Handelsabkommen mit EU Britische Fischer fühlen sich verraten

Die Fischereifrage ist für viele Briten zum Symbol für ihre künftige Freiheit geworden. Bis zuletzt haben EU und Großbritannien erbittert über Fangquoten gestritten. Das Ergebnis empört die britischen Fischer.
Fischerboote vor dem Brexit-Referendum (2016): Die Fischereifrage war eine der umstrittensten der Verhandlungen mit der EU

Fischerboote vor dem Brexit-Referendum (2016): Die Fischereifrage war eine der umstrittensten der Verhandlungen mit der EU

Foto: Facundo Arrizabalaga/ dpa

Zu Ehren des Anlasses legte der britische Premierminister Boris Johnson ein besonderes Accessoire an: An Heiligabend verkündete er den Brexit-Handelspakt mit der EU, seine dunkle Krawatte zierte ein Schwarm Fische.

Eine Wahl mit Symbolkraft – denn über kaum etwas wurde zwischen Brüssel und London so erbittert gestritten, wie über den Zugang von EU-Fischern zu britischen Gewässern, kurz: die Fischereifrage. Für viele Briten ist die Kontrolle über die eigenen Gewässer zum Symbol der durch den Brexit wiedergewonnenen Souveränität geworden. Auf der anderen Seite wollten auch EU-Küstenstaaten wie Frankreich, Belgien und Dänemark nicht nachgeben.

Johnsons Verkündung jedoch hat die britischen Fischer tief enttäuscht. Die Versprechen, dass sie mit dem Votum für den Brexit die Kontrolle über alle britischen Fischereigewässer zurückgewinnen würden, seien gebrochen worden, sagen sie. So berichtet es die britische Zeitung »Guardian« . Barrie Deas, Vorstandsvorsitzender der National Federation of Fishermen's Organisations, behauptet, seine Branche sei verraten worden, um einen umfassenden Deal zu gewinnen.

»Am Ende hat der Premierminister die Entscheidung getroffen und ist bei der Fischerei eingeknickt, trotz der Zusicherungen, dass er nicht tun würde, was Ted Heath 1973 tat«, sagte Deas der Zeitung. Der damalige Premierminister Heath hatte zugestimmt, dass andere EU-Länder in britischen Gewässern fischen durften.

Kürzung um 80 Prozent gefordert, auf 25 Prozent geeinigt

Die Geschäftsführerin des Fischereiunternehmens UK Fisheries, Jane Sandell, ist ebenfalls nicht zufrieden: »Wir freuen uns, dass der Großbritannien-EU-Deal eine gewisse Sicherheit für Teile unserer Industrie bringt, obwohl wir immer noch auf die ›gewaltigen Fischmengen‹ warten, die uns versprochen wurden. Für uns ändert sich nichts.« Schottlands Regierungschefin Nicola Sturgeon sagte am Samstag, dass Versprechen, die der Fischereibranche ihres Landes gemacht wurden, gebrochen worden seien. Sie sagt, dass dies »ein weiteres Beispiel dafür sei, dass die Tory-Regierungen Schottland in die falsche Richtung zwingen«.

Das Handelsabkommen zwischen der EU und Großbritannien sieht eine fünfeinhalbjährige Übergangsphase vor. In dieser Zeit werden die Fangrechte für EU-Fischer nach und nach um 25 Prozent gekürzt, sie haben aber weiterhin Zugang zu der Fangzone zwischen sechs und zwölf Meilen vor der britischen Küste. Ab Juni 2026 wird dann jährlich über die Fangquoten verhandelt. Dabei gibt das Abkommen beiden Seiten die Möglichkeit, im Falle ernsthafter Meinungsverschiedenheiten Zölle auf die Fischexporte der jeweils anderen Seite zu erheben.

Ursprünglich hatte Großbritannien gefordert, die Rechte der EU um 80 Prozent zu kürzen. Anfang der Woche hatte dann die EU ein Angebot Londons abgelehnt, das Quotenkürzungen von bis zu 60 Prozent bei einer dreijährigen Übergangszeit vorsah. Zu der Zeit stand Brüssels Angebot bei einer Kürzung um nur 25 Prozent und einer Übergangszeit von sechs Jahren.

Französische Fischer: No Deal wäre eine Katastrophe gewesen

Auch in den EU-Ländern sind die Reaktionen der Fischer verhalten, gerechnet haben sie aber wohl mit einem schlechteren Verhandlungsergebnis. »Wir verlieren einen Teil unserer Quoten, was bedauerlich ist, aber es läutet nicht die Totenglocke«, sagte Olivier Leprêtre, Präsident der Fischer in der nordfranzösischen Region Hauts-de-France.

Jean-Luc Hall, Direktor des Nationalen Komitees für Hochseefischerei in Frankreich, sagte AFP, er empfinde »Erleichterung«, da das Risiko eines No Deal sehr groß gewesen sei und dieser »für die französischen Fischer eine Katastrophe gewesen wäre«. Auch wenn das Abkommen nicht perfekt sei, »können wir weiter arbeiten und haben eine gewisse Planbarkeit«. Im Falle eines No Deal hatten die französischen Fischer mit der Abschottung ihrer eigenen Fanggebiete und Märkte für die Briten gedroht. Als besonders lukrativ gelten etwa Jakobsmuscheln im Ärmelkanal. Bereits 2018 stritten Franzosen und Briten erbittert über Fangrechte für die Delikatesse.

Den deutschen Fischern hat Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) Unterstützung zugesichert. Für die Fischerei bedeute das Ergebnis »schmerzhafte Einschnitte«, sagte sie am Freitag. »Zukünftig muss auf einen Teil der Fänge in der Nordsee verzichtet werden.« Sie hätte sich gewünscht, dass der Rückgang der Fangrechte »deutlich geringer ausfällt«. Umso wichtiger sei es, dass die Einigung eine Übergangszeit von fünfeinhalb Jahren vorsehe mit definierten Quotenregelungen und garantiertem Zugang zu Fanggründen. »So gibt es zumindest eine gewisse Planungssicherheit.«

Es sei aber »klar«, dass den Fischern »in dieser schwierigen Lage unter die Arme« gegriffen werden müsse. Derzeit würden »fast sämtliche unserer Heringsfänge und über die Hälfte der Makrelenfänge in der Nordsee in britischen Gewässern gefangen«. Die EU-Mitgliedstaaten würden den Entwurf »genau prüfen«, kündigte die Ministerin an.

Auch der EU-Chefunterhändler Michel Barnier hat den Fischern in der EU die Unterstützung Brüssels bei der Umsetzung des künftigen Handelsabkommens zugesichert. »Die EU wird an der Seite der europäischen Fischer stehen und sie begleiten, dafür setzen wir uns ein«, sagte Barnier kurz nach Bekanntgabe der Einigung. Das Abkommen ermögliche beiderseitigen Zugang zu den Fischgründen, wobei künftig neue Fangquoten und eine neue Aufteilung der Fischereizonen gelte. »Dieses Abkommen verlangt Anstrengungen, das weiß ich«, sagte Barnier.

abl/dpa/AFP