Happiness Economics Was Geld und Glück gemeinsam haben

Geld macht nicht glücklich - was wie eine Beruhigungsformel für Nichtmillionäre klingt, wird ausgerechnet von Ökonomen bestätigt. Dauerhaftes Glück, so die These eines neuen Buches, habe mit materiellem Reichtum nichts zu tun.

Hamburg - Was könnte man nicht alles mit einem Millionen-Lottogewinn anstellen: Schulden abbezahlen, vielleicht eine Villa bauen, eine Weltreise machen. Man könnte die Arbeit Arbeit sein lassen, sich mit den schönsten Frauen umgeben oder den tollsten Typen, endlich die Füße hochlegen, nur noch machen, was einem gefällt - was für ein Glück das wäre.

Aber weil so ein Geldregen unwahrscheinlich ist und erstmals seit 60 Jahren die Durchschnittslöhne in der Bundesrepublik nicht mehr steigen, erfreuen sich literarische Beruhigungspillen enormer Beliebtheit. So schrieb Achim Schwarz ein Buch, um seinen Abstieg vom Unternehmensberater zum Arbeitslosen zu verarbeiten und der Öffentlichkeit mitzuteilen, wie leicht ihm das doch gefallen sei. Alexander von Schönburg, Bruder von Millionärswitwe Gloria von Thurn und Taxis, stürmte mit seiner 239-seitigen Erklärung, "wie man ohne Geld reich wird", im vergangenen Jahr die Bestsellerlisten (um anschließend Chefredakteur eines Hochglanzmagazins für Schöne und Reiche zu werden).

Der Wirtschaftsjournalist Harald Willenbrock wählt einen neuen Ansatz. Er beschreibt in seinem Buch "Das Dagobert-Dilemma. Wie die Jagd nach Geld unser Leben bestimmt" das Forschungsgebiet einer relativ jungen Sparte der Wirtschaftswissenschaften - die Happiness Economics, auf Deutsch: Glücksökonomie.

Einer ihrer Gründerfiguren, der Volkswirt Richard A. Easterlin, veröffentlichte 1974 einen Aufsatz, demzufolge wohlhabende Menschen mit ihrem Leben zwar zufriedener sind als arme, der aber auch besagt, dass Menschen in einer reichen Gesellschaft nicht zwangsläufig glücklicher sind als in Entwicklungsstaaten. Seine These: Menschen seien anpassungsfähig und könnten auch mit weniger Wohlstand leben.

"Wenn meine Interpretation stimmt, befördert ökonomisches Wachstum eine Gesellschaft daher nicht in einen Zustand des Überflusses, sondern bringt vielmehr ständig wachsende Wünsche hervor, deren Erfüllung wiederum ökonomisches Wachstum erfordert." Ökonom Easterlin fand mit seinem Aufsatz kaum Gehör in einer Zeit, in der es wirtschaftlich aufwärts ging. "Verbessert ökonomisches Wachstum das menschliche Los?" lautete seine Überschrift. Was für eine - scheinbar - dämliche Frage.

Easterlin könnte aber tatsächlich Recht haben, findet Willenbrock, und beruft sich auf eigene Erfahrung. Beim Kauf einer Wohnung vor einigen Jahren glaubte er noch: Wenn die mal abbezahlt ist, kann ich glücklich sein. Die Schuld war irgendwann getilgt - aber ein neuer Wunsch da: Eigentlich müsste die Wohnung größer sein. Die Folgen: ein neuer Kredit und die Idee für das selbstkritische Buch.

Geld, Wachstum, Status

Das "Dagobert-Dilemma", benannt nach dem hyperreichen Onkel von Enterich Donald Duck, erinnert an die Geschichte der nimmersatten Fischersfrau, die sich einen immer höheren Status wünscht, in der Hoffnung, am Ende ganz oben zu stehen. (Letztendlich ist sie nie zufrieden und landet tragischerweise wieder ganz unten.) Willenbrock beschreibt das Streben der Menschen nach immer höherem Ansehen, er schildert, wie sie aus Angst vor dem sozialen Absturz irrational handeln. Geld, Wachstum, Status haben seiner Meinung nach einen völlig überbewerteten Stellenwert erhalten. Freunde und Familie blieben auf der Strecke.

Aber auch die geldlose Gesellschaft bleibt wirklichkeitsfremde Theorie. Willenbrock geht erfreulicherweise auch darauf ein. So führt er als Beispiel die 63-jährige Psychotherapeutin Heidemarie Schwermer an, die vor zehn Jahren nahezu ihren gesamten Besitz verschenkte und seither versucht, ohne Geld über die Runden zu kommen. Mitten in Deutschland lebt sie als Nomadin und tauscht Arbeitskraft gegen Lebensmittel und Übernachtungsgelegenheiten. Letztlich aber braucht auch sie Geld - nur gehört es anderen. Auch für die lange so populäre "Geiz-ist-geil"-Haltung findet Willenbrock kritische Worte.

So ist sein Buch ein unterhaltsamer, klug geschriebener Versuch, zum Nachdenken über Monetäres anzuregen. Warum stört es uns so sehr, wenn wir erfahren, dass der vermeintlich unfähigere Kollege mehr verdient? Weshalb streiken Leute für ein paar Prozent mehr Einkommen? Sollten Politiker das Wachstum nicht vom Podest der wichtigsten politischen Ziele stoßen und neue definieren?

Das regt dazu an, das Mantra "mein Haus, mein Auto, mein Boot" für einen Moment zu vergessen. Wenigstens bis zum nächsten Rekord-Jackpot.


Harald Willenbrock: Das Dagobert-Dilemma. Wie die Jagd nach Geld unser Leben bestimmt. Heyne Verlag, München 2006. 18,95 Euro
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.