Händler fürchten verschärfte Corona-Regeln Die Angst vor leeren Einkaufsstraßen

Lange Warteschlangen vor den Lebensmittelläden – und vorweihnachtliche Tristesse in den Innenstädten: Das fürchtet die Wirtschaft wegen des verschärften Shutdowns. Was ist dran an den Klagen der Händler?
Berliner Alexanderplatz: Verlierer sind viele Innenstadthändler

Berliner Alexanderplatz: Verlierer sind viele Innenstadthändler

Foto: Michael Kappeler/ dpa

Der Berliner Alexanderplatz strahlt fast gespenstische Ruhe aus an diesem wolkenverhangenen Tag Ende November. Eine junge Frau kreuzt den Weg, das Handy wie ein Tablett vor dem Mund, den Blick konzentriert auf einen imaginären Punkt in der Ferne gerichtet, von der anderen Seite her weht der lärmende Gesang einer kleinen Band herüber.

Am Eingang eines Einkaufszentrums schrauben ein paar Arbeiter golden gestrichene Plastikornamente an einen Rahmen, der der Ladenpassage ein festliches Antlitz verleihen soll: die traurige Kulisse eines Fests, das in diesem Jahr ganz anders ausfällt, als dies die meisten gewohnt sind: Weihnachten unter Corona-Bedingungen.

Auch die Kaufleute haben wenig Grund zu feiern. Statt Vorfreude herrscht diesmal Tristesse. Denn weil die seit Anfang November gültigen Restriktionen nicht wie von der Regierung erhofft wirken, werden sie bis mindestens 20. Dezember verlängert – und teilweise noch verschärft.

Gähnende Leere in den Innenstädten

Und obwohl es andere Branchen deutlich härter trifft, ist es diesmal der Einzelhandel, der sich besonders benachteiligt fühlt. »Der große Verlierer sind viele Innenstadthändler, denen unter den Corona-Bedingungen die Kunden und die Umsätze wegbrechen«, klagte der Hauptgeschäftsführer des Handelsverbandes Deutschland, Stefan Genth, am Donnerstag. Edeka-Chef Markus Mosa warnte, der Lebensmittelhandel könne unter diesen Vorgaben »die hohe Nachfrage gerade im Weihnachtsgeschäft nicht bedienen«. Rewe-Boss Lionel Souque befürchtet gar »chaotische Situationen vor den Supermärkten«.

Grund für die Sorge sind die Vorschriften, die Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder am Mittwoch beschlossen hatten. Demnach müssen die Einzelhändler zwar nicht zusperren, wie etwa Restaurants, Theater oder Fitnessstudios. Doch Geschäfte mit mehr als 800 Quadratmetern dürfen vom 1. Dezember an deutlich weniger Kunden ins Haus lassen als bisher. Das trifft praktisch alle Waren- und Möbelhäuser, aber auch Elektronikmärkte und die meisten Supermärkte und Discounter.

Was das für viele Händler bedeutet, lässt sich nur einschätzen, wenn man weiß, wie mau das Geschäft teilweise zuletzt schon lief. Nach Erhebungen des Marktforschungsinstituts Hystreet ist in den sonst so überlaufenen Innenstädten von München, Berlin, Köln oder Hamburg die Zahl der Passanten im Vergleich zum November des Vorjahres um mehr als die Hälfte geschrumpft. »Die Zahlen haben sich zwar stabilisiert«, sagt Hystreet-Geschäftsführer Julian Aengenfoort. »Doch sie bewegen sich auf sehr niedrigem Niveau.«

Handel fordert Staatshilfen

Aus Sicht der Corona-Bekämpfer ist das natürlich einerseits ein großer Erfolg, denn es geht ja genau darum, die Zahl der sozialen Kontakte zu reduzieren, um die Ausbreitung des Virus zu stoppen. Die Nebenwirkungen spüren die Besitzer der Geschäfte in den Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen allerdings deutlich: In den ersten drei Wochen des Teil-Lockdowns gingen die Umsätze gemessen an denen des Vorjahresmonats um durchschnittlich 30 Prozent zurück, sagt HDE-Chef Genth. Die Nachfrage nach Mode und Schuhen schrumpfte sogar noch deutlich stärker. Die ganze Hoffnung der Kaufleute ruhte deshalb auf der alljährlichen Sonderkonjunktur in der Vorweihnachtszeit, doch die droht jetzt auch wegzubrechen. Ohne staatliche Unterstützung sei die Situation nicht zu meistern, sagt Genth.

