Heathrow-Streiks British Airways droht im Chaos unterzugehen

Am Londoner Flughafen Heathrow haben einige der streikenden British Airways-Mitarbeiter die Arbeit wieder aufgenommen. Für die Fluglinie ist das Thema damit aber noch nicht beendet: Die in letzter Zeit mühsam zurück gewonnene Reputation hat schweren Schaden genommen.


Wartende am Flughafen Heathrow: "Wir fühlten uns wie Geiseln"
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Wartende am Flughafen Heathrow: "Wir fühlten uns wie Geiseln"

London - Die Feier ist kaum eine Woche her. Stolz hatte British Airways-Chef Rodd Eddington die gestiegenen Passagierzahlen präsentiert. Im ersten Geschäftsquartal bis Ende Juni hatte BA den operativen Gewinn um 36 Prozent auf umgerechnet 253 Millionen Euro gesteigert und damit die durchschnittlichen Analystenerwartungen deutlich übertroffen. Das Wachstum ging insbesondere auf die gestiegenen Passagierzahlen in der Business-Class und der First Class zurück.

Doch was als Stärke der BA erschien, nämlich gekonnt der Konkurrenz der Billigflieger auszuweichen, könnte sich jetzt als Achilles-Ferse erweisen: denn die Klientel der vornehmen Klassen ist anspruchsvoll - und bringt wenig Verständnis dafür auf, dass Flüge ausfallen, egal aus welchem Grund.

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Flughafen Heathrow: "Please wait"

Vor diesem Hintergrund sind die wilden Streiks, der Heathrow-Mitarbeiter ein herber Schlag für das Unternehmen. Auslöser war die Entlassung von etwa 350 Mitarbeitern der Catering-Firma Gate Gourmet, nachdem diese wegen der Einstellung von Saisonkräften die Arbeit niedergelegt hatten.

Solidarität mit Gate Gourmet-Arbeitern

Der Arbeitskonflikt geht auf massive Probleme bei der Cateringgesellschaft Gate Gourmet zurück. Gate-Chef David Siegel will Löhne senken und die Arbeitsbedingungen verschärfen. Andernfalls stünde die Existenz der Firma auf dem Spiel, erklärte Siegel. Er zeigte sich zwar bereit, mit den Gewerkschaften zu verhandeln, doch viel Spielraum für eine Einigung sieht er nicht. Nach dem darauf folgenden spontanen Streik hatte schließlich ein Vertreter von Gate 600 Mitarbeitern einfach per Megafon gekündigt.

Der Konflikt entwickelte sich schnell zum Flächenbrand: Aus Solidarität legten spontan 1000 Mitarbeiter der Gepäckabfertigung und des Bodenpersonals, die derselben Gewerkschaft angehören, ihre Arbeit nieder.

Der Streik hatte für die unbeteiligten Passagiere gravierende Folgen: Am frühen Nachmittag saßen mehrere hundert Passagiere in insgesamt 19 Maschinen auf dem Rollfeld fest, weil niemand da war, der die Gangway an die Flugzeuge heranfuhr. Erst nach mehreren Stunden konnten die entnervten Insassen die Maschinen verlassen. "Wir fühlten uns wie Geiseln", sagte ein Passagier später.

BA-Chef kämpft um Schadensbegrenzung

BA-Chef Rod Eddington bemühte sich derweil um Schadenbegrenzung und entschuldigte sich bei den Fluggästen. Fast 100 Maschinen seines Unternehmens und 1000 Piloten samt Kabinenpersonal befänden sich wegen des Streiks derzeit rund um den Globus am falschen Platz, sagte Eddington. BA sprach von mehr als 600 Flügen, die seit Donnerstag gestrichen worden seien. Auch andere Gesellschaften wie Qantas, Finnair und Sri Lankan Airlines waren betroffen. Doch die BA traf es am härtesten. Bis zum Abend mussten alle Flüge ab Heathrow gestrichen werden. In einem öffentlichen Aufruf bat ein Sprecher der Fluglinie die Passagiere, zu Hause zu bleiben. In London mussten Tausende Menschen in Hotels untergebracht werden, Hunderte verbrachten die Nacht auf dem Flughafen oder im Freien.

Der Streik dürfte die BA nach Einschätzung von Analysten mehrere zehn Millionen Pfund kosten. Henk Potts von Barclays Stockbrokers sprach von zehn Millionen Pfund am Tag durch den neuen Streik. Die Fluglinie selbst wollte die Kosten nicht beziffern. Doch Anhaltspunkte für eine Kalkulation gibt es gerade bei BA genügend: Ein ähnlicher wilder Streik des Bodenpersonals hatten das Unternehmen im Juli 2003 umgerechnet etwa 60 Millionen Euro gekostet. Damals mussten 500 Flüge gestrichen werden.

Viel schwerer jedoch wiegt der Image-Schaden, den BA erleidet. BA bekomme zunehmend den Ruf, seine Kunden in Stich zu lassen, sagten Experten. "So etwas führt zu einer negativen Wahrnehmung, und das lässt sich auch langfristig nur sehr, sehr schwer ausgleichen", sagt Potts. So sehen das offensichtlich auch die Anleger. British-Airways-Aktien gaben im Handelsverlauf 1,1 Prozent nach.



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