Zur Ausgabe
Artikel 38 / 132
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

TELEFONINDUSTRIE Handy-Firma im Höhenflug

Der Elektronikkonzern Nokia stieg innerhalb weniger Jahre zum wertvollsten Unternehmen Europas auf. Die Wandlung vom Gummistiefel-Hersteller zur größten Handy-Firma der Welt verdankt das Unternehmen vor allem dem Zusammenbruch der Sowjetunion.
Von Klaus-Peter Kerbusk
aus DER SPIEGEL 50/1999

Vom großen Geld konnte Kyllikki Rusila ihr ganzes Leben lang nur träumen. Seit einigen Wochen jedoch macht sich die 86-jährige Rentnerin aus der finnischen Kleinstadt Pukkila Hoffnung auf ein wenig Luxus.

Bis zu 60 Millionen Mark könnten auf Kyllikki Rusila und die 300 anderen Pensionäre in dem Provinznest nordöstlich von Helsinki zurollen. Das ist mehr Geld, als die Gemeinde sonst in sieben Jahren an Kommunalsteuer einnimmt.

Der Geldsegen stammt aus der Hinterlassenschaft des 1962 verstorbenen Kaufmanns Onni Nurmi. In seinem Testament hatte er seiner Heimatgemeinde ein kleines Aktienpaket hinterlassen, dessen Erträge für das Wohlergehen der Alten in Pukkila verwendet werden sollten.

Jahrelang reichte das Geld zu kaum mehr als einem sommerlichen Ausflug. Doch mit einem Mal sind auch noch ganz andere Dinge möglich. Nurmi hat den Alten von Pukkila nämlich eine der heißesten Aktien vermacht, die es zurzeit an der Börse gibt: die Papiere des finnischen Handy-Herstellers Nokia.

Vergangene Woche katapultierten die Anleger den Handy-Konzern sogar in eine neue Spitzenposition. Mit einem Börsenwert von insgesamt 394 Milliarden Mark ist Nokia nun das wertvollste Unternehmen Europas, noch vor dem Ölgiganten BP.

Nie zuvor stieß eine europäische Firma derart schnell aus dem Nichts der Aktiennotierungen auf die ersten Seiten der internationalen Wirtschaftszeitungen vor. Selbst nach dem Durchmarsch an die Spitze trauen die Analysten dem Konzern im Norden noch ein gewaltiges Wachstum zu. Gerade erst hob Nokia seine Prognosen erneut an. Statt um 25 bis 35 Prozent, wie noch im Frühjahr vorausgesagt, werde die Firma in diesem und im kommenden Jahr ihren Umsatz um jeweils 40 Prozent steigern.

Der Optimismus der Börsianer richtet sich dabei vor allem auf einen Mann, der nichts Charismatisches an sich hat, der weder ein brillanter Redner ist noch wie ein weitsichtiger Visionär wirkt. Eher schon erscheint Jorma Ollila, der den Handy-Konzern seit 1992 als Präsident anführt, wie ein braver Buchhalter.

Wenn der 49-jährige Yrityksen johtaja, so seine finnische Amtsbezeichnung, morgens die neu erbaute, aber schon wieder viel zu kleine Zentrale im Helsinki-Vorort Espoo betritt, steht kein Pförtner stramm. Mittags in der riesigen Kantine im Erdgeschoss platziert er sich zwischen all den jungen Mitarbeitern, die ihn fast kumpelhaft mit »Hallo Jorma« begrüßen.

Der stets ein wenig schüchtern wirkende und deshalb von der Konkurrenz lange unterschätzte Finne hat etwas erreicht, von dem viele Analysten sonst nur in den Lehrbüchern lesen. Er hat ein verschlafenes und unüberschaubares Industriekonglomerat innerhalb weniger Jahre in eine globale Spitzenposition der Telekommunikation geführt - und fährt dabei prächtige Gewinne ein (siehe Grafik).

Als Ollila vor sieben Jahren sein Amt antrat, übernahm er einen Gemischtwarenladen, der Autoreifen und Förderbänder, Fernseher und Fußbodenbeläge, Toilettenpapier, Telefone und vieles andere herstellte und damit Einnahmen von rund sechs Milliarden Mark erzielte. Heute verkauft Nokia nur noch Hightech und setzt weit über 30 Milliarden Mark um. Allein die Handy-Sparte kassiert heute fast viermal so viel wie der ganze Konzern im Jahre 1992.

