Zur Ausgabe
Artikel 50 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

INTERNET Handy unter der Kutte

Die Mönche aus Andechs kooperieren mit einer ostdeutschen Software-Firma. Online wollen sie bayerische Dörfler beglücken.
aus DER SPIEGEL 47/1998

Der Applaus für den Gastredner im Internationalen Congress Centrum von Berlin war grandios: Manager standen von ihren Stühlen auf und klatschten, als Anselm Bilgri mit seiner Rede vor dem Innovationsforum des Software-Giganten Microsoft fertig war. Er hatte seine Firma vor flimmernder Projektionsleinwand wortgewaltig als »Filiale eines Global players« präsentiert. Da störte es die versammelten Computerfachleute auch nicht, daß der ungewöhnliche Kollege die Bibel als »Führungshandbuch« beschreibt und »Demut« mit »Dienstleistung« übersetzt.

Anselm Bilgri, 45, gehört zwar tatsächlich zu einem weltumspannenden Konzern, für Innovationsfreude ist der allerdings nicht gerade bekannt. Seit 1986 ist Pater Anselm Cellerar und seit 1994 auch Prior des urbayerischen Klosters Andechs. Immer häufiger postiert sich der Kirchenmann wie Anfang Oktober in Berlin in seiner schwarzen Benediktinerkutte hinter weltlichen Rednerpulten. »Mir steh'n doch mitten im Leben und in der G'sellschaft«, sagt der Bayer, der seinen rund 1470 Jahre alten Orden - den ältesten überhaupt - nun in die Zukunft beamen möchte.

Daß der Unterhachinger Gastwirtssohn, der schon im Priesterseminar einen BMW fuhr ("Des durft aber keiner wissen"), dabei gern ungewohnte Pfade beschreitet, beweist sein jüngster Coup: Zusammen mit einem erfolgreichen ostdeutschen Technologieunternehmen hat der emsige Pater jetzt die Gesellschaft für Zukunftstechnologie Andechs (GZA) gegründet.

Auf dem »Heiligen Berg«, so nennt der bayerische Volksmund den Klosterhügel, wird der Besucher von Januar kommenden Jahres an nicht nur Bier und Barock finden, sondern auch jede Menge High-Tech. Hier sollen zehn Spezialisten Telearbeitsplätze für die Zukunft entwerfen, Firmen sollen ihren Zugang zum Internet finden, Gemeinden ihr »virtuelles Rathaus« planen und ihre digitalen Multimedia-Kataster erstellen lassen, bei denen ein paar Mausklicks die Dorfstraße etwa von Sufferloh auf den Bildschirm holen könnten - mit sämtlichen Gebäuden, den Daten über Wasser, Strom und Altlasten. Der Segen des Allmächtigen ist dem Projekt gewiß: Für das kommende Jahr hat Microsoft-Chef Bill Gates seinen Besuch angekündigt.

»Phantastisch«, schwärmt Pater Anselm, der sich keinen besseren Ort vorstellen kann, um »d'Leut an die Zukunft glauben zu lassen«. Damit die schönen Pläne professionell umgesetzt werden, paktiert der Pater gar mit den Heiden: Das Kloster stellt die Räumlichkeiten und den guten Ruf, Finanzen und Know-how kommen von der Firma Phonesat Online, die zu einer Ost-Berliner Technologie-Holding gehört. Mit diesem Deal erhalten die Mönche modernstes Computer-Know-how, um Katholisches zu verbreiten - das Ost-Unternehmen darf eine der besten Adressen Bayerns im Briefkopf führen.

Die Firma kann, will sie dort Fuß fassen, das kirchliche Mäntelchen gut gebrauchen, denn Phonesat-Online-Manager Reinhard Stüber, 46, ist ein ehemaliger SED-Kader. Er besuchte die SED-Bezirkssparteischule und war Mitarbeiter der Berliner Bezirksleitung der Partei. Sein Unternehmen ist eine 100prozentige Tochter der Deutschen Phonesat Holding. Deren Angestelltenkartei liest sich wie das Who's who der DDR-Führungselite: Diplomaten, Fliegergeneräle, Wissenschaftler, Ingenieure - zumeist ehedem hochkarätige Genossen, versteht sich.

