Haffa-Verurteilung Uneinsichtig bis zuletzt

Es ist der Tag der Urteile gegen die Glückritter des Börsenbooms. Nach dem Motivations-Guru Jürgen Höller sind heute auch die Haffa-Brüder, Gründer des Linzenzhändlers EM.TV von einem Strafgericht verurteilt worden - völlig zu Unrecht, finden die Haffas.


Plädierten bis zuletzt auf Freispruch: Thomas und Florian Haffa
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Plädierten bis zuletzt auf Freispruch: Thomas und Florian Haffa

München - Einen Schuldspruch hatten sich die Haffa-Brüder bis zuletzt nicht vorstellen können. Einsicht, oder das Eingeständnis eigener Fehler? Fehlanzeige. Mit zunehmender Wut folgten die einstigen Börsenstars deshalb der Urteilsbegründung der Vorsitzenden Richterin Huberta Knöringer.

Später, auf dem Gerichtsflur, konnte Thomas Haffa seinen Zorn kaum bändigen. Der einst stets braun gebrannte und alerte Unternehmer hatte rote Flecken im Gesicht, tiefe Furchen zeichnen nach einem fünfmonatigen Prozess sein Gesicht. "Ich bin fassungslos, fassungslos", knurrt er mehrmals.

Bis zuletzt hatte er seine Unschuld beteuert. "Dass ich jemals als Angeklagter vor einer Wirtschafts-Strafkammer stehen würde, hätte ich niemals für möglich gehalten", sagte er im Prozess. Auch viele Beobachter hatten wegen der unklaren Rechtslage höchstens mit einer Verurteilung wegen einer Ordnungswidrigkeit gerechnet.

Knöringer räumte ein, man habe juristisches Neuland betreten müssen: "Rechtsprechung, geschweige denn höchstrichterliche, gibt es natürlich nicht." Die weiteren Instanzen müssten einiges klären. Die Kammer sei aber zu der Überzeugung gekommen, dass die Haffas im Jahr 2000 bewusst falsche Zahlen veröffentlicht hätten, um den Aktienkurs der Medienfirma in luftigen Höhen zu halten.

Anleger und Rechtsanwälte, Führungskräfte in Unternehmen und Medien hatten das Münchner Urteil mit Spannung erwartet. Es gilt als derzeitiger Höhepunkt bei der Aufarbeitung der Skandale am Neuen Markt. Richterin Knöringer erinnerte daran, unter welchem Zwang die Unternehmen in der Börsenhysterie standen, die Anleger mit guten Nachrichten bei Laune zu Halten.

EM.TV habe im Frühjahr euphorische Prognosen abgegeben. "Man kam durch diese Prognosen in einen wahnsinnigen Druck." Um auch künftig Übernahmen mit eigenen Aktien bezahlen und sich Kapitalerhöhungen leisten zu können, seien hohe Börsenbewertungen von großer Bedeutung gewesen. "Es galt, einen schlechten Ruf zu vermeiden." Deshalb hätten die Haffas Umsätze übernommener Gesellschaften zu früh verbucht und den Umsatz mit Geschäften aufgebläht, die noch gar nicht fix abgeschlossen waren.

Doch bei den Haffas, die sich ein Leben in Luxus leisteten, lagen nach Einschätzung der Richter auch höchst persönliche Motive vor. Beide seien an EM.TV beteiligt gewesen. Florian habe zudem ein Darlehen über rund 15 Millionen Euro mit den Aktien besichert. "Da hat man natürlich ein ganz vitales Interesse daran, dass die Aktien einen hohen Kurs haben."

Wegen unrichtiger Darstellung soll Thomas Haffa nun 1,2 Millionen Euro und sein jüngerer Bruder Florian Haffa 240.000 Euro zahlen. Auch wenn es bei der Geldstrafe in den folgenden Instanzen bleiben sollte, werden die beiden Unternehmer es sich leisten können. Zwar nickte Thomas Haffa eifrig, als die Richterin sagte, dass er wohl nicht mehr Milliardär sei. Beide bewohnten aber Häuser in bevorzugten Wohngegenden Münchens. "Wir haben auch von einer Yacht in Cannes gehört", sagte Knöringer. Thomas Haffa betreibt derzeit eine Charter-Fluggesellschaft in München, Florian hat eine kleine Beteiligungsfirma aufgemacht.

Manche Kleinanleger haben durch den Kurssturz der EM.TV-Aktie von einst über 110 Euro auf weniger als einen Euro ein Vermögen verloren. Die Verurteilung der beiden Haffa-Brüder stieß bei Anlegerschützern daher auf Zustimmung. Eine Flut von Zivilklagen dürfte den Haffa-Brüdern sicher sein. Reichlich Post von geprellten Anlegern hat Richterin Knöringer während der Verhandlung schon bekommen. Im Strafprozess habe dies aber keine Rolle gespielt.



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