Und das ist erst der Anfang. Ab 2002 wird in Japan und anschließend in Europa und Amerika unter dem Kürzel UMTS eine neue Handy-Technik eingeführt, die das komplette Internet aufs Handy holt. »In fünf oder sechs Jahren«, glaubt deshalb Sari Baldauf, 44, die einzige Frau im Nokia-Vorstand, »ist das Handy wichtiger als der Personalcomputer.«

Es war ein großes Wagnis, als Ollila so konsequent auf das Mobiltelefon setzte. Der Markt war noch klein und die Perspektive ungewiss. Denn Anfang der Neunziger wurden weltweit nur einige Millionen Handys verkauft. Sie galten als neues Arbeitsmittel für Geschäftsleute, aber nicht als Telefon für jedermann - und schon gar nicht für Teens und Twens, die heute in Scharen zum mobilen Telefon greifen.

Erst 1995 kam die Lawine in Gang, die alle Prognosen der Marktforscher über den Haufen warf. Vergangenes Jahr konnte die Branche schon gut 165 Millionen Funktelefone absetzen. Damit wurden 1998 mehr Handys verkauft als Autos und Personalcomputer zusammen. Inzwischen nutzen weltweit etwa 450 Millionen Menschen ein Mobiltelefon. Und die ursprünglich für das Jahr 2005 vorgesehene Marke von einer Milliarde soll nun nach Ansicht der Branchenexperten bereits Ende 2002 passiert werden.

Mit überlegener Technik, gekonntem Design und viel Verständnis für die Wünsche der Kunden hatten die Finnen schon im vorigen Jahr 25 Prozent des Weltmarkts erobert und die alteingesessenen Branchengiganten, den US-Konzern Motorola und die schwedische Firma Ericsson, aus ihren Spitzenpositionen verdrängt. Und der Abstand zu den Verfolgern wird derzeit immer größer. In diesem Jahr dürfte der Marktanteil von Nokia auf 30 Prozent steigen.

Dabei war von Hightech lange Zeit keine Rede bei Nokia. Der Name war für viele Finnen eher ein Synonym für Gummistiefel, obwohl die Firma ursprünglich als Papierfabrik begonnen hatte. Sie war 1865 von dem finnischen Ingenieur Fredrik Idestam an einem Fluss nahe der Stadt Tampere gebaut worden, nachdem er in Magdeburg die Zelluloseverarbeitung als eine neue Methode zur Papierherstellung kennen gelernt hatte.

Die kleine Firma wuchs schnell, rund um die Fabrik entstand eine Ortschaft, die ebenso wie die Fabrik Nokia genannt wurde. Woher der Begriff kommt, ist selbst in der offiziellen Firmenhistorie nicht eindeutig geklärt. Viele Finnen sehen in Nokia den umgangssprachlichen Namen für eine in der waldigen Gegend vorkommende Wieselart.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts siedelten sich auch die Finnischen Gummiwerke in Nokia an, die nach dem Ersten Weltkrieg die Mehrheit an den Finnischen Kabelwerken übernahmen. Nach und nach schmolzen die drei Firmen immer mehr zusammen und wurden 1967 zur Nokia-Gruppe vereinigt.

Anfang der achtziger Jahre lernte der damalige Firmenchef Kari Kairamo einen jungen Banker kennen, der ihm eine gründliche Renovierung seines bunten Firmenkonglomerats empfahl. Kairamo, dessen Büro mit Aktenordnern immer so voll gestopft war, dass er seine Besucher nur im Kaffeeraum des Konzerns empfangen konnte, war beeindruckt von der Geradlinigkeit des fließend Englisch sprechenden Finnen und stellte 1985 den damals 34-jährigen Jorma Ollila als seinen Strategieberater ein.

Seine große Bewährungsprobe erhielt Ollila, als er fünf Jahre später Chef der damals noch winzigen Sparte Mobiltelefone wurde. »Es gab große Enttäuschungen in der Projektgruppe«, die das Digitalhandy entwickeln sollte, erinnert sich Ollila. Ständig musste die noch nicht praxiserprobte Technik an die Realitäten angepasst werden. Ollila: »Wir wollten ein Rennpferd entwickeln, und heraus kam ein Kamel.«

Das Kamel, bekannt unter dem Namen »Nokia 1011«, wurde in Finnland zum Renner und stürzte bald eine ganze Nation ins Handy-Fieber. Nirgendwo auf der Welt setzte sich das Westentaschentelefon, in Finnland »känny« genannt, so schnell durch wie in dem dünn besiedelten Land am Polarkreis. Heute besitzen fast zwei Drittel aller Finnen ein Handy.

Der Erfolg war dringend nötig, denn nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, einst einer der größten Handelspartner Finnlands, war die Wirtschaft des Landes in eine tiefe Rezession gestürzt - und der Gemischtwarenladen Nokia stürzte mit und schrammte nur knapp an einer Pleite vorbei. Eine gründliche Renovierung war unumgänglich. Sogar ein Verkauf an den Konkurrenten Ericsson war im Gespräch, doch die Schweden lehnten ab. Als Retter in der Not galt Ollila, der mit seiner kleinen Handy-Sparte immerhin über ein Stück Zukunft verfügte.

