Zur Ausgabe
Artikel 44 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

HANDEL Hauptsache, der Preis stimmt

Der schnell wachsende Textildiscounter KiK setzt auf Billigstpreise - und spart, wo er kann. Nun wehren sich Mitarbeiterinnen gegen miese Arbeitsbedingungen und Niedriglöhne.
Von Julia Bonstein
aus DER SPIEGEL 22/2008

Wer 5,20 Euro in der Stunde verdient, muss rechnen. Klar, dass man da zum Schnäppchenjäger wird - und früher oder später bei KiK landet, dem roten Ramschladen, bei dem es T-Shirts für 1,99 Euro gibt.

»Natürlich habe ich da irgendwann auch selbst eingekauft«, sagt Martina K. - bei KiK, dem Textildiscounter, der ihr Arbeitgeber ist. Die gelernte Verkäuferin ist seit sechs Jahren in einer Mülheimer Filiale als Aushilfe beschäftigt. 76 Stunden muss die Minijobberin durchschnittlich arbeiten, um auf knapp 400 Euro monatlich zu kommen. Martina K. verdient 5,20 Euro in der Stunde.

Einen »Hungerlohn« nennt das Henrike Greven, Geschäftsführerin des Ver.di-Bezirks Mülheim-Oberhausen, »unangemessen niedrig«, befand jetzt das Arbeitsgericht Dortmund. Vorvergangene Woche verurteilte es das Unternehmen KiK dazu, Martina K. die Differenz zu einem höheren Lohn nachzuzahlen. Auf über 9000 Euro könnten sich die Forderungen insgesamt belaufen.

»Die Löhne bei KiK sind sittenwidrig«, sagt Ver.di-Funktionärin Greven und sieht sich nun in ihrer Argumentation bestätigt: »Mit Stundenlöhnen von 5,20 Euro und teilweise nur 4,50 Euro verstößt KiK gegen das Gesetz.«

Nach Paragraf 138 des Bürgerlichen Gesetzbuchs sind Rechtsgeschäfte nichtig, die »gegen die guten Sitten« verstoßen. Für Arbeitsverträge folgt daraus, dass auch nicht tarifgebundene Arbeitgeber dazu verpflichtet werden können, ortsübliche Löhne zu zahlen. Für Martina K. läge ein angemessener Lohn nach Auffassung des Gerichts bei etwa acht Euro.

»Das Urteil macht klar, dass es faktisch in Deutschland so etwas wie einen Mindestlohn bereits gibt«, sagt Heribert Jöris, Geschäftsführer des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels. Die Frage, ob Löhne sittenwidrig oder unangemessen sind, muss allerdings in jedem Einzelfall vor Gericht neu verhandelt werden.

Zu Klagen kommt es selten, weil die Betroffenen schlechte Löhne und Arbeitsbedingungen oftmals still erdulden. Wer für Dumpinglöhne arbeitet, ist froh, überhaupt eine Stelle gefunden zu haben - und legt sich normalerweise nicht mit dem Arbeitgeber an.

»Das ist das Mutigste, was ich in meinem Leben gemacht habe«, sagt Martina K. Gemeinsam mit zwei Kolleginnen beschloss die 46-Jährige im vergangenen Jahr: »Es reicht. Als Mensch habe ich meine Würde.« Bei KiK, wo sich das Motto »Kunde ist König« bereits im Namenskürzel versteckt, fühlt sich die Mitarbeiterin behandelt »wie eine Sklavin«.

Die Mülheimer Minijobberinnen berichten von üblen Arbeitsbedingungen: Wenige Tage, manchmal nur eine Stunde im Voraus seien sie angerufen und zur Arbeit bestellt worden. »Einmal kam ich zur Filiale und wurde einfach wieder nach Hause geschickt, weil die Ware nicht angeliefert worden war«, klagt Martina K. Eine halbe Stunde vor Arbeitsbeginn hätten die Mitarbeiterinnen unbezahlt erscheinen sollen, um die Kleiderständer für den Außenverkauf vor dem Laden aufzubauen. Für den Fall, dass dies nicht pünktlich geschehe, sei mit einer Abmahnung gedroht worden.

Die Vorwürfe gegen den Textildiscounter KiK werfen Licht auf eine Branche, in der sich der Anteil von Minijobs in den vergangenen Jahren stark erhöht hat. Reguläre Vollzeitbeschäftigung ist im deutschen Einzelhandel selten geworden. Nach neuen Berechnungen des Instituts für Arbeit und Qualifikation an der Universität Duisburg Essen arbeitet inzwischen jeder zweite Verkäufer in Teilzeit oder auf 400-Euro-Basis. Ein Heer von mehr als 900 000 Minijobbern erledigt einen Großteil der Arbeit in den Geschäften.

