Rasche Hilfe gefordert Handwerkspräsident warnt vor Insolvenzwelle

Viele Handwerksbetriebe hatten noch mit den Folgen der Coronapandemie zu kämpfen, als Russland die Ukraine überfiel. Jetzt sieht Handwerkspräsident Wollseifer die Grenze des Erträglichen erreicht.
Auszubildende in einer Metallwerkstatt: Bestehende Aufträge werden unwirtschaftlich

Auszubildende in einer Metallwerkstatt: Bestehende Aufträge werden unwirtschaftlich

Foto: Bernd von Jutrczenka / picture alliance / Bernd von Jutrczenka/dpa

Der Präsident des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH), Hans Peter Wollseifer, fordert angesichts von Preissteigerungen rasche staatliche Hilfe für Betriebe. Vor allem für energieintensive Betriebe habe sich die Lage dramatisch verschärft, sagte er in Berlin. »Vielen steht das Wasser inzwischen bis zum Hals«, so Wollseifer. »Und diese Betriebe gehen unter, wenn ihnen nicht schnell ein Rettungsring aus direkten und unbürokratischen Härtefallhilfen zugeworfen wird.«

Zeitverzögerte Maßnahmen reichten nicht, betonte Wollseifer. »Um eine Insolvenzwelle im Handwerk zu verhindern, muss die Unterstützung jetzt kommen. Und sie muss für die betroffenen Betriebe einfach zu beantragen sein.«

In einer aktuellen Befragung des ZDH zu den Folgen des Ukrainekriegs mit einigen Tausend Teilnehmern klagten 87 Prozent über gestörte Lieferketten und gestiegene Beschaffungspreise. Bestehende Aufträge würden unwirtschaftlich: 70 Prozent der Teilnehmer gaben an, dass sie mit Aufträgen faktisch Verluste erzielten. »Vielen Betrieben fehlen schlicht die Mittel, um eine solche Durststrecke zu überstehen«, warnte Wollseifer.

Bei keiner der ZDH-Sonderumfragen hätten sich so viele Betriebe beteiligt wie diesmal mit fast 4200 Teilnehmern, so der Verband – auch nicht während der Coronapandemie.

Die allermeisten Betriebe (88 Prozent) berichteten von gestiegenen Kosten für Strom und Wärme seit Jahresbeginn, und zwar im Mittel um 62 Prozent. Besonders im Lebensmittel- und Kfz-Handwerk ist dies laut Umfrage ein Problem. Nur die wenigsten konnten den Kostenanstieg komplett an ihre Kunden weitergeben, 70 Prozent gaben an, dies zumindest teilweise zu können, 27 Prozent gar nicht. Das liege unter anderem an fehlender Zahlungsbereitschaft von Kunden, der Bindung an bestehende Verträge und starkem Wettbewerb von Konkurrenten.

Wollseifer forderte eine stärkere Nutzung sogenannter Preisgleitklauseln bei öffentlichen Aufträgen. Diese machen es möglich, Preise für Waren oder Dienstleistungen im Nachhinein an gestiegene Kosten anzupassen. Während der Bund die Nutzung bei Bauaufträgen möglichst flächendeckend verlange, sei die Nutzung in Ländern und Kommunen noch lückenhaft, ermittelte der ZDH. Nötig sei auch mehr Flexibilität bei Fertigstellungsfristen, so der Verband.

Es sei richtig, dass die Bundesregierung das Energiekostendämpfungsprogramm, das energie- und handelsintensiven Unternehmen mit Zuschüssen hilft, branchenübergreifend für besonders betroffene Betriebe öffnen wolle, so Wollseifer. »Doch nun kommt es darauf an, dass es nicht bei einer Ankündigung bleibt, sondern diese Härtefallhilfe schnell so umgesetzt wird, dass betroffene Betriebe sie in diesem und im kommenden Jahr nutzen können.« Darüber hinaus brauche es eine Abfederung der Energiekosten für kleine und mittlere Betriebe über eine Energiepreisbremse und eine Senkung der Energiesteuern auf die europarechtlich zulässigen Mindeststeuersätze.

mik/dpa-AFX
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