Handel Eiskalt erwischt

Vom Konsumboykott gebeutelt hoffte der Einzelhandel auf einen heißen Sommer. Doch Dauerregen und Kälteeinbrüche vermiesen den Kunden die Stimmung. Nun wird der Sommerschlussverkauf wiederbelebt – mit zweifelhaften Erfolgsaussichten.

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Rabatt-Aktion in Erfurt: "Sollten wir bemerken, dass der Preisnachlass nicht reicht, werden wir weiter senken
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Rabatt-Aktion in Erfurt: "Sollten wir bemerken, dass der Preisnachlass nicht reicht, werden wir weiter senken

Hamburg - Vor allem die Textilhändler bleiben auf der Ware sitzen. Bikinis, Bermudas und T-Shirts liegen zuhauf in den Regalen. Käufer sind nicht in Sicht. Und so bleibt mal wieder nur die Hoffnung auf den Rabatt. "Wenn das Wetter die Kunden nicht zum Kauf animiert, animieren wir sie über den Preis", erklärt ein Sprecher von KarstadtQuelle Chart zeigen gegenüber manager-magazin.de. Derzeit sind Teile des Sommersortiments zwischen 40 und 50 Prozent billiger zu haben als noch vor wenigen Wochen.

Fast scheint es, als breche unter den Händlern eine regelrechte Preissenkungspanik aus. Die Ware muss raus, und das um fast jeden Preis. "Es gibt zurzeit unverschämt günstige Angebote", sagt auch der Sprecher des Hauptverbandes des Deutschen Einzelhandels (HDE), Hubertus Pellengahr.

Nur wenige Händler stemmen sich noch gegen den Trend, doch auch sie planen eine Rabattschlacht bereits fest ein. Der Unternehmenssprecher der Bekleidungskette C&A Thorsten Rolfes kündigte Preisreduzierungen zum Saisonende um bis zu 50 Prozent an. "Sollten wir dann merken, dass der Preisnachlass nicht reicht, weil zum Beispiel die Nachfrage wegen des Wetters zu gering ist, senken wir die Preise weiter."

"Unverschämt günstige Angebote"

Das Sommerdesaster trifft die Einzelhändler in ihrer schwersten Krise. Von der zuvor herbeigesehnten Trendwende in 2004 spricht kaum einer mehr. Für die ersten vier Monate hatte das Statistische Bundesamt ein Umsatzminus von einem Prozent veröffentlicht. Im Mai soll das Minus nach Schätzungen aus der Branche noch höher gewesen sein.

Karstadt-Kaufhaus in Düsseldorf: Eventcharakter des Schlussverkaufs nutzen
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Karstadt-Kaufhaus in Düsseldorf: Eventcharakter des Schlussverkaufs nutzen

Vor allem große Kaufhausketten wie Karstadt oder die zum Metro-Konzern Chart zeigen gehörende Kaufhof-Gruppe haben es schwer. "Den Warenhäusern fehlt es an Fokussierung. Die aktuelle Rabattschlacht wird ihre Ertragskraft weiter sinken lassen", urteilt Christian Schindler, Analyst bei der Landesbank Rheinland-Pfalz .

Erneuten Umsatzeinbruch im Sommergeschäft vor Augen, flüchten die Verantwortlichen in Praktiken der Vergangenheit. Die Revitalisierung des Sommerschlussverkaufs soll die Verluste eingrenzen.

Dabei ist die Zeit der Rabattfeste zum Saisonende eigentlich vorbei. Die Geschäfte in Deutschland dürfen seit Anfang Juni frei über Ausverkaufsaktionen entscheiden. Die Novellierung des Gesetzes gegen unlauteren Wettbewerb (UWG) erlaubt Schlussverkäufe das ganze Jahr über.

Dennoch mögen sich die Händler nicht von der Tradition trennen. Vor allem dann nicht, wenn die Kunden ohnehin kaum den Weg in die Läden finden. "Den Event-Charakter nutzen", heißt es daher bei Karstadt. Wie in den vergangenen Jahrzehnten wird der Konzern in der letzten Juli-Woche die Schnäppchen-Saison einläuten.

Rückkehr des Sommerschlussverkaufs

Doch der Plan ähnelt mehr einer Verzweiflungstat als einem durchdachten Managementkonzept. "Der Sinn eines SSV ist zweifelhaft. Die Kunden sind angesichts der grassierenden Preisschlacht schon auf Rabatte gedrillt", sagt LRP-Analyst Schindler. Der Effekt könnte durch die im Vorfeld auf den Markt geworfenen Billigangebote verpuffen.

Zudem müssen die Anbieter den Kunden einiges bieten, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Schon jetzt aber sind die Preise bei einigen Artikeln um bis zu 70 Prozent gesenkt. Eine neue Reduzierung im Rahmen des Sommerschlussverkaufs könnte die Margen auf eine kaum wahrnehmbare Größe schrumpfen lassen.

Der wiederbelebte Sommerschlussverkauf ändert mithin wenig an der Misere. Solange das Wetter schlecht bleibt, bleiben die Händler auf der Sommerware sitzen. Besser noch wäre es, wenn die Deutschen die Kauflust wieder entdeckten. Das ist allerdings derzeit noch unwahrscheinlicher als drei Sonnentage am Stück.



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