Großinvestor Icahn Gieriger Firmenjäger scheitert an Yahoo

Er hat hoch gepokert und doch verloren: Im Übernahmekampf von Microsoft und Yahoo hat Carl Icahn alle Hebel in Bewegung gesetzt. Am Ende triumphiert Yahoo - eine Schlappe für den als aggressiv bekannten Firmenjäger.

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Hamburg - Fast hätte man meinen können, sie seien Brieffreunde geworden: Beinah täglich kamen die Briefe an den Yahoo-Verwaltungsrat und der schrieb fast ebenso regelmäßig zurück. Doch der Ton zwischen dem US-Großanleger und Firmenjäger Carl Icahn und Yahoo-Verwaltungsratschef Roy Bostock war alles andere als freundlich - und die Inhalte erst recht nicht.

Firmenjäger Icahn: "Wenn du einen Freund brauchst, besorg dir einen Hund"
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Firmenjäger Icahn: "Wenn du einen Freund brauchst, besorg dir einen Hund"

"Ich glaube, die meisten Ihrer Aktionäre würden gerne mal Ihren Kalender sehen - vor allem, weil aus den meisten Ihrer sogenannten Vorhaben Misserfolge geworden sind", ließ Icahn Yahoo wissen. Nachdem er darauf hingewiesen hatte, dass jedes Verwaltungsratsmitglied eine Vergütung von 10.000 Dollar pro Woche bekommt. "Carl Icahn hat keinen glaubwürdigen Plan, wie er Wachstum schaffen will", ätzte Bostock umgehend zurück. Außerdem verdrehe er Tatsachen und manipuliere Fakten.

Was sich nach einem beleidigten Wortwechsel zwischen zwei pubertären Schuljungs anhört, war allerdings nichts anderes als ein erbitterter Machtkampf zwischen einem der größten Internetportale der Welt und einem 72-jährigen Firmenjäger, der sich dem Kampf gegen die Spitzen etablierter Konzerne verschrieben hat. Seit Jahrzehnten gilt Icahn als extrem aggressiver Investor, der schon dann Panik bei den Vorständen und Kursschwankungen an der Börse auslöst, wenn nur spekuliert wird, er wolle Anteile an einem Unternehmen kaufen.

So auch bei seiner jüngsten Attacke gegen Yahoo: Anfang Mai waren nach dreimonatigem Hickhack die Verhandlungen zwischen Yahoo Chart zeigen und Microsoft Chart zeigen gescheitert. Microsoft hatte 33 Dollar pro Aktie geboten, Yahoo 37 Dollar pro Aktie gefordert - und irgendwann hatte Microsoft-Chef Steve Ballmer die Verhandlungen entnervt abgebrochen. Der Kurs von Yahoo sackte auf weniger als 25 Dollar ab.

"Blut im Wasser riechen"

Und genau das brachte Icahn auf den Plan, der von sich selbst behauptet, das "Blut im Wasser riechen" zu können. Zu Preisen zwischen 23 und 27 Dollar hat er mittlerweile über 50 Millionen Yahoo-Aktien gekauft, was 4,3 Prozent des Unternehmens entspricht. Langfristig wolle er diesen Anteil, so kündigte Icahn an, sogar auf sieben Prozent aufstocken. Sprach's - und freute sich über den Kurssprung, den die Yahoo-Aktie daraufhin machte.

Denn genau das war das Ziel des mit einem Vermögen von 14 Milliarden Dollar angeblich reichsten Mannes von New York: Er wollte den Aktienkurs von Yahoo in die Höhe treiben, um saftigen Gewinn zu machen. Und das, so seine Argumentation, ginge nur im Verbund mit Microsoft, nur so könne Yahoo dem Konkurrenten Google Chart zeigen Paroli bieten - ausgerechnet jenem Unternehmen, mit dem Yahoo jetzt eine Partnerschaft eingeht. In einem seiner berüchtigten offenen Briefe forderte er deshalb Yahoo-Verwaltungsratschef Bostock auf, die Verhandlungen mit dem Technologiekonzern wieder aufzunehmen.

Doch damit nicht genug: Gleichzeitig kündigte er an, zehn Kandidaten für die Verwaltungsratswahlen am 3. Juli vorzuschlagen - darunter sich selbst. Eine Kampfansage, wie sie deutlicher nicht sein könnte, denn die Liste seiner möglichen Verwaltungsräte umfasste alte Buddies: Neben seinem Chefberater Keith Meister und dem Eigner des Basketball-Teams Dallas Mavericks, Mark Cuban, ist das vor allem der frühere Viacom-Chef Frank Biondi.

Der ist ein alter Verbündeter bei Kampfabstimmungen über Verwaltungsräte: Denn mit derselben Taktik hatte Icahn erst vor kurzem den Softwareanbieter BEA Systems Chart zeigen überrumpelt und zurück an den Verhandlungstisch mit Oracle Chart zeigen gezwungen. Wie Microsoft-Chef Ballmer hatte auch Oracle-Chef Larry Ellison seine Übernahme-Absichten wegen zu hoher Forderungen aufgegeben. Nach der Intervention von Icahn kam der Deal schließlich doch noch zustande - zu einem leicht erhöhten Preis.

Konzernspitzen werden als "Schwachköpfe" geschmäht

Tatsächlich gibt es kaum einen Großinvestor, der einen solch legendären Ruf hat wie Icahn: Ob er in ganzseitigen Anzeigen im "Wall Street Journal" den Motorola Chart zeigen-Chef Ed Zander angreift, dessen Aussagen könnten auch aus dem Kindermärchen "Alice im Wunderland" stammen, oder die Konzernspitzen generell als "Schwachköpfe" schmäht - wo Icahn auftritt, wird es laut.

Er soll Oliver Stone als Vorbild für den skrupellosen Börsenhändler Gordon Gekko in dem Film "Wall Street" gedient haben. Das Zitat "Wenn du einen Freund brauchst, besorg dir einen Hund" soll Icahn einst zu einem Mitarbeiter der Fluggesellschaft TWA gesagt haben, die er ebenfalls übernommen und kontrolliert hat. Dort presste er den Arbeitnehmern Gehaltskürzungen ab, verkaufte Flugzeuge, legte Strecken still - führte den Konzern aber trotzdem in die Insolvenz.

Denn tatsächlich ist der streitlustige Großinvestor nicht in jedem Fall erfolgreich - wie jetzt auch der aktuelle Kampf um Yahoo zeigt. Weil Icahn aber stets mit vier bis fünf Projekten gleichzeitig zu Gange sein soll, wird es wohl nur eine Frage der Zeit sein, bis dem nächsten Unternehmenschef die Briefe des selbsternannten Aktionärsschützers ins Haus flattern. Wenn man seinem Film-Double Gekko glaubt, liegt der Grund dafür auf der Hand: "Gier", so sagt der, "ist etwas Gutes."



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