Handelsstreit Topökonomen warnen vor weltweitem Abschwung

Der Konflikt zwischen den USA und China könnte in eine globale Wirtschaftskrise führen, warnen Ökonomen im SPIEGEL. Der Chef der Wirtschaftsweisen schließt auch für Deutschland eine Rezession nicht aus.

Bürogebäude in Peking
Thomas Peter/ REUTERS

Bürogebäude in Peking


Die Eskalation im Handelsstreit zwischen den USA und China beunruhigt Wirtschaftswissenschaftler weltweit. Im SPIEGEL warnen sie vor einer Weltwirtschaftskrise und kritisieren US-Präsident Donald Trump. "Die Gefahr einer weltweiten Rezession ist deutlich gestiegen", sagt Joachim Fels, Chefökonom von Pimco, dem weltgrößten Anleiheinvestor.

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Heft 33/2019
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Der Harvard-Ökonom und frühere Chefvolkswirt des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff, sieht die Hauptlast des Konflikts bei China. Setze sich der Handels- und Währungsstreit fort, könne sich Chinas Wirtschaftswachstum auf 3 oder 4 Prozent von derzeit 6,6 Prozent verringern, denn der Zollstreit treffe das Land immens. "Das Risiko einer wackeligen Landung der chinesischen Wirtschaft ist ziemlich groß", so Rogoff.

Schwarze Null bei ausgeprägtem Abschwung nicht geeignet

Der Vorsitzende des Sachverständigenrates, Christoph Schmidt, hält für Deutschland eine Rezession im weiteren Jahresverlauf für denkbar. "Eine anhaltende Schrumpfung der Wirtschaft ist nach wie vor unwahrscheinlich, solange sich die Handelskonflikte in der Welt nicht weiter zuspitzen", sagte Schmidt dem SPIEGEL. "Sollte es aber dazu kommen, ist auch eine Rezession nicht ausgeschlossen."

Der Ökonom hält es zudem für wahrscheinlich, dass die deutsche Wirtschaft in diesem Jahr langsamer wachsen wird, als der Rat bislang vorhergesagt hat. "Es deutet einiges darauf hin, dass die Steigerungsrate geringer ausfällt", sagte Schmidt. Bisher hatten die sogenannten Wirtschaftsweisen mit einem Wachstum von knapp einem Prozent für dieses Jahr gerechnet.

Der Essener Wirtschaftsprofessor spricht sich zudem dafür aus, im Falle eines Abschwungs das Ziel eines ausgeglichenen Bundeshaushalts aufzugeben. "Die schwarze Null hat sich im letzten Aufschwung bewährt und für eine solidere Haushaltspolitik gesorgt", sagte Schmidt. "In einem ausgeprägten Abschwung wäre sie jedoch als Richtschnur nicht geeignet."

Zugleich wendet sich Schmidt gegen die Forderungen einer Reihe von Ökonomen, im Rezessionsfall ein staatliches Konjunkturprogramm aufzulegen. "Ein richtiges Konjunkturprogramm wäre nur zu erwägen, wenn es zu einem so außergewöhnlich starken Einbruch kommen würde wie nach der Finanzkrise 2008. Davon kann aber derzeit keine Rede sein."

