Terrorverdacht gegen Grundstückskäufer Dem Namen nach gefährlich

Ein Deutscher mit arabischem Namen will ein Grundstück in Hamburg kaufen, aber das Amt stellt sich quer: Ein Mann gleichen Namens stehe auf einer Terrorliste. Seitdem versucht er zu beweisen, dass er ungefährlich ist.

Mohamed El Sayed vor der Sparkasse in Heide
Nicolai Kwasniewski/ SPIEGEL ONLINE

Mohamed El Sayed vor der Sparkasse in Heide

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Wer einen fremdländisch klingenden Namen trägt, hat es in Deutschland schwer: Er wird seltener zu Vorstellungsgesprächen eingeladen und hat Probleme, eine Wohnung zu mieten. Es kann aber noch schlimmer kommen. Dann nämlich, wenn man so heißt wie ein Terrorverdächtiger. So wie der Hamburger Mohamed El Sayed.

"Ich lebe ein völlig normales deutsches Leben", sagt der 37-Jährige, dessen Eltern in den Sechzigerjahren von Ägypten nach Hamburg zogen. Doch vor ein paar Wochen begannen die Probleme mit einem knappen Schreiben des Grundbuchamts: "Ihrem Antrag kann noch nicht stattgegeben werden: Hinsichtlich des Erwerbers Mohamed El Sayed ergab der Abgleich mit der aktuellen Finanz-Sanktionsliste fünf Treffer, zwei davon mit 100 % Wahrscheinlichkeit."

Bye-bye Baugrundstück?

Für den Betroffenen sah das nach dem Ende seiner Zukunftspläne aus. Dabei hatte er sich schon so gefreut: Nach drei Jahren am Westküstenklinikum in Heide wollte der Anästhesist zurück in seine Heimatstadt Hamburg. Zusammen mit vier anderen will er eines der seltenen Baugrundstücke kaufen, im Dezember unterschrieben alle den Kaufvertrag. Wie immer bei solchen Vorhaben gab es kleinere Schwierigkeiten und Verzögerungen, aber nichts Dramatisches.

Und nun das. Gleich fünf Treffer in der Finanz-Sanktionsliste, kurz FiSaLis.

"Ich wusste gar nicht, was das ist." Beim Treffen in einem Café am Heider Marktplatz schüttelt El Sayed ungläubig lachend den Kopf. Der Klinikarzt ist ein freundlicher Mann, er lacht viel, hat Familie, einen guten Job und besitzt ein Haus am Stadtpark in Heide. Jetzt aber hat die FiSaLis alles in Unordnung gebracht.

Die Liste ist eine Aufstellung der Europäischen Union von Organisationen und Personen, "die mit Osama bin Laden, dem al-Qaida-Netzwerk und den Taliban in Verbindung stehen". Ziel war es, nach den Anschlägen vom 11. September 2001 die Geldversorgung von Terrororganisationen zu kappen. Die Regeln sind klar: Mit den gelisteten Personen und Unternehmen darf in keiner Form Handel getrieben werden. Explizit heißt es: "Immobilien sind weder von auf den Sanktionslisten geführten Personen zu kaufen, zu verkaufen, noch an sanktionierte Personen gewerblich zu vermieten."

Ähnlicher Name - aber 20 Jahre jünger

Die Liste steht, mit Suchmaske, frei zugänglich im Internet. Wer Mohamed El Sayed eingibt, findet Treffer zu zwei Personen, deren Namen die Wörter Mohamed, El und Sayed beinhalten. Das ist nicht ungewöhnlich, schließlich heißt "El Sayed" im Arabischen so viel wie "der Herr", Mohamed ist in der arabischsprachigen Welt einer der häufigsten Vornamen.

Der erste Treffer sieht so aus: "Kader Es Sayed Abdel Khader Mahmoud Mohamed el Abd El - 1962". Der Name sieht zwar auf den ersten Blick ganz anders aus als der des Hamburgers, und auch das Geburtsjahr weicht um 20 Jahre ab, aber immerhin steht davor: 100 %. Unter dem Treffer sind drei Dokumente verlinkt, eines aus dem Jahr 2004, eines von 2007 und ein drittes von 2011. Die dort gelisteten Informationen sind recht aufschlussreich: Es geht nämlich um einen 1962 in Ägypten geborenen El Sayed mit italienischer Steuernummer, der 2004 in Italien zu acht Jahren Haft verurteilt wurde und flüchtig ist.

Die zweite 100-Prozent-Übereinstimmung lautet: "Ibn El Qaim Aly Soliman Massoud Abdul Sayed Adam Mohamed Osman - 1969". Sie hat auch wenig Ähnlichkeit mit Mohamed El Sayed, auch hier sind zwei EU-Dokumente verlinkt. Darin gibt es zwar einen Sayed (ohne "El"), der auch unter "Mohamed Osman" bekannt sein soll, daher wohl die Übereinstimmung mit dem unbescholtenen Hamburger. Bei der Person passen aber weder das Geburtsjahr (1969), noch Geburtsort (Tripoli, Libyen) oder gar der letzte Aufenthaltsort (Libyen) und der libysche Reisepass.