Ollila stieß nicht nur die Sparten Gummi, Papier und Kabel ab, sondern trennte sich auch von den Fernsehgeräte-Fabriken, darunter die deutschen Marken SEL und Graetz, die Kairamo in den achtziger Jahren zusammengekauft hatte. Neben der Handy-Sparte und dem Geschäft mit der Netztechnik behielt er nur noch die Produktion von Decodern für das Digitalfernsehen (d-Box) im Konzern. »Wir hatten nur eine Wahl«, lautete Ollilas Credo: »Entweder wir beschränken uns auf wenige Kerngebiete, oder wir gehen unter.«

Gleichzeitig tauschte er einen Großteil der Belegschaft aus und drückte so das Durchschnittsalter der Belegschaft auf 32 Jahre. Zeitweise engagierte Nokia ganze Jahrgänge neuer Techniker frisch von den Universitäten in Finnland, die inzwischen kaum noch mit der Ausbildung nachkommen. Nicht zuletzt wegen des Nachwuchsmangels eröffnete Nokia neue Forschungslabors in aller Welt, darunter in den USA, in Deutschland und China. Inzwischen arbeiten mehr als 13 000 Mitarbeiter in den 44 Forschungsstätten des Konzerns.

Um gegen die alteingesessenen Konkurrenten bestehen zu können, trieb Ollila seine Mannschaft nicht nur zu technischen

Höchstleistungen an, sondern räumte als Erster in der Branche auch Designern und Marketingexperten ein großes Mitspracherecht ein. So ist heute ein italienischer Designer mit Sitz in Kalifornien für das Outfit der Handys zuständig. Marketingexperten sorgen dafür, dass die Tasten auf allen Handys nach einem gleichen übersichtlichen Prinzip funktionieren, das nun von vielen Konkurrenten kopiert wird.

Immer wieder verblüffte Nokia die Konkurrenz auch mit dem Tempo bei der Umsetzung technischer Neuerungen. So führte Nokia schon 1996 mit dem »9000 Communicator« als erste Firma ein Handy ein, mit dem man auch E-Mails schreiben und im Internet surfen kann. Ein Jahr später folgten Geräte mit speziellen Displays für asiatische Kunden, und jetzt ist Nokia die einzige Firma, die Handys mit der neuen WAP-Technik liefern kann, während die Konkurrenz sich mit Ankündigungen begnügt. Mit der WAP-Technik, die nächstes Jahr auf breiter Front eingeführt wird, kann der Kunde per Handy auf besondere Internet-Dienste zurückgreifen oder Bankgeschäfte erledigen.

So stieg der Konzern, der von vielen als japanische Firma angesehen wird, in die Weltliga auf. Acht Fabriken in Asien, Nord- und Südamerika sowie in Deutschland, Ungarn und Finnland spucken rund um die Uhr an sieben Tagen in der Woche die heiß begehrte Ware aus.

Auch in der Wachstumsregion Asien eilt Nokia der Konkurrenz aus Europa und Amerika voraus. Schon jetzt ist China für die Finnen der zweitwichtigste Absatzmarkt nach den USA. »In wenigen Jahren«, davon ist Ollila überzeugt, »ist China für uns die Nummer eins.« Denn bis 2010, so haben Nokias Marktforscher errechnet, werden allein in China 200 Millionen Menschen per Handy telefonieren.

Lange Zeit haben die Analysten solche Prognosen als vage Voraussagen gewertet. Doch inzwischen wissen sie, dass Ollila nicht mit Phantasien prahlt, wie sie in der Hightech-Branche üblich sind. »Ollilas Prognosen«, lobt der Londoner Analyst Peter Knox, »sind immer eingetroffen.«

Deshalb vertraut die Zunft ihm auch jetzt und lobt weiterhin unverdrossen die Handy-Aktie. Von 58 aktuellen Analysen, so eine Übersicht des Finanzinformationsdienstes Ibes, raten 49 zum Kauf - nur 2 empfehlen, die Aktie jetzt abzustoßen.

Für die Alten in Pukkila stehen jetzt schwere Entscheidungen an. Folgen sie dem Rat der Analysten und warten auf noch höhere Kurse, oder machen sie endlich Kasse? Hoffen sie auf noch mehr Reichtum, oder beginnen sie mit dem Konsum? Ein Beschluss soll in den nächsten Wochen fallen. KLAUS-PETER KERBUSK

* In den achtziger Jahren in Nokia, Südfinnland.

Zur Ausgabe
Artikel 38 / 132
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.