Sein Personal tituliert Holding-Boß Bernd Burger, 45, selbstbewußt als »Club der Altlasten«. Die abgewickelten Geheimnisträger schlagen aus ihrem Wissen heute Kapital. Die Holding ist spezialisiert auf satellitengestützte Informationstechnik, Fernerkundungs- und Flugsicherungssysteme. Kommunikations- und Datendienste in Syrien und in den Weiten Rußlands (Burger: »Da muß man eben die Leute kennen"), die Tower-Ausrüstung für den Athener Flughafen oder Planungskarten für ein neues Berliner Wasserleitungssystem lassen den für dieses Jahr angepeilten Umsatz auf etwa 65 Millionen Mark steigen.

Gottesmann Bilgri und Ex-Genosse Stüber, zwei rundliche Genießer mit dem hintergründigen Humor geschulter Ideologen, fanden schnell zueinander, verstehen sie doch beide viel von Bier, Geschäften und Marketing.

1,5 Millionen Besucher lassen jedes Jahr ihr Geld auf dem »Mons Sanctus«. Mit jährlich 90 000 Hektolitern Ausstoß betreiben 8 Mönche und ihre 150 weltlichen Mitarbeiter die größte Klosterbrauerei der Republik, sieben Biersorten werden bundesweit vertrieben. Der »Klosterladen« verhökert Merchandisingprodukte wie der Fanshop eines Fußballclubs. Zudem ist Andechs ein begehrter Tagungsort. CDU und CSU etwa versammelten sich im historischen Fürstentrakt vor rund einem Jahr zum Strategietreffen.

Um alle Geschäfte abwickeln zu können, haben die Mönche ihr jahrhundertealtes Kloster auf den neuesten Stand gebracht. Alle Unternehmensbereiche sind per Glasfaser vernetzt; von 25 Computerarbeitsplätzen können die Mitarbeiter auf gemeinsame Datenpools zurückgreifen. Moderne Zeiten freilich fordern Opfer. Da bimmelt dann schon mal bei Frater Lambert, 42, das Handy unter der Kutte. Der »Gastmeister« des Klosters betreut die Pilger: »Ohne dös«, sagt der bullige, ewig fröhliche Ordensmann und deutet auf seinen PC, »geht fei gar nix mehr.«

High-Tech unterm Kruzifix: In der sogenannten Engelsburg, der ehemaligen Teestube des Abtes, residiert jetzt Werner Kuhnert, Geschäftsführer der GZA. Er glaubt an den großen Erfolg des Unternehmens. Schon jetzt seien die Bücher mit Schulungs- und Beratungsaufträgen gut gefüllt. Gerade auf dem Land, sagt er, seien die Kommunen auf kompetente Ansprechpartner angewiesen.

Da die Firma im nächsten Jahr rund fünf Millionen Mark investieren will, bereiten die Partner derzeit die Umwandlung der GmbH in eine Aktiengesellschaft vor. Hierbei mußte der agile Prior Bilgri aber eine Schlappe wegstecken. Trotz aller Modernität war die Beteiligung des Klosters an einer Aktiengesellschaft bei den Ordensbrüdern nicht durchzusetzen. »Des is halt nix für a Kloster, solche globale Geldg'schichten«, umschreibt er die Ängste einiger Fratres, künftig Bibel und Börsenteil lesen zu müssen. Großes Geld sind die Mönche nicht gewöhnt, sie erhalten persönlich nur das, was sie zum täglichen Leben gerade benötigen.

Die 15 Prozent an der GmbH, die dem Kloster bislang gehören, gehen nun auf die Phonesat Online über. Gleichwohl fühlen sich die braven Mönche von den taktisch geschulten Ex-Parteikadern nicht über den Tisch gezogen: Ein Kooperationsvertrag regelt, daß die GZA dem Orden beispielsweise für Missionierungszwecke einen virtuellen Kreuzweg auf CD-Rom brennt und auch Gottes-PR im Internet ermöglicht.

Als Tribut an den klösterlichen Frieden und um doch ein Auge auf die weltlichen Geschäfte zu haben, wird außerdem der Cellerar des Klosters zusammen mit dem Starnberger CSU-Landrat Heinrich Frey im dreiköpfigen Aufsichtsrat der GZA Platz nehmen, »weil des hier eben so ist«, sagt Pater Anselm.

Und weil das in Bayern so ist, besucht Ex-Genosse Stüber sogar manchmal den Gottesdienst: »Ich muß ja nicht Amen sagen«, meint der Atheist. »Was aber auch nicht schaden kann«, kontert Pater Anselm und schmunzelt.

Zur Ausgabe
Artikel 50 / 133
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.