Hedgefonds-Insider "Wir sind eher Opfer als Täter"

2. Teil: "Wir brauchen mehr Transparenz, das ist alles"


Sievers: Das Problem lag in der mangelnden Transparenz: In den USA wäre das nie passiert - da kann man sich im Internet etwa über die Leerverkaufspositionen der Konkurrenz informieren. Da muss in Deutschland tatsächlich nachgebessert werden. Leerverkäufe komplett zu verbieten halte ich dagegen für vollkommen falsch. In Amerika hat man doch gesehen, dass das nichts bringt: Die Woche, in der die Leerverkäufe an der Börse untersagt waren, war die schlimmste. Wenn das Vertrauen weg ist, ist es weg - da helfen Staatseingriffe nichts. Davon halte ich ohnehin wenig. Wir brauchen mehr Transparenz, das ist alles.

SPIEGEL ONLINE: Hedgefonds haben ihren Sitz bevorzugt auf den Cayman-Inseln, den Bermudas oder den Virgin Islands - irgendwie macht das nicht den Eindruck, die Branche sei auf Transparenz erpicht.

Sievers: Auch da muss man differenzieren. Die Manager der Hedgefonds sitzen meist in London und lassen sich somit sehr wohl von den Aufsichtsbehörden dort auf die Finger schauen und ihre Geschäfte kontrollieren. Aber in Deutschland müsste ein Hedgefonds sich als Unternehmen gründen und entsprechend hohe Steuern zahlen - deshalb weicht man auf die Caymans oder ein anderes Offshore-Zentrum aus. Jetzt kann man natürlich fragen, ob diese Art, Steuern zu sparen, moralisch verwerflich ist: Aber erstens gefährdet das nicht die Stabilität des Finanzsystems und zweitens haben auch viele deutsche Großunternehmen aus genau den gleichen Gründen Offshore-Gesellschaften beispielsweise auf den Caymans, um bei bestimmten Geschäften Steuern zu sparen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Hedgefonds sind in den vergangenen Monaten wegen mangelnder Kreditmöglichkeiten und fliehender Anleger tief in die Krise geraten. Bundeskanzlerin Angela Merkel will sie jetzt auch noch stärker an die Kandare nehmen. Ist die Branche nicht am Ende, wenn sie nicht mehr so frei mit Risiken spielen kann?

Sievers: Nein. Ich glaube, die Krise führt lediglich zu einer Flurbereinigung, die gar nicht schlecht ist. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Hedgefonds extrem gestiegen, weil die Gewinnmöglichkeiten in der Branche unerschöpflich erschienen. So sind jetzt viele kleine Spieler unterwegs, die weniger als zehn Millionen Dollar verwalten und sich schon deshalb kein professionelles Risikomanagement leisten können. Insofern stimmen Vorhersagen wohl, dass rund 30 Prozent der Hedgefonds verschwinden könnten - das werden aber die kleinen und diejenigen, die noch relativ neu am Markt sind.

SPIEGEL ONLINE: Die Großen werden gerade aber auch ziemlich lädiert. Experten schätzen, dass noch rund 400 Milliarden Euro bis Ende des Jahres aus der Branche abgezogen werden.

Sievers: Es stimmt, die Anleger von Hedgefonds reagieren aggressiver auf die Kreditkrise als die Investoren anderer Fonds. Das hat auch etwas mit den Erwartungen an unsre Branche zu tun - und auch mit der Erwartung der Branche an sich selbst. Ich nehme mich da gar nicht aus. Als der Verkauf von Hedgefonds-Produkten 2004 in Deutschland erlaubt wurde, sind wir eben alle mit einer ziemlichen Euphorie in den Markt gegangen ...

SPIEGEL ONLINE: ... mit Dollarzeichen in den Augen sozusagen?

Sievers: Ich nenne es lieber unternehmerische Euphorie. Wir sind bestimmt nicht gierig und haben das Wohl der Kunden im Blick. Aber wir hatten sogar in wirtschaftlich schwachen Jahren wie 2002 und 2003 mit unseren Produkten teils 30, 40, 50 Prozent Plus gemacht. Entsprechend hat die Branche ihre Produkte vermarktet, nach dem Motto: Gewinne in jeder Marktlage.

SPIEGEL ONLINE: Das ist eine sehr bescheidene Umschreibung. Tatsächlich hat Ihre Branche Leute hervorgebracht, die mit einzelnen Geschäfte zweistellige Milliardensummen machen und Bücher schreiben wie: "Die erste Milliarde ist die schwerste".

Sievers: Das Buch kenne ich nicht - und ich würde es auch nicht lesen. Die Zielgruppe solcher Werke ist doch eher der Privatinvestor, und zwar der gierige Privatinvestor. Den gibt es nämlich auch. Als wir zu Zeiten des neuen Marktes mit unseren Produkten zwölf Prozent Rendite erwirtschafteten, mussten wir uns immer wieder anhören: Das ist doch viel zu wenig. Da mache ich bei einer Neuemission doch allein viel mehr Geld.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich noch Aktien und Zertifikate?

Sievers: Aber sicher. Ich habe natürlich mein Depot überprüft und mich von einem Geldmarktfonds verabschiedet, bei dem ich nicht sicher war, was drin ist. Aber ansonsten folge ich der Anlegerregel, dass Wertpapiere langfristige Anlagen sind und man bei Krisen nicht in Panik geraten sollte. Ich habe sogar ein Depot für meine dreijährige Tochter angelegt. Sie hat ja schließlich einen ziemlich langfristigen Anlagehorizont.

Das Interview führte Anne Seith



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