Hapag-Lloyd-Kaufinteressent Kühne "Die größte deutsche Reederei muss in deutscher Hand bleiben"

Der TUI-Konzern will seine Reederei Hapag-Lloyd verkaufen, wenn's sein muss nach Asien. Der Logistik-Unternehmer Klaus-Michael Kühne warnt im SPIEGEL-ONLINE-Interview vor Gefahren für die deutsche Wirtschaft und fordert eine nationale Rettungsaktion - bei der er selbst mitmischen will.


SPIEGEL ONLINE: Herr Kühne, Sie nennen den möglichen Verkauf der Reederei Hapag-Lloyd an asiatische Investoren eine "Katastrophe", gerade für den Standort Hamburg. Das klingt ein bisschen übertrieben - immerhin ist das ja ein internationales Geschäft.

Kühne: Deutschland als führende Exportnation braucht eine eigene Schifffahrt als strategisches Element im Welthandel. Die größte deutsche Reederei muss in deutscher Hand bleiben. Solche Schlüsselunternehmen an ausländische Investoren zu verkaufen, ist sehr bedenklich. Hapag-Lloyd und Hamburg - das passt sehr gut zusammen. Die Stadt, aber auch die Bundesregierung muss dafür vollen Schutz gewähren.

SPIEGEL ONLINE: Sie als Unternehmer verlangen ein Eingreifen der Politik in die Wirtschaft?

Kühne: Ja. Das ist ein Politikum.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Logistikunternehmen Kühne+Nagel Chart zeigenhat seit 1969 den Firmensitz in der Schweiz. Woher jetzt Ihr deutscher Patriotismus?

Kühne: Der Umzug hatte persönliche und familiäre Gründe, sicherlich auch steuerliche. Unsere Holding für die weltweiten Aktivitäten ist in der Schweiz, wir haben aber eine eigenständige Geschäftsführung in Deutschland. Das ändert nichts daran, dass starke Firmeninteressen in Deutschland liegen und wir dort unsere Wurzeln haben. In Deutschland fällt ein Viertel unseres Geschäftsvolumens an, weit mehr als in den mehr als 100 Ländern, in denen wir tätig sind. Zugleich fühlen wir uns Hamburg aufs Engste verbunden - dort haben wir gerade unsere Deutschlandzentrale in der Hamburger Hafencity gebaut.

SPIEGEL ONLINE: Sie vermitteln Logistik-Dienstleistungen. Interessieren Sie sich nicht nur deshalb für Hapag-Lloyd?

Kühne: Unser unternehmerisches Interesse ist, dass unser Geschäftspartner Hapag-Lloyd nicht in einem anderen Konzern aufgehen soll, denn wir brauchen im Frachtgeschäft Wettbewerb. Kühne + Nagel würde sich allerdings nie an einer solchen Reederei beteiligen, sondern ist als objektiver Berater und Dienstleister für unsere Kunden zur Neutralität bei der Auswahl von Reedereipartnern verpflichtet. Daher kommt nur mein persönliches Engagement in Betracht, neben dem kommerziellen Interesse auch eine emotionale Angelegenheit ...

SPIEGEL ONLINE: ... Regionalpatriotismus im internationalen Geschäft!

Kühne: Ich bin nicht der einzige, der eine Hamburger Hapag-Lloyd will. Mehrere Interessenten beteiligen sich finanziell, wenngleich sie nicht namentlich genannt werden wollen. Man muss aber auch einmal Flagge zeigen. Sollte es zu einer Hamburger Lösung kommen, wird sie von einer Gruppe getragen.

SPIEGEL ONLINE: Der Kaufpreis soll zwischen 3,5 und 6 Milliarden Euro liegen, der Mutterkonzern TUI Chart zeigen ist genauso wie TUI-Großaktionär John Fredriksen an einem möglichst hohen Preis interessiert. Wie viel ist Ihnen Ihr Engagement wert?