Warum der Algorithmus eine vollständige Namensgleichheit suggeriert, ist unklar. "Als ich meinen Namen in der Liste gesucht habe, war ich erleichtert", sagt der deutsche El Sayed, "es war ja klar, dass ich das nicht bin." Anhand der Geburtsdaten sollte sich das Missverständnis schnell aufklären lassen. Dachte er. Der zuständige Behördenmitarbeiter teilte aber lediglich mit: "Weitere eigenständige Prüfungen hat das Grundbuchamt nicht vorzunehmen." Der Betroffene werde gebeten "beim Wirtschaftsministerium der Bundesrepublik Deutschland eine Genehmigung (…) zu erwirken".

Das wiederum teilt mit, keine Genehmigungsbehörde zu sein - Ausnahmen nicht möglich.

Keiner kann helfen

Ein Versuch, die Sache über das Amtsgericht zu klären, dem das Grundbuchamt untersteht, schlug fehl. Wie El Sayed mitgeteilt wurde, erledigten "die für das Grundbuch zuständigen Rechtspfleger/innen ihre Aufgaben im Rahmen ihrer sachlichen Unabhängigkeit" - Einfluss von oben ausgeschlossen.

El Sayed begann, jede Stelle anzurufen, die möglicherweise etwas zu dem Thema zu sagen hätte: Wirtschafts- und Innenministerium, Bundesbank, Auswärtiges Amt und schließlich sogar den Bundesnachrichtendienst und den Verfassungsschutz. Schließlich versuchte er es sogar bei der örtlichen Polizeidienststelle. Die bescheinigte ihm, dass er einen deutschen Ausweis besitzt, ordnungsgemäß in Heide gemeldet ist und nichts mit den Personen auf der FiSaLis zu tun hat. Genützt hat es nichts.

Vertrauliche Informationen

Es gäbe Möglichkeiten, das Problem zu lösen: El Sayeds Ehefrau könnte als Käuferin eingetragen werden oder seine minderjährigen Kinder. Nur erfordert das wiederum die Zustimmung aller anderen Käufer und damit einen Notartermin, der ihn wiederum eine hohe Summe kosten könnte.

Oder, schlug ihm das Grundbuchamt vor, er ändere seinen Namen. Das ungefähr war der Zeitpunkt, an dem El Sayed begann, die Sache persönlich zu nehmen, wie er erzählt. Sollte er wirklich seinen Namen ändern? War es das wert? Und: Wie zuverlässig wäre eine Finanz-Sanktionsliste, der man sich mittels Namensänderung einfach wieder entziehen könnte? "Dass man das einfach mit einem deutschen Staatsbürger machen darf, hat mich überrascht", sagt El Sayed. "Ich bin hier geboren und zur Schule gegangen, habe meinen Wehrdienst geleistet, hier studiert und zahle hier Steuern und Sozialabgaben. Warum darf ich kein Grundstück kaufen?"

Das Grundbuchamt hat darauf keine Antwort. Auf SPIEGEL-Nachfrage bestätigt die Behörde den Sachverhalt, verweist aber darauf, dass der Rechtsweg eingehalten werden muss: El Sayed solle Widerspruch einlegen, die nächste Instanz werde den Fall klären. Das hat er schon gemacht, aber die Sache drängt.

Obdachlos wegen Verwechslung?

Das jetzige Wohnhaus in Heide hat El Sayed nämlich bereits verkauft. Eigentlich wollte der neue Eigentümer im Oktober einziehen, jetzt haben sie sich auf Januar 2020 geeinigt - schließlich muss das neue Haus in Hamburg noch gebaut werden. Sollte sich die Namenssache nicht schnell klären, dann könnte El Sayed mit Frau und Töchtern im schlimmsten Fall ganz ohne Unterkunft dastehen.

Erstaunlich ist bei der ganzen Sache nur eins: Die Finanzierung für den Grundstückskauf steht schon lange, El Sayeds Hausbank, die Sparkasse Westholstein, hat mit der Finanz-Sanktionsliste offenbar kein Problem. Und so halten es auch andere Institutionen. Denn auch El Sayeds Bruder taucht auf der FiSaLis auf - allerdings ohne Folgen. Dabei arbeitet der als IT-Spezialist für deutsche Sicherheitsbehörden.

Anmerkung der Redaktion: Nach Veröffentlichung des Artikels hat das Grundbuchamt mitgeteilt, dass es dem Antrag von Mohamed El Sayed stattgegeben und die sogenannte Auflassungsvormerkung eingetragen hat. Zudem schreibt die Behörde, dass El Sayed - anders als von ihm dargestellt - gegen die Zwischenverfügung keinen Widerspruch eingelegt habe.

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