»Niedriglöhne nehmen im Einzelhandel rasant zu«, sagt die Duisburger Arbeitsmarktforscherin Dorothea Voss-Dahm, »aber bei KiK werden die Mitarbeiterinnen regelrecht ausgenutzt.«

Als besonders bedrohlich empfinden Martina K. und ihre Kolleginnen unangemeldete Kontrollen, bei denen sie nach Abschließen des Ladens von der Bezirksleitung auch im Dunkeln überrascht worden seien. Handtaschen werden bei KiK ebenso kontrolliert wie die Autos der Mitarbeiterinnen. »Einmal hat mich auf dem Parkplatz beim Ausparken ein Bezirksleiter mit seinem Wagen am Zurücksetzen gehindert«, erinnert sich Veronika G., »dann wurde mein Auto durchsucht.«

KiK bestreitet diese Vorwürfe nicht. Man nehme Kontrollen vor, um die Diebstahlquote, die »durch unehrliche Kun- den oder aber auch Mitarbeiter« entstehe, zu reduzieren, »jedoch nicht, um unsere Mitarbeiter zu schikanieren, sondern um sie sowie ihren Arbeitsplatz zu schützen«.

Kurzfristige Einsätze werden mit der notwendigen Flexibilität begründet. Wer Tätigkeiten wie das Hinausstellen des Außenverkaufs als Überstunden werte, sei »im Handel definitiv falsch«.

Mit Nettolöhnen von mindestens fünf Euro in der Stunde würden die Mitarbeiter allerdings branchenüblich und marktgerecht entlohnt. Als Discounter sei man »auf ein gutes Kostenmanagement zugunsten der Verbraucherpreise angewiesen«, teilt das Unternehmen in einer Stellungnahme mit.

Sommerkleider für sieben Euro und XXXL-T-Shirts für drei Euro - mit solchen Kampfpreisen mischt die KiK Textilien und Non-Food GmbH derzeit den deutschen Bekleidungsmarkt auf. Daneben finden sich Ein-Euro-Schnäppchen wie Hundetrockenfutter und Flüssigseife. Tengelmann-Chef Karl-Erivan Haub hatte die Kette 1994 mit dem jetzigen KiK-Geschäftsführer und Minderheitseigner Stefan Heinig gegründet. Seither erobern die Billigheimer aus Nordrhein-Westfalen Gewerbegebiete und Stadtrandlagen in ganz Deutschland. Inzwischen existieren 2500 Filialen hierzulande und in Österreich.

Von der Socke bis zur Mütze, einmal komplett einkleiden für weniger als 30 Euro, das verspricht die Textilkette. Dagegen wirken Modehändler wie H & M mittlerweile wie Edelboutiquen. Und längst haben andere nachgezogen: Konkurrenten wie Takko, Adler, Vögele oder Ernsting's Family setzen ebenfalls auf Niedrigstpreise. Der Marktanteil der Textildiscounter liegt inzwischen bei zehn bis zwölf Prozent. Bis zu sechs Milliarden Euro geben die Deutschen inzwischen bei KiK & Co. aus.

Doch keiner in der Branche wächst schneller als die Tengelmann-Tochter: 1,5 Milliarden Euro setzte das Unternehmen im vergangenen Jahr um. Es rangiert damit unter den größten Textilhändlern bereits auf Platz sieben. Die Kette beschäftigt derzeit etwa 17 000 Mitarbeiter, davon mindestens 5500 als Minijobber.

»Jeden Tag eine neue Filiale« lautet das Motto von Geschäftsführer Heinig. Inzwischen dringt er mit KiK von den Randlagen in Stadtzentren und Fußgängerzonen vor.

Gespart wird nicht nur bei den Löhnen: In den Filialen bahnen sich die Kunden zwischen überfüllten Kleiderkarussells den Weg zu roten Blechregalen und notdürftig ausgestatteten Umkleidekabinen. Nur für Marketing wird reichlich Geld ausgegeben: Das KiK-Logo ziert die Trikots der Spieler des VfL Bochum und des FC Hansa Rostock. Und auch im Fernsehen verbreitet die Firma ihre aggressive Billig-Botschaft: »Egal. Hauptsache, der Preis stimmt.«

In Mülheim an der Ruhr soll Martina K. neuerdings nun auch die Filiale putzen. Seit Beginn des Gerichtsverfahrens haben sich die Arbeitsbedingungen der drei klagenden Kolleginnen massiv verschlechtert. Statt vorher 70 bis 80 Stunden monatlich würden sie mittlerweile gerade mal für etwa 10 Stunden im Monat eingeteilt.

»Wir verdienen nur noch rund 50 Euro im Monat«, sagt Martinas Kollegin Ursula G. Eine Abfindung und Kündigung haben die drei Verkäuferinnen abgelehnt. Sie wollen weiterkämpfen, auch wenn der Discounter gegen das Urteil des Arbeitsgerichts Dortmund in Berufung gehen sollte.

Das Unternehmen will von Schikanen gegenüber den aufmüpfigen Mitarbeiterinnen nichts wissen: Es könne durchaus sein, dass Arbeitsstunden gekürzt würden, so die offizielle Stellungnahme. Das liege allerdings daran, dass Minijobber bei KiK generell flexibel und bedarfsgerecht eingesetzt würden. JULIA BONSTEIN

Zur Ausgabe
Artikel 44 / 102
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.