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BÖRSEN »Handelszeiten beschränken«

Ulrich Ramm, 59, Chefvolkswirt der Commerzbank, über den Ausverkauf an den deutschen Börsen
aus DER SPIEGEL 39/2001

SPIEGEL: Warum haben die deutschen Börsen seit den Anschlägen weit mehr verloren als die amerikanischen?

Ramm: Vordergründig liegt es daran, dass der Handel in der Terrorwoche in Deutschland fortgesetzt wurde, so konnte sich die weltweite Unsicherheit hier niederschlagen. Erschwerend kommt aber hinzu, dass wir über kein Instrument verfügen, das den Handel automatisch aussetzt, wenn Kursverluste eine bestimmte Größe, zum Beispiel fünf Prozent, übersteigen. Andere Börsen in Europa haben eine solche Bremse, auch wir sollten darüber nachdenken. So aber haben wir der Unsicherheit freien Raum gelassen, und Unsicherheit bedeutet Kursverluste.

SPIEGEL: Was hätte die Börse tun sollen?

Ramm: Es wäre sinnvoll gewesen, an diesen schwierigen Tagen die Handelszeiten auf einige Stunden zu beschränken. So hätten wir wenigstens eine Zufallskursentwicklung an den umsatzschwachen Randzeiten zum Anfang und zum Ende des Handels vermeiden können.

SPIEGEL: Wieso konnten die deutschen Aktien ihre überproportionalen Verluste nicht aufholen, nachdem die US-Märkte wieder geöffnet hatten?

Ramm: Das Vertrauen in die Börse war in Deutschland schon vor den Anschlägen stärker angeknackst als in anderen Ländern. Dafür gibt es aber keinen vernünftigen Grund. Die deutschen Unternehmen sind mehr wert, als ihnen die Börse derzeit zutraut. Wir sind inzwischen auf einer so niedrigen Basis, dass viele Dax-Werte schon deutlich unter ihrem Buchwert notieren. Die Commerzbank hat zwölf Milliarden Euro Eigenkapital, an der Börse aber werden wir mit weniger als zehn Milliarden Euro bewertet.

SPIEGEL: Erwarten Sie, dass die Zinsen noch weiter sinken?

Ramm: Sollte sich zeigen, dass die Wirtschaft doch stärker in Mitleidenschaft gerät, sind Zinssenkungen die logische Maßnahme. Die Europäische Zentralbank hätte dafür noch einige Luft.

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