Grüne Woche Sind Frauen die besseren Bauern?

Keiner kennt sie, keiner erwartet das: Immer mehr Bäuerinnen führen ihren Hof alleine - ohne Männer. Erfolgreich behaupten sie sich in der Männerdomäne Landwirtschaft - wie SPIEGEL ONLINE anhand von zwei Beispielen zeigt.

Von Tobias Dorfer


Schladen/Cuxhaven – Mehr als 300.000 Besucher tummelten sich in den vergangenen Tagen auf der Grünen Woche in Berlin. Auf der größten Landwirtschaftsmesse trafen sich Bauern, Futterhersteller und alle, die mit Landwirtschaft Geld verdienen. Marion von Kaufmann hat dafür keine Zeit. Sie muss sich um den Hof kümmern. Ihren Hof. Anstatt Smalltalk in den Messehallen zu halten, redet sie lieber über Erbsen.

Landwirtin Marion von Kaufmann: "Da puzzeln wir auch mit"
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Landwirtin Marion von Kaufmann: "Da puzzeln wir auch mit"

Denn die Erbse könnte den Hunger der Welt lindern – und Marion von Kaufmann weiß auch, wie. Erbsen binden den Stickstoff in der Luft und ernähren sich davon. Wenn man dieses Prinzip auch auf Getreide anwenden könnte, dann bräuchte man weniger Düngemittel. Marion von Kaufmann ist überzeugt: "Das ist gut für die dritte Welt."

Marion von Kaufmann, 57 Jahre alt, ist Landwirtin und Unternehmerin. Seit ihr erster Mann 1983 starb, bewirtschaftet sie das Gut im niedersächsischen Schladen - alleine. Sie trägt die Verantwortung für 466 Hektar Ackerland auf denen Zuckerrüben, Winterweizen, Raps und Braugerste gedeihen. Bis vor 15 Jahren wohnten im Stall des historischen Anwesens noch 2000 Mastschweine. Von denen hat sich Marion von Kaufmann inzwischen jedoch getrennt: nicht rentabel. "Die Gebäude eignen sich nicht für die Schweinemast."

Die Unternehmerin weiß genau, was sich rechnet und was nicht. Rund 800.000 Euro Umsatz weist sie jedes Jahr aus, drei fest angestellte Mitarbeiter sind auf dem Hof beschäftigt. Da kommt es vor allem darauf an, dass am Ende des Monats die Kasse stimmt.

Die Erträge sind wichtig, klar, schließlich will die Familie ernährt werden. Die heimliche Leidenschaft von Marion von Kaufmann bemerkt man schnell, wenn man mit ihr redet. Nicht über Geld - sondern über Wissenschaft, Visionen und eben über Erbsen gegen den Hunger der Welt. Die Unternehmerin redet von Plastiktüten aus Weizenstärke und von biologisch abbaubaren Armaturenbrettern aus Flachs- und Jutefasern. Alles möglich - und sie ist mittendrin im Fortschritt: "Da puzzeln wir auch mit."

Und das aus Leidenschaft. Denn Marion von Kaufmann ist Agrar-Ökonomin, und dass darin das Wort "Ökonom" versteckt ist, findet sie nur richtig: "Heute überlebt nur der Betrieb, der wirtschaftlich und effizient arbeitet." Bauernromantik? Die gäbe es vielleicht in den Alpen. Aber die Realität sieht anders aus.

In der Realität der europäischen Unternehmen werden 32 Prozent der Führungspositionen von Frauen besetzt. In der deutschen Landwirtschaft ist die Zahl deutlich geringer. Vier bis fünf Prozent der Betriebe würden von Frauen geführt, schätzt Lilo Schön vom Deutschen Landfrauenverband. Legt man die 380.000 Betriebe, die es in Deutschland laut dem Deutschen Bauernverband gibt, zugrunde, dann werden hierzulande etwa 15.000 Betriebe von Frauen geleitet. Tendenz: steigend. Immerhin.

Auch Christiane Buck gehört zu dieser kleinen Gruppe. Zusammen mit ihrem Mann bewirtschaftet sie in Cuxhaven 200 Hektar Land. Eigentlich, so erzählt die 47-Jährige, wollte sie nie Bäuerin werden. Und das, obwohl ihre Eltern einen Bauernhof besaßen. "Ich wollte auch keinen Bauern heiraten", sagt Christiane Buck.

Schließlich heiratete sie doch einen Landwirt und wurde das, was sie nie werden wollte. Schließlich bekam sie doch die volle Ladung Bauernleben: Die junge Frau brachte den elterlichen Hof in das Gemeinschaftsunternehmen ein – und ist seitdem nicht nur gleichberechtigte Ehefrau, sondern auch gleichberechtigte Geschäftspartnerin.



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