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UNTERNEHMEN Harte Kur

Max Grundig hat sich verrechnet - Tausende von Mitarbeitern des Fernsehgeräte-Herstellers verlieren die Arbeitsplätze.
aus DER SPIEGEL 5/1981

Noch im August vergangenen Jahres fühlte sich Max Grundig, 72, »verdammt wohl«. Seine Firma, prahlte der größte deutsche Fernsehgeräteproduzent, sei »bestens für die Zukunft gerüstet«, die Überlegenheit der japanischen Konkurrenz eine »reine Legende«.

Inzwischen ist dem Fürther Vollblut-Unternehmer der Optimismus vergangen, und seinem Unternehmen geht es auch nicht bestens. Die Realität hat Max Grundig eingeholt.

»Mit Grundig vergeht uns Hören und Sehen«, klagten am Sonnabend vorletzter Woche rund 3000 Grundig-Werker in der niederbayrischen Kleinstadt Landau. Mit grob gereimten Sprüchen ("Abgekämpft, verschlissen, jetzt werden wir rausgeschmissen") protestierten sie gegen den drohenden Verlust ihrer Arbeitsplätze.

Die Grundig-Belegschaft bekommt nun die Zukunftsvorsorge des Firmenchefs zu spüren. »Um den Gesamtbestand des Unternehmens zu sichern«, verkündet Firmensprecher Karl-Heinz Schmidt, »ist ein Personalabbau unvermeidlich.«

Und weil sich, so Schmidt, »derzeit kein Silberstreif am Horizont abzeichnet«, greift der Konzernchef bei seinen Rationalisierungsplänen hart durch. Bereits im vergangenen Jahr wurden die Grundig-Werke im französischen Fleurance, im nordirischen Dunmurry, in Neuburg an der Donau und in Zirndorf bei Fürth dichtgemacht. Zudem war die Zahl der Beschäftigten in den italienischen Betrieben um 400 und im oberpfälzischen Vohenstrauß um 160 reduziert worden. Nun sollen vier weitere Betriebe in Deutschland geschlossen werden.

In einem Stil, der den bayrischen SPD-Landtagsabgeordneten Hermann S.63 Niedermeier an »Verhaltensweisen des Frühkapitalismus« erinnnert, sollen bis spätestens Ende dieses Jahres die Grundig-Werke im niederbayrischen Ascha und Landau sowie in Augsburg und Karlsruhe stillgelegt werden. Betroffen sind gut 2000 Arbeiter.

Vor allem die Stillegung der bayrischen Betriebe versetzte Landes- und Kommunalpolitiker in Unruhe. Denn in den industriearmen Landstrichen des Freistaats wirken sich Grundigs Pläne besonders bös aus. Neue Arbeitsplätze für die Entlassenen sind nur schwer zu finden.

Doch der Protest von Politikern und Gewerkschaftern half bislang wenig. Selbst die Bitte des Augsburger Bischofs Josef Stimpfle, »die Entscheidung im Interesse der Arbeitnehmer und deren Familien gründlich zu überprüfen«, konnte den sonst so kirchentreuen Firmenpatriarchen nicht umstimmen.

Max Grundig ist entschlossen, sein Lebenswerk -- koste es, was es wolle -- vor drohenden Verlusten zu bewahren. Zwar konnte Grundig bisher -- im Gegensatz zu den meisten seiner deutschen Konkurrenten -- mit Fernsehern, Hi-Fi-Geräten und Video-Apparaten noch Gewinne machen. Aber der Überschuß des Konzerns sackte in den vergangenen Jahren von 175 auf nur 34 Millionen Mark.

Als Grundig vergangenes Jahr sogar zum erstenmal seit langem einen Umsatzrückgang von 2,95 auf 2,77 Milliarden Mark melden mußte, hielt er Entlassungen für unumgänglich. Bis zum Herbst dieses Jahres, so die Grundig-Vorgabe, soll der Personalbestand im Konzern von rund 40 000 im Jahre 1979 auf etwa 32 000 reduziert werden. Parallel dazu verlagert Grundig seine gesamte Hi-Fi-Produktion von Deutschland ins portugiesische Braga.

