Hamburger Projekt Firmengründer mit zehn Jahren

Schneckenzirkus, Kinderdisco, Eislimo: Kinder haben wunderbare Geschäftsideen. Ein Hamburger Projekt unterstützt deshalb selbst Siebenjährige, eine Firma zu gründen. Auf einer Messe zeigten die Jüngstunternehmer nun ihre Pläne erstmals öffentlich.

Von Jan Hauser


Hamburg - Die helle Brotscheibe schneidet der Junge in der Mitte durch, beschmiert sie mit Butter und legt eine Käsescheibe darüber. "Und das wollt ihr jetzt professionell machen?", fragt die Frau, die er bedient. "Ja", sagt er und gibt ihr das Brot.

"Und wovon hängt es ab, ob es klappt?", fragt sie weiter.

"Ob es den Leuten schmeckt", sagt er.

Arbnor möchte eine eigene Bäckerei haben. Dabei ist er erst 13 Jahre alt. Doch beim Projekt "Kinder zu Unternehmern!" wird sein Wunsch Wirklichkeit: Gemeinsam mit seinem gleichaltrigen Freund Ömercan hat er die "Backstube TwoFriends" gegründet. So steht er jetzt als Unternehmer bei einer Ideenmesse im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel, dem "Markt der Möglichkeiten", und verkauft zum ersten Mal in seinem Leben selbstgebackenes Brot.

Als Jungunternehmer sind die beiden nicht allein: An insgesamt 14 Ständen präsentieren 6- bis 14-Jährige erstmals ihre Geschäftsidee - einen Schneckenzirkus, eine Kinderdisco oder einen Haustierverleih.

Das Konzept hat die Ökonomin und Theaterregisseurin Judith Wilske, 38, entwickelt. "Kinder haben fast keine Möglichkeiten, Erfahrungen mit Unternehmertum zu sammeln", sagt sie. Deswegen bietet sie ihnen jetzt die Gelegenheit, eine eigene Firma mit echtem Kapital zu gründen. Mit den Vorbereitungen dafür begann sie bereits im Frühjahr. Im September und Oktober stand sie dann mit einem silbernen Wohnwagen auf drei Hamburger Schulhöfen und an einem öffentlichen Platz. Insgesamt redeten Wilske und ihr Team mit 1000 Kindern. Doch viele Kinder scheuten den nötigen Zeiteinsatz, nur wenige legten sich weiter für ihre Idee ins Zeug, füllten einen ersten Fragenbogen aus, kamen zu Workshops und bauten ihren Messestand.

Albanisches Brot als Marktlücke

Als Arbnor den Wohnwagen von Wilske entdeckte, trug er seinen Geschäftsplan schon länger im Kopf herum. "In Hamburg habe ich noch nie albanisches Brot gesehen", erzählt der Kosovo-Albaner. "Deswegen war das meine Idee." Danach holte er sich noch seinen Freund Ömercan ins Firmenboot: Während der für türkisches Gebäck sorgt, backt Arbnor das Brot. Demnächst wollen sie ihren Lieferservice starten und immer samstags und sonntags Selbstgebackenes ausliefern. Dafür verteilen sie auf der Hamburger Unternehmermesse ein Flugblatt mit ihrer E-Mail-Adresse.

Die Geschäftsideen sind ganz unterschiedlich, denn jedes Kind darf hier umsetzen, was es möchte. "Im schöpferischen Akt steckt viel, was man nur selbst erfahren kann", sagt Wilske. Deswegen beraten die Projektleiter die Kinder, aber lassen sie vor allem selbst machen, damit sie Erfahrungen sammeln können - gute wie schlechte. "Unternehmertum hat auch damit zu tun zu scheitern und dann weiterzumachen", sagt sie.

Arbnor, Ömercan und die anderen Jungunternehmer präsentieren ihre Geschäftsideen auf einer Bühne des Kulturzentrums Kampnagel. Selbstbemalte Pappkartons bilden die Messestände der Kinder: Antonias Eisbude umrahmen rote Kisten, Rinas Schneckenzirkus flankieren rosafarbene Kartons und der "Natur der Welt"-Stand hat vorne einen grünen Tresen und dahinter eine hellblaue Pappkartonwand. Dort verkaufen die siebenjährigen Annika und Greta ihre Postkarten, auf denen getrocknete Blumen kleben.

Haustiere nur für nette Menschen

Abgetrennt vom Messetrubel ist der Stand des Hautstierverleihs: Tapezierte Pappkartons bilden die vier Wände eines kleinen Zimmers, in dem Lennard, 10, auf einem orangefarbenen Sofa sitzt. "Ein richtiger Zoo verkauft nur Tiere", sagt er. "Wir verleihen dagegen ein Tier und gucken jeden Tag nach." Mit seinen beiden elfjährigen Freunden Steffen und Leon möchte er Meerschweinchen und Kaninchen auf Zeit an Tierinteressierte geben, jedoch nur an ausgewählte Kunden. "Vorher reden wir mit den Menschen", sagt Steffen. "Wenn die nicht nett sind, sagen wir: Dann lieber nicht." Außerdem geht jeden Tag einer vorbei und schaut, wie es dem Tier geht. Die ersten Verleihe haben sie bereits abgesprochen.

Wie war die erste Messe? "Die haben das super gemacht", sagt Wilske. Für die Kinder war es der erste Test, wie ihre Idee ankommt, was funktioniert und was nicht. Was die Kinder gelernt haben, darüber wird Wilske demnächst mit jedem sprechen. Gefördert wird das Projekt von der Hamburgischen Kulturstiftung und der Stiftung Kinderjahre. Im nächsten Jahr sollen die Kinder einen Businessplan entwickeln, einen Mentor aus der Wirtschaft bekommen und reales Startkapitel erhalten.

Nach zwei Stunden Messe sind die meisten Jungunternehmer kaputt, aber zufrieden. Am kommenden Samstag wollen Annika und Greta sich nun auf den Markt stellen, um weitere Blumenpostkarten zu verkaufen. Auch Arbnor und Ömercan sind vom ersten Firmengeschäft begeistert: Fast alle Brote haben sie verkauft. Unternehmertum kann Spaß machen.



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