als in Norddeutschland. Das macht die Müllabfuhr teurer."

Experten weisen die Kritik jedoch zurück. So ergab eine Studie des Bundesverbands der Verbraucherzentralen aus dem Jahr 2005, dass "die unterschiedliche Siedlungsstruktur und die damit zusammenhängenden Transportwege und Logistikkosten" keinen Einfluss auf die Gebührenhöhe haben.

Die Schlussfolgerung der Autoren: "Im Rahmen der Kostenrechnung und Gebührenkalkulation besteht ein erheblicher Gestaltungsspielraum." Mit anderen Worten: Die Kommunen können ihre Abfallsatzung mehr oder weniger frei bestimmen - und das nutzen sie voll aus.

Laut Statistischem Bundesamt sind die Kosten für Müll in den vergangenen zehn Jahren um 36,5 Prozent gestiegen - obwohl immer mehr Bürger ihre Abfälle trennen. Zum Vergleich: Die viel gescholtenen Stromkonzerne haben ihre Tarife im selben Zeitraum um 29,2 Prozent erhöht.

Städte kündigen neue Erhöhungen an

Die Städte weisen darauf hin, dass manche Entsorgungsbetriebe Zusatzleistungen anbieten, zum Beispiel die Biotonne. Dies sei ein Grund für die Unterschiede bei den Gebühren.

Der SPIEGEL-ONLINE-Vergleich zeigt jedoch: Mit Biotonne sind die Müllgebühren nicht unbedingt höher. Und ohne sind sie nicht niedriger: Manche Städte bieten überhaupt keine Biotonne an - und gehören trotzdem zu den Preistreibern.

Verbraucherschützer warnen ohnehin, dass die Biotonne ökologisch keinen Sinn mache. Die Experten verlangen deshalb eine Zusammenlegung mit der Restmülltonne - so ließe sich viel Geld sparen.

Tatsächlich geht die Entwicklung aber in die andere Richtung: In Zukunft müssen die Verbraucher für ihren Müll eher mehr als weniger zahlen. Vor wenigen Tagen kündigte der Städte- und Gemeindebund einen erheblichen Anstieg der Gebühren an.

Als Grund nannte der Verband die starke Zunahme der illegalen Abfallentsorgung: Bisher müssten die Kommunen dafür 800 Millionen Euro im Jahr aufbringen, ab 2010 sei mit einer Milliarde Euro zu rechnen. Die Mehrkosten würden dann auf die Gebührenzahler abgewälzt.

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