Die Sanierungskur bei Grundig fällt deshalb so hart aus, weil der Konzernchef in den letzten Jahren eine wenig glückliche Hand im Hi-Fi- und Fernsehgeschäft hatte. Und auf den Rat seiner Vorstandsmanager will sich der 72jährige offenbar weniger denn je verlassen.

So traf es Grundig, der sich immer soviel auf seinen sicheren Instinkt für die Wünsche der Kunden zugute hielt, völlig überraschend, als 1979 der Verkauf von Fernsehern ins Stocken geriet. Obwohl inzwischen in Europa mehr als die Hälfte aller TV-Geräte mit kleineren Bildschirmen verkauft S.66 wird, ist die Grundig-Produktion noch immer auf Großgeräte spezialisiert. Um überhaupt kleinere Geräte anbieten zu können, muß sich Grundig die Bildröhren bei der Konkurrenz in Japan besorgen.

Zu spät erkannte Grundig, der heute noch fast täglich an seinem Schreibtisch sitzt, auch die wachsende Bedeutung des Hi-Fi-Marktes. So baute er noch hausbackene Kompaktanlagen, als die Käufer längst zu den technisch hochwertigen Hi-Fi-Bausteinen und Minikomponenten der japanischen Konkurrenz griffen. Auf dem zukunftsträchtigen Video-Markt dagegen, wo er früh zusammen mit Philips gestartet war, verprellte sich Grundig die Kunden durch zu häufige Systemwechsel.

Zudem erwies sich der später von Grundig allein entwickelte Video-Recorder als viel zu reparaturanfällig. Und als die Fürther schließlich im vergangenen Jahr zusammen mit Philips einen neuen Video-Recorder kreierten, passierte ihnen gleich am Anfang eine böse Panne: Es fehlte an Bändern, mit denen die Kunden ihre Filme und TV-Sendungen aufzeichnen konnten.

Jetzt rächt sich auch, daß Grundig jahrelang die Grundlagenforschung vernachlässigte und sich vor allem auf die Entwicklungen seiner Bauteile-Lieferanten Philips und Siemens verließ. Denn inzwischen ist selbst Grundigs Fernseher-Produktion nicht mehr auf dem neuesten Stand.

Nach wie vor werden bei Grundigs TV-Apparaten die elektronischen Bauteile zu aufwendigen Teilgruppen (Module) zusammengefaßt, während die flexibleren Konkurrenten, allen voran der Branchenzwerg Loewe Opta, schon nach einem kostengünstigeren Verfahren arbeiten. Die plazieren nämlich möglichst viele Bauelemente auf einer einzigen Großplatte und sparen so ein Drittel der üblicherweise nötigen Bauelemente.

Branchenkenner bezweifeln aus diesen Gründen, daß Grundig sein Unternehmen mit Personaleinsparungen allein vor Verlusten bewahren kann. Im Konzern selbst jedoch wagt niemand so recht, dem einsam regierenden Chef andere Wege zu zeigen. Mitarbeiter, die etwa von einer Informationsreise aus Japan zurückkommen, haben manchmal nicht einmal den Nerv, dem Chef die volle Wahrheit über die Konkurrenten in Fernost zu berichten.

So ist ein Ende des Trauerspiels um die einst so angesehene Firma noch gar nicht abzusehen. Spitzenmanager laufen davon, und ein Manager, der als Nachfolger des Firmenchefs einen neuen Kurs einschlagen könnte, ist -- weil der Chef ja doch alles besser weiß -nicht in Sicht.

»Grundigs größtes Handikap«, findet ein ehemaliger Manager des Fürther Unternehmens, »ist heute vor allem Max Grundig selbst.«

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S.63: * Am 17. Januar 1981 in Landau.

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