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19. Juli 2008, 11:39 Uhr

Harsche Kritik am Kartellamt

"Wasserträger der ARD"

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Im Streit um die TV-Vermarktung der Fußball-Bundesliga haben die Privatsender das Bundeskartellamt scharf angegriffen. Der Privatsenderverband VPRT wirft den Wettbewerbshütern vor, einseitig die Interessen der ARD zu vertreten.

Hamburg - "Die Position der Kartellamtes ist eine massive Bevorzugung der ARD", so Jürgen Doetz, Präsident des Privatsenderverbandes VPRT. In dem Verband sind Branchengrößen wie RTL, ProSiebenSat.1 und Premiere vertreten. Mit seiner Forderung, eine Zusammenfassung der Spiele müsse zwingend am Samstag vor 20 Uhr im frei empfangbaren Fernsehen ausgestrahlt werden, mache sich das Amt "zum Wasserträger der ARD", sagte Doetz dem SPIEGEL.

ARD-Kameramann bei einem Bundesliga-Spiel: Staatliche Garantie für die Sportschau?
DPA

ARD-Kameramann bei einem Bundesliga-Spiel: Staatliche Garantie für die Sportschau?

Das Kartellamt hatte in der vergangenen Woche der Deutschen Fußball Liga (DFL) und ihrem Vermarktungspartner - Leo Kirchs Firma Sirius - mitgeteilt, die Wettbewerbshüter könnten eine zentrale Vermarktung der TV-Rechte aller Fußballclubs nur genehmigen, wenn der Verbraucher davon einen klaren Vorteil habe. Die frühe TV-Präsentation der Spielhöhepunkte am Samstag sei hierfür Voraussetzung, weniger attraktive Zeiten würden die Auswahl des Zuschauers beschränken und ihn ins Pay-TV drängen. Bei DFL und Sirius wird dies jedoch als eine Bestandsgarantie für die ARD-Sportschau gewertet, die bisher um 18.30 beginnt und vor 20 Uhr endet.

Auch der Privatsenderverband sieht in der Argumentation des Bundeskartellamtes einen Nachteil für den Wettbewerb. "Das Kartellamt weiß, dass es vor 20 Uhr keinen Wettbewerb bei Sportrechten gibt, weil sich das kein Privatsender leisten kann", so Doetz. Ausgerechnet die Wettbewerbshüter würden so den "Wettbewerb blockieren". Es sei auch "nicht die Aufgabe des Kartellamtes, Sendezeiten festzulegen". Noch hoffe man jedoch, dass "es zum Dialog mit dem Kartellamt kommt, um unsere Position deutlich zu machen".

DFL-Deal mit Sirius wackelt

Am Dienstag sollen weitere Gespräche zwischen der Bonner Behörde und Vertretern von DFL und Sirius stattfinden. Sollte das Kartellamt bei seiner Position bleiben, stehe auch der milliardenschwere Deal zwischen DFL und Sirius vor dem Scheitern, so Beteiligte. Sirius hatte der Liga Erlöse von rund 500 Millionen Euro pro Saison über sechs Jahre garantiert. Voraussetzung sei aber, dass zwei Szenarien ausgeschrieben würden: eine frühe Zusammenfassung und eine späte um 22 Uhr am Samstag. Sollte dies nicht möglich sein, gebe es keinen Wettbewerb um die Rechte, sondern eine Zementierung der bisherigen Vergabe an ARD und den Abo-Sender Premiere.

Auch Nachverhandlungen - etwa bei der Höhe der garantierten Erlöse - machten wenig Sinn, wenn das Marktumfeld vom Kartellamt eingeschränkt werde. Garantiert Kirch eine deutlich niedrigere Summe, könnte die Liga die Vermarktung auch ohne Partner betreiben. Auch der Plan für einen Bundesliga-Abo-Sender, den Kirch und DFL zusammen aufbauen wollen, mache in einem von vorneherein engeren Marktumfeld weniger Sinn und sei dann schwer finanzierbar, heißt es bei Insidern.

Dem Argument des Wettbewerbshüter, die Interessen des Zuschauers würden zugunsten höherer Einnahmen geopfert, halten Beteiligte entgegen, dass die Ausschreibung bei einer späten Zusammenfassung am Samstagabend zum Ausgleich eine frühe Highlight-Präsentation von drei Spielen am Sonntag vorsehe sowie mehrere Live-Spiele im Free-TV. Beides sei für Privatsender attraktiv. In Bonn heißt es dazu jedoch, Herzstück der Berichterstattung sei nun einmal die Zusammenfassung am frühen Samstagabend.

Scheitert der Deal, muss die DFL zügig im Alleingang ausschreiben und dürfte dabei nur noch ein Szenario anbieten. Dabei stellt sich die Liga schon jetzt darauf ein, dass statt der ursprünglich garantierten drei Milliarden Euro über sechs Jahre deutlich weniger Geld herauskommt. "Mit Kirch hat das nichts zu tun. Das Kartellamt entzieht die Grundlage der Vermarktung", heißt es in Kreisen der Liga.

Das Kartellamt dürfte sich durch die Gefahr eines Scheiterns kaum zum Einlenken bewegen lassen. Die Behörde sei nicht dafür zuständig, einzelne Geschäftsmodelle zu schützen, heißt es im Amt. Dass sich Sirius und DFL gegen eine Entscheidung des Kartellamtes juristisch zur Wehr zu setzen, ist nicht ausgeschlossen.

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