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GUTACHTEN Gut angelegt

Verkaufen ist schwer. Die Firma Siemens half mit ordentlichen Geldbeträgen nach. *
aus DER SPIEGEL 21/1986

Geld spielte offenkundig keine Rolle, wenn die Weltfirma Siemens Forschungsarbeiten und Expertisen bestellte. Zu Stückpreisen zwischen 150000 und 250000 Mark, zuzüglich Mehrwertsteuer, kaufte der Elektrokonzern diverse Studien. Doch ob die teuren Papiere jemals im Hause Siemens gelesen wurden, ist zweifelhaft.

Für 250000 Mark erstand Siemens beispielsweise ein Gutachten über »Verbesserte Ausnutzung des Fernwärmenetzes«. Dieses Werk wäre auch ein wenig billiger zu haben gewesen.

Eine ganz ähnliche Fernwärmestudie hat das Bonner Forschungsministerium herausgegeben. Interessenten können das Papier unter dem Titel »Verbesserte Ausnutzung von Fernheiznetzen« für 29,80 Mark vom TÜV Rheinland beziehen.

Für das Gutachten »Rationelle Energieverwendung bei dem Wohnprojekt Berlin-Chamissoplatz« zahlte Siemens 200000 Mark. Das Bundesministerium für Forschung und Technologie (BMFT) gibt unter der Bestellnummer BMFT-FB-T 83-223 die energietechnische Studie über das »Sanierungsprojekt Berlin-Chamissoplatz« für 37,50 Mark ab.

Das 373-Seiten-Werk »Energiesparende Maßnahmen im sozialen Wohnungsbau am Beispiel des Bebauungsplans 402 in Erlangen«, Bestellnummer BMFT-FB-T 83-108, kostet 54 Mark. Siemens zahlte für ein Werk über »rationelle Energieverwendung im Planungsgebiet Erlangen-West« 150000 Mark.

Kein debiler Siemens-Mann warf da dauernd Hunderttausende zum Fenster heraus. Zielbewußt kaufte eine nüchtern kalkulierende Spitzenkraft: Kurt Dietz Leiter des Bereichs Installationsanlagen und Klimatechnik bei Siemens in Erlangen. Denn nicht das Gutachten war für Siemens wichtig, sondern der Empfänger des Geldes: die Kölner Ingenieurfirma Schmidt Reuter, die mit rund 400 Beschäftigten und acht Niederlassungen eine der führenden deutschen Ingenieurfirmen ist, auf ihrem Spezialgebiet gar die größte.

Das Kölner Unternehmen, laut Briefkopf eine »Ingenieurgesellschaft für technische Gesamtplanung«, konzipiert die technische Ausrüstung von Großbauten, sorgt für Klimaanlagen wie Kabelinstallationen, Fahrstühle wie Beleuchtung. Wo immer Schmidt Reuter für die technische Ausstattung zuständig war, kam sehr häufig die Firma Siemens zum Zug.

Daß der bayrische Elektrogigant so oft die Konkurrenz abhängte, lag - so ist zu vermuten - an der Spendierfreudigkeit des Managements. Zwischen September und Dezember 1981 etwa steckte der Siemens-Bereich Installationstechnik seinem Kölner Geschäftsfreund 750000 Mark zu - für »Studien und Forschungsarbeiten«.

Am 15. Dezember 1981 kündigte Siemens-Manager Dietz seinem Mann in Köln ein besonders schönes Weihnachtsgeschenk an. Über die bereits georderten Studien hinaus, so schrieb Dietz an Firmenchef Fritz Reuter, werde er »auch noch« zwei weitere Studien zum Gesamtpreis von 350000 Mark ankaufen.

Schon eine Woche später war dafür das Geld fällig: Am 21. Dezember schickte Reuter die Rechnung für die beiden von Siemens bestellten Forschungsarbeiten ab.

Schnell verdientes Geld. Reuter brauchte nicht viel zu schreiben. Die Texte kamen zum überwiegenden Teil aus dem Bonner Forschungsministerium und wurden bis zum 8000fachen Preis an Siemens weitergereicht. So manches Gutachten, das Fritz Reuter an Siemens verkaufte - so etwa die Fernwärmestudie oder die Möglichkeiten der Energieeinsparung in Berlin-Chamissoplatz - hatte die Ingenieurfirma Schmidt Reuter gegen Honorar für das Bonner Forschungsministerium angefertigt, exklusiv.

Reuter, so versichert Siemens-Sprecher Alexander Großmann, habe nicht einfach BMFT-Studien an Siemens verkauft - der Kölner Ingenieur habe für das viele Geld vielmehr »eine Art Zusammenfassung des Gutachtens« geliefert oder auch »weitergehende, vertiefte Daten und Fakten«.

Für Siemens jedenfalls machten die Überpreise Sinn: Wenn auch Schmiergelder steuerlich abzugsfähig sind, so verunzieren Firmen nicht gern ihre Buchhaltung mit diesem häßlichen Wort. Und schließlich war das Geld für die überflüssigen »Studien und Forschungsberichte« gut angelegt.

Bei den Aufträgen, die Schmidt Reuter an Siemens vermittelte, ging es um ordentliche Summen: 7,5 Millionen Mark waren es beispielsweise bei dem Hochhaus der Deutschen Bank in Frankfurt, 2,5 Millionen Mark bei einem Ford-Bau in Köln, 13 Millionen beim Landtag in Düsseldorf 5,75 Millionen beim Innenministerium in Düsseldorf.

Daß sich Fritz Reuter nicht nur von Bauherren bezahlen ließ, sondern auch von einem Lieferanten kassierte. verstößt gegen die Anstandsregeln, die der Verband Beratender Ingenieure (VBI) für seine Mitglieder aufgestellt hat. Nach der VBI-Satzung dürfen freiberufliche Ingenieure »in Ausübung ihres Berufs keine Provisionen, Rabatte oder ähnliche Vergünstigungen« nehmen.

Fritz Reuter kennt sich in dem Ehrenkodex seiner Zunft bestens aus: Er war jahrelang VBI-Vorstandsmitglied. Da war der Kölner so tüchtig, daß sein Einsatz belohnt wurde. Vor drei Monaten erhielt Reuter das Bundesverdienstkreuz.

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