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mhs/msa

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Seite 1
kassandra21 09.08.2019
1.
>"Die schwarze Null hat sich im letzten Aufschwung bewährt und für eine solidere Haushaltspolitik gesorgt", sagte Schmidt. "In einem ausgeprägten Abschwung wäre sie jedoch als Richtschnur nicht geeignet."< Übersetzung: Sonst können wir die Banken das nächste Mal womöglich nicht retten, da muß vorgebaut werden. Wenn die dann wieder eine Billion aufgesaugt haben, wird wieder genullt bis zur letzten Pfandflasche.
timtom2222 09.08.2019
2.
Die Wirtschaft kann halt nicht immer wachsen! Vor allem geht das Wachstum auf die kosten der Ärmsten in der Welt und kümmern will man sich um die ja auch nicht!
KingTut 09.08.2019
3. Zuversichtlich
Ich bin immer noch zuversichtlich, dass Deutschland weitgehend unbeschadet aus diesem Konflikt hervorgeht und wir bald (wieder) einen Artikel lesen mit der Überschrift, dass unsere Exportüberschüsse und Steuereinnahmen unerwartet gestiegen sind. Unsere Produkte sind immer noch weltweit gefragt und Reiche, die sich unsere Luxusautos leisten können, gibt es auch in Krisenzeiten rund um den Globus. Sollte jedoch ein spürbarer weltweiter Abschwung unausweichlich sein, dann möge er rechtzeitig vor den US-Wahlen kommen. Denn aktuell protzt der Amtsinhaber mit den Erfolgen, die zu Obamas Zeiten ihren Lauf nahmen, nachdem dieser eine hohe Arbeitslosigkeit und ausufernde Staatsverschuldung von Bush übernommen hatte. Das alles setzt sein Nachfolger aufs Spiel. Die Frage ist nur, wann die Amis den Effekt zu spüren bekommen. Ein Dutzend Lügen pro Tag reichen offenbar nicht aus, das Millionenheer von Bewunderern spürbar zu dezimieren.
troka 09.08.2019
4. Wetterbericht
SPON übt sich im ökonomischen Wetterbericht und macht dabei (wieder) zwei große Fehler: zum einen bedient man das Instrument des Großkapitals, mit Rezessionsgeschwafel etwas mehr Angst unter die Leute zu streuen. Je mehr Unsicherheit und Angst umso williger wird den Mächtigen gefolgt (funktionierte jahrelang auch hervorragend mit Terror...). Der zweite Fehler ist, dass wirtschaftliche Entwicklung wie der Wetterbericht schlicht informell vermittelt wird als wären diese wirtschaftlichen Zusammenhänge, die zu Krisen führen, Naturgesetze und wir ihnen - wie dem Wetter - nahezu schutzlos ausgeliefert. Wir brauchen keine "Top-Ökonomen" um zu wissen, dass die nächste Krise kommen wird. Sei es weil die Aktien-Mafia weiterhin ungestört und unbehelligt von der Politik ihr kriminelles Spiel treiben darf, sei es, weil ebenso ungestört Immobilienverbrecher mit dem Wohnen der Menschen Geld verdienen dürfen, sei es, weil die Wachstumsidiotie, auf der dieses System basiert, kollabieren MUSS - Krisen sind gesetzmäßig und leider auch Kriege. diese Gesetzmäßigkeiten sind Menschen gemacht, sind bewusst konstruiert und sind falsch aber nicht unkorrigierbar und nicht unausweichlich. Das sind nur Naturkatastrophen. Mir unverständlich, wie ein sich selbst als Qualitätsmedium bezeichnendes Nachrichtenmagazin wie SPON wieder und wieder den Menschen dialektische Zusammenhänge und wissenschaftlich bewiesene Kausalitäten (Marx) den Lesern vorenthält...
AmyYma 09.08.2019
5. Kaputt machen
Schon erstaunlich, dass wenn sich das Wachstum in China auf 3 bis 4 % verringert, die Alarmglocken los gehen. Das ist immer noch Wachstum! Wir freuen uns wie Bolle, wenn es überhaupt ein Wachstum im Null-Komme-Bereich gibt. Ansonsten: Der in gewissem Maße erreichbare Level an Wohlstand usw. ist ziemlich erreicht. Man kann nicht mehr essen, als man essen kann. Und da es keine Umverteilung geben soll, ist das eben das oberste Level. Doch wir brauchen Wachstum! Was kann man da machen? Ganz einfach: Man macht kaputt, was man hat, um dann neu / wieder aufzubauen. Früher hatte man das gern mal mit Kriegen gemacht. Heute muss man da anders vorgehen. Dann hat man aber wieder Wachstum. Und alle freuen sich!
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