Kühne: Das steht noch nicht fest. Ich könnte mir vorstellen, dass mein Anteil an einer Bietergesellschaft, die alle Aktien von Hapag-Lloyd erwirbt, bei 20 bis 25 Prozent liegt. Ich möchte aber, dass sich möglichst viele beteiligen, und darum ist jeder Partner willkommen - ich gehe dann gern mit meinem Anteil zurück. Mein Hauptinteresse ist, dass Hapag-Lloyd in Hamburger Besitz bleibt. Wenn das gewährleistet ist, würde ich theoretisch auch gar keine Anteile kaufen.

SPIEGEL ONLINE: Wieso argumentieren Sie als Unternehmer so sehr gegen den freien Markt und für einen staatlichen Eingriff? Hapag-Lloyd selbst hat doch 2005 die kanadisch-britische Reederei CP Ships geschluckt.

Kühne: In einer kritischen Phase wie jetzt bei Hapag-Lloyd sollte sich der Staat engagieren - langfristig aber heraushalten. Nehmen Sie den Fall Beiersdorf Chart zeigen: An dem Kosmetikkonzern hat sich die Stadt Hamburg beteiligt, um eine Übernahme durch Procter & Gamble Chart zeigen zu verhindern. Später hat sie ihre Anteile wieder abgegeben.

SPIEGEL ONLINE: Sagen Sie das auch, weil Sie alleine keine tragfähige Lösung zustande bringen?

Kühne: Ich gehe davon aus, dass wir das hinbekommen. Im Augenblick werden die Unterlagen gesichtet und ein Angebot erarbeitet, am 21. Juli müssen wir es abgeben. Wer in unserer Bietergesellschaft dabei ist, muss sich noch zeigen.

SPIEGEL ONLINE: Wie wollen Sie mit einem üppig ausgestatteten asiatischen Staatsfonds mithalten?

Kühne: Wie sich die Asiaten verhalten, muss man erst mal abwarten. Es gibt ja in Hamburg, gerade aus Hapag-Lloyd heraus, eine Menge Widerspruch gegen eine Übernahme durch so einen Staatsfonds. Abgesehen davon geht es der Schifffahrt angesichts des abflauenden Welthandels und des hohen Ölpreises nicht so gut, dass jeder Preis für eine Übernahme gerechtfertigt wäre.

SPIEGEL ONLINE: Wenn aber zum Beispiel Singapur Mondpreise bietet ...

Kühne: ... dann kann man sicher irgendwann nicht mehr mitbieten.

SPIEGEL ONLINE: Durch das geplante neue Außenwirtschaftsgesetz könnte die Bundesregierung ausländische Beteiligungen an deutschen Unternehmen von mehr als 25 Prozent verbieten, wenn sie die öffentliche Ordnung und Sicherheit gefährdet sieht. Hoffen Sie darauf?

Kühne: Ordnungspolitisch habe ich damit meine Probleme, allerdings sehe ich ungern einen Ausverkauf deutscher Interessen. Also habe ich ein gewisses Verständnis für Regulierung in strategisch wichtigen Bereichen.

SPIEGEL ONLINE: Mal angenommen, es klappt mit einer Hamburger Lösung - was käme dann auf das Unternehmen zu?

Kühne: Hapag-Lloyd muss wachsen, eventuell sich mit einer anderen Reederei zusammenschließen. In Allianzen mit Partnern aus Japan, Malaysia und Hongkong ist Hapag-Lloyd heute schon sehr stark. Aber über die Strategie muss dann das Management entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Die Deutsche Bank Chart zeigen ist in Hamburg in die Kritik geraten, weil sie für den Noch-Eigner TUI den Hapag-Lloyd-Verkauf begleitet und die Verkaufsprospekte angeblich auf asiatische Interessenten zugeschnitten sind. Das Kreditinstitut bewertet die Lage offensichtlich anders als Sie.

Kühne: TUI steht unter dem Druck der Aktionäre, möglichst viel Geld rauszukriegen. TUI hat das ja auch besonders nötig - die gucken also sicher nicht nur nach Hamburg. Ich finde es aber gar nicht gut, dass sich ausgerechnet die Deutsche Bank so sehr für eine ausländische Lösung einsetzt. Wenn das stimmt, werde ich meine Geschäftsbeziehungen zu dieser Bank überdenken.

Das Interview führte Hasnain Kazim



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