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24. April 2011, 16:24 Uhr

Hartz IV

Falsche Fragen, falsche Antworten

Ein Gastkommentar von Fred Grimm

Die Politik streitet viel über Hartz IV - zuletzt über das Bildungspaket für Kinder aus armen Familien. Das Milliardensystem hat längst versagt. Es ist zum Synonym einer Gesellschaftsordnung geworden, die Millionen Menschen signalisiert: Wir brauchen euch nicht!

Wenn wir über Arbeitslosigkeit und Armut reden, geht es oft um Zahlen, große Zahlen. 50 Milliarden Euro kostet uns die Hilfe für Hartz-IV-Empfänger pro Jahr. Knapp sieben Millionen Menschen erhalten Gelder aus dem Hartz-IV- Paket, damit sie sich das leisten können, was die Statistiker des Arbeitsministeriums für ein menschenwürdiges Leben halten.

Tatsächlich landet von den 50 Milliarden nicht einmal die Hälfte bei Arbeitslosen, Arbeitsunfähigen und Kindern aus armen Familien. Schließlich muss der riesige Hartz-IV-Verwaltungsapparat finanziert werden oder das halbmafiöse System der privaten Arbeitsvermittlung. Auch erhalten knapp ein Drittel der erwachsenen Hartz-IV-Bezieher ihr Geld als Gehaltsaufstockung, weil ihre Chefs Stundenlöhne zahlen dürfen, für die man bei McDonald's nicht mal einen Cappuccino bekommt.

Das System Hartz IV, zu dem solche Zumutungslöhne ebenso gehören wie die Mehr-als-ein-Euro-seid-ihr-sowieso-nicht-wert-Jobs und das in Bastel-, Sinnsuchekursen oder Schreibtherapien als "Wiedereingliederungshilfen" seinen wirkungslosen Ausdruck findet, ist zum Synonym einer Gesellschaftsordnung geworden, die Millionen Menschen signalisiert: Wir brauchen euch nicht!

Die Frage, ob wir uns das eigentlich leisten können, ist dabei völlig falsch gestellt. Denn wenn wir es uns leisten können, auf die 100 Milliarden Euro zu verzichten, die jährlich in Deutschland an Steuern hinterzogen werden, sollten uns die 24 Milliarden, die an Hartz-IV-Empfänger und ihre Kinder gehen, nicht stören. Die Frage ist eher, ob wir es uns erlauben können, das Potential dieser vielen Menschen weiter zu verschenken.

Das Gefühl, gebraucht zu werden

Vor kurzem lief auf RTL die Doku-Serie "Rachs Restaurantschule". Der Sternekoch Christian Rach, als "Restauranttester" zu telegener Berühmtheit gelangt, baute darin gemeinsam mit anfangs zwölf Kandidaten binnen zwei Monaten ein echtes Restaurant auf. Die "Freakshow", wie sich die "Augsburger Allgemeine" zu schreiben erlaubte, präsentierte Menschen, die man auf behördendeutsch eher "schwer vermittelbar" nennen würde: Knastgänger, Teeniemütter, notorische Ausbildungsabbrecher und die 44-jährige Angelika, deren Leben um ihre über hundert Stofftiere kreist. Mit denen sie spricht.

Die Sendung war eine zwiespältige Angelegenheit. Gnadenlos durchinszeniert, an der Grenze zur Vorführung, gab es aber immer wieder berührende Momente, in denen eine tiefere Wahrheit aufschien, die sich einfach nicht weginszenieren lässt.

Als Rena, 20 Jahre alt, 135 Kilo schwer, die sich plagte und verzweifelte, die kämpfte und scheiterte und weiterkämpfte, letztlich doch einen Ausbildungsvertrag für das neue Restaurant erhielt, rollten ihr Tränen über das Gesicht. Es wirkte, als hätte man ihr zum ersten Mal in ihrem Leben gesagt, dass sie etwas wert ist, dass man sie braucht, dass man sie nicht mehr ihrer Einzimmerwohnungsverzweiflung, ihrem Selbsthass und ihren Freßattacken überlassen will.

Wie viele Renas saßen in diesem Augenblick wohl vor dem Fernseher und weinten leise mit?

Ein kleiner Nachsatz: Es ist natürlich unfair zu behaupten, die deutsche Elite würde Hartz-IV-Empfängern vermitteln, dass man sie nicht braucht. Die Berliner Grünen-Abgeordnete und passionierte Tierfreundin Claudia Hämmerling meldete sich unlängst mit dem Vorschlag zu Wort, Arbeitslose könnten doch Hundebesitzern bei der Entsorgung der lästigen Kothäufchen helfen und so die Berliner Bürgersteige sauber halten.

Hinweis der Redaktion: Die Berliner Grünen-Fraktion weist darauf hin, Frau Hämmerling habe den oben erwähnten Vorschlag nie gemacht. Tatsächlich regte sie - schon im April 2010 - an, neue Stellen zu schaffen, deren Inhaber sich der Kontrolle des Hundekotaufkommens widmen sollten, von "Entsorgung" war nicht explizit die Rede. Diese Stellen sollten auch an Hartz-IV-Empfänger vermittelt werden, waren aber nicht vorrangig für sie gedacht, und sollten laut Hämmerling außerdem mit "richtig Geld" entlohnt werden.

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