Handy-Hersteller Saufgelage vor dem Absturz

In der Handybranche herrscht derzeit Champagnerstimmung, der Markt ist im ersten Quartal um 18 Prozent gewachsen. Experten befürchten jedoch, dass der Party bald ein langer, schmerzhafter Kater folgen könnte.


Nokias Spielehandy N-Gage: Dem Boom könnte ein runinöser Preiskampf folgen

Nokias Spielehandy N-Gage: Dem Boom könnte ein runinöser Preiskampf folgen

Hamburg/Stamford - Nach Berechnungen des Marktforschungsunternehmens Gartner übertraf die Zahl der verkauften Handys im ersten Quartal 2003 alle Erwartungen. Weltweit seien 112,6 Millionen Geräte abgesetzt worden. Gegenüber dem Vergleichsquartal des Vorjahres entspricht das einem Plus von satten 18,2 Prozent.

Branchenprimus Nokia Chart zeigen konnte seinen Vorsprung ausbauen. Der Absatz des finnischen Konzerns wuchs um mehr als 20 Prozent (siehe Tabelle). Hauptgrund für den Boom ist laut Gartner eine neue Generation von Geräten - mit Merkmalen wie Farbdisplays, Kameras und Multimedia-Kurznachrichten-Versand (MMS). Ein große Zahl von Endkunden ersetze derzeit ihre alten Handys durch solch neue Modelle und verhelfe damit der gesamten Branche zu einem Umsatzschub.

"Wie Weihnachten"

Neben dem Interesse an Multimedia-Handys habe sich das starke Geschäft in China bemerkbar gemacht, so Gartner-Analyst Ben Wood: "Vor allem das chinesische Neujahrsfest hat geholfen, das ist für die Umsätze wie Weihnachten in Europa". Nach dem erneuten Wachstumsschub habe der weltweite Absatz erstmals die Marke von 100 Millionen Geräten pro Vierteljahr durchbrochen. "Das ist phänomenal", so Wood.

Allerdings wird sich die Branche über den Boom möglicherweise nur kurze Zeit freuen können. Denn inzwischen ist die Zahl der im Gerätegeschäft tätigen Unternehmen auf über hundert angewachsen. Den meisten Marktbeobachtern erscheint eine Konsolidierungswelle in naher Zukunft deshalb unvermeidlich. Für die kommenden Monate schwant Wood denn auch nichts Gutes: "Wird sind sehr besorgt".

Viele Firmen, noch mehr Handys

Besonders im Wachstumsmarkt China habe die Lungenkrankheit Sars im zweiten Quartal zu erheblichen Umsatzeinbrüchen geführt. Die dortigen Unternehmen wiesen inzwischen hohe Lagerbestände auf, was zu deutlich sinkenden Preise führen dürfte. Das werde nicht nur kleinere chinesische Ausrüster treffen. Auch Branchengrößen wie Nokia, Motorola oder Samsung könnten im Laufe des Jahres unter Druck geraten.

"Soviel Überkapazität im Markt ist für jeden eine schlechte Nachricht", sagt Woods. Besonders hart könne der verschärfte Wettbewerb Unternehmen wie SonyEricsson treffen, die bisher auf Klasse statt Masse gesetzt hätten und nun leicht ins Hintertreffen geraten könnten. Schon im ersten Quartal hatte das Joint-Venture bei den Stückzahlen über zehn Prozent eingebüßt.

Kunden, die mit einem neuen Gerät liebäugeln, empfiehlt der Analyst, noch etwas zu warten. "Bei Technologie gibt es zwar nie den richtigen Kaufzeitpunkt", so Woods, "aber wir erwarten für das diesjährige Weihnachtsgeschäft wegen des Überangebots extrem günstige Deals."

Geschätzter weltweiter Handy-Absatz im ersten Quartal 2003

Unter-
nehmen
Absatz (Q1/2003) Markt-
anteil (Q1/2003, in %)
Absatz (Q1/ 2002) Markt-
anteil (Q1/2002, in %)
Wachs-
tum (%)
Nokia 39.479,2 35,0 32.649,0 34,2 20,9
Motorola 16.561,1 14,7 16.804,3 17,6 -1,4
Samsung 11.878,9 10,5 8.890,4 9,3 33,6
Siemens 8.584,6 7,6 8.121,4 8,5 5,7
SonyEricsson 5.384,8 4,8 6.000,8 6,3 -10,3
Andere 30.785,5 27,3 22.867,2 24,0 34,6
Gesamtmarkt 112.674,1 100,0 95.333,1 100,0 18,2

Alle Angaben in Tausend Stück, Quelle: Gartner Dataquest



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