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AFFÄREN Gutes Herz

Rentner sollen ihre Eigenheime am Stadtrand von München räumen, weil auf den -- von ihnen gepachteten -- Grundstücken Villen gebaut werden.
aus DER SPIEGEL 31/1979

Die Sitzung im Saal 104 des Münchner Amtsgerichts glich einem bunten Nachmittag für Senioren. Leutselig kommentierte Richter Wilhelm Wenning bei der Vernehmung zur Person die Angaben der Beteiligten mit launigen Sprüchen.

»Geboren IX. 6. l892?« staunte der Richter. »Do san S' ja älter wie mein Vater.« Oder: »10. 11. 1904? Mei, do haben S' ja am selben Tag Geburtstag wie ich« Nur einmal gingen dem Plauderer in der schwarzen Rohe die Worte aus, weil eine betagte Zeugin sich nicht an ihr Geburtsdatum erinnern konnte.

Bei den alten Leuten wollte allerdings keine heitere Stimmung aufkommen. Denn für sie ging es immerhin darum, ob sie ihre letzten Lebensjahre noch in den eigenen vier Wänden verbringen können oder ob sie innerhalb kurzer Frist auf der Straße stehen. In einer Serie von Prozessen sollen die neun Rentner gezwungen werden, nach über 40 Jahren ihre selbsterbauten Eigenheime zu räumen, damit an deren Stelle Villen gebaut werden können.

Die vom Rauswurf bedrohten Hausbesitzer sind in eine Gesetzeslücke geraten: Sie genießen weder die Sicherheit eines Eigenheimes noch den Schutz des Wohnraumkündigungsgesetzes.

In den dreißiger Jahren hatten die neun sowie etliche inzwischen schon weggestorbene Nachbarn am Stadtrand von München von der Hebamme Annimarie Merkl jeweils 1000 Quadratmeter große Grundstücke gepachtet und darauf mit eigener Hand bescheidene Häuschen errichtet. Laut Pachtvertrag stand ihnen für den Grund ein Vorkaufsrecht zu.

»Wenn wir nicht geglaubt hätten, daß der Boden einmal uns gehören würde«, klagt einer der vor Gericht zitierten Rentner, Andreas Fischer, 75. »hätten wir doch nie soviel Mühe, Zeit und Liebe investiert.«

Doch aus den Hausbesitzern wurden nie Grundbesitzer. Statt dessen bekam Fischer nach 42 Pachtjahren einen Kündigungsbrief. Das ehemalige Wald- und Wiesenland war inzwischen wertvoller Baugrund. Bodenbesitzerin Merkl wollte das Gelände an eine Hausbaugesellschaft des Münchner Architekten Christian von Teppner verkaufen.

Ihr vertragliches Vorkaufsrecht, erfuhren die rechtsunkundigen Pächter nun, war gar nichts wert: Es hätte beim Notar beurkundet werden müssen.

Nicht einmal die Schutzfristen des Mietrechts wollte die Grundherrin gelten lassen. Denn in den Verträgen sei immer nur von »Gartenland« die Rede gewesen.

Mit dieser Argumentation kam die Geburtshelferin außer Dienst schon in einem Fall vor Gericht durch. Amtsrichter Herbert Rosendorfer, im Nebenberuf Schriftsteller ("Der Ruinenbaumeister"), verurteilte das Rentnerpaar Fischer zum sofortigen Auszug.

So schnell gaben die Alten aber nicht auf. Direkt vom Gericht zogen sie ins Rathaus und drangen bis ins Vorzimmer von Oberbürgermeister Erich Kiest (CSU) vor.

Für das Stadtoberhaupt ist der Fall unangenehm genug. Alle Stadtrats-Fraktionen beklagen die Münchner Wohnungsnot, und auch der OB suchte sieh erst unlängst mit einem städtischen Eigenheim-Programm zu profilieren. Doch noch vor Beginn der Prozesse hatte das Städtische Amt für Wohnungswesen der Hausbaugesellschaft »die Genehmigung zur Zweckentfremdung von Wohnraum durch Abbruch« in Aussicht gestellt.

Kiest, der -- so ein Mitarbeiter -»ein gutes Herz hat, auch wenn er nicht so aussieht«, ließ den Mietern schriftlich versichern, er werde die Angelegenheit »mit größtem Wohlwollen« prüfen lassen.

Dabei kam bisher nicht mehr heraus als die Aussicht auf kurzen Aufschub der Räumung, bis den Rentnern Sozialwohnungen oder wie es die Stadt am liebsten hätte Plätze im Altenheim zugewiesen sind.

Die bejahrten Häusler aber können nicht begreifen, warum man sie an ihrem Lebensabend noch ans (ler gewohnten Umgebung herausreißen muß: Lebendig gehen wir aus unserem Haus nicht heraus.«

Sie wären bereit, die Grundstücke selber zu kaufen -- Geld dafür haben die meisten seit Jahrzehnten zurückgelegt. Das wenigste wäre, die Alten noch bis zu ihrem seligen Ende in den Häusern zu lassen und erst dann mit den lukrativen Neubauten zu beginnen.

Doch da stoßen die Rentner auf taube Ohren. Denn auch Grundherrin Merkl hat nicht mehr viel Zeit zu verlieren: Sie ist 8l Jahre. Vor Gericht ließ sie sieh mit einem Attest entschuldigen, da sie »wegen hochgradiger Schwerhörigkeit dem Verlauf der Verhandlung nicht mehr folgen könne«.

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