Womöglich hoffen die Kaufleute, dass mit einer Bundeshilfe auch die finanziellen Folgen einiger Versäumnisse ausgeglichen werden, die sie selbst zu verantworten haben. Denn die Kundenflucht aus den Innenstädten ist kein Phänomen, dass die Branche erst seit dem ersten Shutdown beschäftigt. Seit Jahren schon wächst die Zahl derer, die lieber vom heimischen Sofa aus das Internet nach günstigen Angeboten durchstöbern. Der Service ist oft besser als im Geschäft, was nicht gefällt, kann man kostenlos zurückschicken – und irgendwo entfernt in der Welt findet sich immer ein Händler, der das begehrte Stück noch ein paar Euro günstiger anbietet.

Der Handelsverband fürchtet nun, dass ausgerechnet im wichtigen Weihnachtsgeschäft weitere Umsätze ins Internet abwandern – zulasten der Mode- und Schuhhäuser, Parfümerien, Uhren-, Schmuck- und Spielwarengeschäfte in den Innenstädten. »Die Verbraucher werden auch in Corona-Zeiten Weihnachtsgeschenke kaufen«, erklärt Genth. »Unter den Bedingungen des Teil-Lockdowns erledigen sie ihre Einkäufe in vielen Branchen aber voraussichtlich lieber online«. 

Vernachlässigung des Onlinehandels rächt sich

Erik Maier, Juniorprofessor an der Leipziger Graduate School of Management, bezweifelt denn auch, dass die bevorstehenden strengeren Corona-Regeln selbst in der vorweihnachtlichen Konjunktur zu langen Schlangen vor den Läden führen, wie manche Schwarzmaler unken. »In Vor-Corona-Zeiten lockten Weihnachtsmärkte und Kinos die Menschen in die Stadt. Cafés und Restaurants luden zum Verweilen ein«, erklärt der Marketingexperte. Solche Zerstreuungen seien für viele mindestens so wichtig wie der Einkauf selbst.

Warenhäuser oder Malls hätten deshalb aktuell wenig Anlass, die Verschärfung der Corona-Regeln zu fürchten, sondern vielmehr, ob überhaupt genügend Kunden in die Läden kommen. »Wenn einem nur der Einkauf übrig bleibt, ohne das Erlebnis, dann kauft man nur noch, was man wirklich braucht«, erklärt Maier. In dieser Disziplin aber sei das Internet kaum zu schlagen.

Händler, die sich beizeiten ein Standbein im Onlinehandel aufgebaut haben, sehen die Corona-Verschärfungen denn auch deutlich gelassener. »Unsere Filialen verfügen durchschnittlich über 2400 Quadratmeter Fläche und sind daher von den Einschränkungen betroffen«, erklärt etwa ein Sprecher der Elektronik-Kette MediaMarktSaturn: »Das ist nicht toll, aber wir können damit umgehen.« Der Ausbau des Digitalgeschäfts habe mit einem Umsatzplus von 54 Prozent im Schlussquartal des Vorjahres die Rückgänge im Filialgeschäft mehr als ausgeglichen.

Lebensmittelsupermärkte mit Sorgen

Wesentlich mehr Grund zum Protest haben dagegen die großen Lebensmittelsupermärkte. Sie machen zwar gute Geschäfte, fürchten aber, dass sich die Verwerfungen des Shutdowns im Frühling noch einmal wiederholen. Im März hatte sich unter Verbrauchern plötzlich die Sorge verbreitet, dass womöglich auch die Lebensmittelversorgung gefährdet sei. Es bildeten sich lange Schlangen, erst vor den Kassen, später vor den Läden. Einzelne Produkte waren wochenlang kaum zu bekommen.

Der Onlinehandel konnte in diesem Fall nur bedingt helfen. Denn mehr als bei anderen Warengruppen spielt Auge und Tastsinn beim Kauf von Lebensmitteln eine entscheidende Rolle. Es geht nicht nur um die Frage »Apfel oder Birne?«, sondern »welcher Apfel, welche Birne?«.

Vor Festtagen wie Weihnachten war der Andrang schon immer besonders groß – und entsprechend groß ist diesmal auch die Sorge, dass die Wocheneinkäufe im totalen Chaos enden. »Wenn nur noch 40 statt 100 Menschen gleichzeitig in einem Supermarkt mit 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche einkaufen dürften, befürchte ich vor Weihnachten endlose Warteschlangen«, erklärte Rewe-Chef Souque – und wies im gleichen Atemzug darauf hin, dass das programmierte Gedränge vor den Läden eher zur Ausbreitung der Infektion beitragen dürfte als zu seiner Eindämmung.

Eine Ausweichmöglichkeit hatte zumindest die Landesregierung von Nordrhein-Westfalen zunächst darin gesehen, den Verkauf während der Adventssonntage zu erlauben. Der Protest der Kirchen gegen solch unchristliches Gebaren war diesmal allerdings viel weniger wirkungsvoll als jener der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di. Die nämlich erwirkte am Dienstag einen Eilbeschluss des Oberverwaltungsgerichts Münster gegen die Ladenöffnung – zum Schutz der überlasteten Mitarbeiter.