Halbfinale Autowerker bekommen fußball-frei

Im Vorfeld der WM hatten Autokonzerne noch zurückhaltend auf die Wünsche der Fußballfans in der Belegschaft reagiert. Jetzt vor dem Halbfinale sieht die Sache ganz anders aus. Nicht nur bei DaimlerChrysler wird während des Spiels die Arbeit ruhen.


Sindelfingen - Im Werk Sindelfingen fällt morgen die Spätschicht aus, damit die rund 10.000 Beschäftigten das Spiel Deutschland gegen Italien sehen können. Darauf hatten sich Betriebsrat und Unternehmensleitung geeinigt. "Damit haben alle Beschäftigten die gleichen Chancen, das Spiel live zu verfolgen und der deutschen Nationalmannschaft die Daumen zu drücken", sagte ein Betriebsratsmitglied. Die Nachtschicht in der Produktion beginne ebenfalls erst in den Morgenstunden des 5. Juli ab 2.30 Uhr. Die entfallene Spätschicht werde nachgeholt.

Torhüter Jens Lehmann beim 11-Meter: Freischicht fürs Halbfinale
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Torhüter Jens Lehmann beim 11-Meter: Freischicht fürs Halbfinale

Während der Vorrundenspiele hatten die Produktionsabläufe noch Priorität gegenüber der Leistung der deutschen Nationalmannschaft. Fernsehen war in den Produktionshallen grundsätzlich verboten - aus Sicherheitsgründen, wie eine Unternehmenssprecherin erklärte. Der Grundsatz gilt zwar immer noch, aber dafür ruht jetzt die gesamte Produktion.

Der Stuttgarter Sportwagenbauer Porsche wird seine Beschäftigten in der Produktion wegen es WM-Halbfinales ebenfalls früher nach Hause gehen lassen. Die Spätschicht ende bereits um 20.15 Uhr, zwei Stunden früher als regulär, kündigte ein Sprecher in Zuffenhausen an. Die Nachtschicht beginne erst um Mitternacht. Die ausfallenden Zeiten sollen in den nächsten Wochen nachgearbeitet werden.

Auch Volkswagen gewährt seiner Belegschaft eine Auszeit für Halbfinalspiel. Die die Spätschicht im Wolfsburger Stammwerk endet statt um 22 Uhr bereits um 20 Uhr, wie eine Unternehmenssprecherin heute erklärte. Die Nachtschicht beginne nicht wie sonst um 22.30 Uhr, sondern zwei Stunden später.

Produktionsausfälle bei dem Automobilbauer werde es wegen des Fußballabends nicht geben, sagte die Sprecherin. Die nicht gearbeitete Zeit werde über Flexibilitätskonten verrechnet.

Bei Audi läuft dagegen der normale Schichtplan. Ausnahmen sind nicht vorgesehen. Wer das Spiel sehen will, muss Urlaub nehmen oder Überstunden abfeiern - sofern die betrieblichen Abläufe eine Auszeit zulassen.

In ähnlicher Weise verweisen die meisten Arbeitgeber auf die Gleitzeitregelungen. In den Bereichen Produktion - dazu gehören auch die Briefverteilzentren der Deutschen Post Chart zeigen- sind die Möglichkeiten dazu aber naturgemäß begrenzt. "Die notwendigen Aufgaben gehen vor. Wegen des Spiels bleiben bei uns keine Briefe oder Pakete liegen", sagte etwa Post-Sprecher Uwe Bensien.

Wer Fußball sehen wolle, der müsse ausstempeln, sagte ein Sprecher der Bundesagentur für Arbeit. Allerdings habe jeder Mitarbeiter zwischen 30 und 45 Minuten Pause, die er flexibel einsetzen könne. Außerdem müssten die Mitarbeiter in den Service-Centern ja oft schon um 7.30 Uhr mit der Arbeit beginnen und seien dann pünktlich zum Anstoß fertig, heißt es aus der Behörde.

Die Mitarbeiter der Deutschen Bahn haben dagegen kaum eine Möglichkeit, die Spiele zu sehen. Auf den Bahnhöfen und in jedem Zug werden allerdings die Halbzeit- und Endergebnisse durchgesagt.

Fußballbegeisterte Reisende müssen bei der Lufthansa Chart zeigen ebenfalls nicht auf die aktuellen Spielstände verzichten. Die Piloten geben den Passgieren die Tore durch, denn die Verkehrzentrale der Lufthansa tickert die WM-Ergebnisse per Datenfunk in die Cockpits. Lufthansa-Mitarbeiter in Frankfurt können das Spiel in der Kantine auf einer eigens aufgebauten Leinwand verfolgen - sofern keine betrieblichen Belange dagegen sprechen.

Ganz anders dagegen bei adidas Chart zeigen: "Selbstverständlich dürfen unsere Mitarbeiter Fußball gucken" sagte der Leiter der Unternehmenskommunikation des Sportartikelherstellers, Jan Runau. In der Konzernzentrale in Herzogenaurach dürfen die Angestellten jedes Spiel verfolgen. Ausnahmslos. Die verlorene Arbeitszeit müssen sie allerdings nacharbeiten.

Wenn es nach der bayerischen SPD ginge, würden auch die jugendlichen Fans vom Halbfinale profitieren. Der Chef der SPD-Landtagsfraktion, Franz Maget, hatte heute für eine Verschiebung des Schulbeginns am Mittwoch plädiert. "Auch Schulkinder wollen sich das Spiel anschauen, sagte der Oppositionsführer. Da die Partie erst um 21 Uhr beginne und auf jeden Fall fast bis 23 Uhr, möglicherweise sogar noch länger dauere, solle an allen bayerischen Schulen der Unterricht eine Stunde später beginnen

Das Kultusministerium lehnte den Vorschlag allerdings ab. Die Forderung sei zwar populär, hieß es. Aber allein aus organisatorischen Gründen nicht zu Ende gedacht.

ik/AP



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