Hedgefonds-Insider "Wir sind eher Opfer als Täter"

Sie wetten auf Firmenpleiten und den Niedergang von Staaten: Der Ruf von Hedgefonds ist so mies, dass nun beim Weltfinanzgipfel eine Regulierung gefordert wird. Fondsverkäufer Markus Sievers wehrt sich im SPIEGEL-ONLINE-Interview, spricht über die Krise seiner Branche - und preist sie als Stabilitätsgarant.

SPIEGEL ONLINE: Herr Sievers, gehen Sie nur noch mit Sonnenbrille und Mütze getarnt zu ihrem Bäcker oder weiß der glücklicherweise gar nicht, was Sie machen?

Sievers: Keine Ahnung, aber selbst wenn: Ich stehe dazu, dass ich Hedgefonds-Produkte verkaufe. Die Branche gerät ja auch nicht zum ersten Mal unter Beschuss.

SPIEGEL ONLINE: Aber selten so wie derzeit: Hedgefonds gelten wegen ihrer milliardenschweren Spekulationsgeschäfte als eines der Grundübel der Finanzmärkte.

Sievers: Das Grundübel ist ein überbewerteter Immobilienmarkt. Kredite wurden dort verbrieft und zwar von Investmentbanken und nicht von Hedgefonds. Das ganze wurde verpackt und noch mal verpackt, bis niemand mehr sah, was drin war, von Ratingagenturen mit einem tollen Stempel versehen und verkauft. Teilweise auch an Hedgefonds, die also eher auf der Opferseite sind als auf der der Täter.

SPIEGEL ONLINE: Wie Opfer wirken Hedgefondsmanager nicht unbedingt. Sie wetten immer noch mit Milliardenbudgets auf Kursverläufe, auf steigende Nahrungsmittelpreise und Firmeninsolvenzen, ja sogar auf Staatspleiten. Dass solche Geschäfte keine Sympathie hervorrufen, verstehen Sie aber, oder?

Sievers: Das sind zumindest die üblichen Vorwürfe. Die wenigsten dagegen wissen: Hedgefonds stabilisieren Volkswirtschaften und Finanzmärkte auch.

SPIEGEL ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Sievers: Wenn zum Beispiel die Lufthansa sich gegen Schwankungen des Kerosinpreises auf Terminmärkten absichert und auf steigende Kurse wettet, muss es auch Spekulanten geben, die dagegen halten. Sonst gerät der Markt aus dem Gleichgewicht. Das sind die Hedgefonds. Ein anderes Beispiel: Manche Hedgefonds haben das drohende Platzen der Internet-Blase vorausgesehen und frühzeitig darauf gesetzt. Damit haben sie die schlimmen Exzesse schon vor dem Kollaps zumindest etwas eingedämmt.

SPIEGEL ONLINE: Genauso oft werden Hedgefonds von Ökonomen für ziemlich beunruhigende Entwicklungen verantwortlich gemacht - für den starken Anstieg des Yen-Kurses etwa oder für Kursausschläge am Rohöl- oder Nahrungsmittelmarkt. Müssten nicht wenigstens Wetten auf Rohstoffpreise verboten werden?

Sievers: Nein. Schon weil die Macht der Hedgefonds überschätzt wird. Derzeit verwaltet die Branche ein Vermögen von insgesamt 1,7 Billionen Dollar. Das klingt nach viel - tatsächlich sind es zwei Prozent des globalen Investitionskapitals. Damit treiben sie den Öl- oder Yenpreis nirgendwohin, wenn dem keine entsprechende reale Nachfrage gegenübersteht.

SPIEGEL ONLINE: Die 1,7 Billionen sind nur das Eigenkapital - Hedgefonds arbeiten aber gezielt mit hohen Schulden, um die Rendite zu steigern.

Sievers: Auch das ist ein Vorurteil. Ich höre da immer etwas von der zehnfachen Menge Fremdkapital im Vergleich zum Eigenkapital. Das ist Quatsch. Im Schnitt sind bei 100 Dollar Eigenkapital 140 Dollar im Markt.

SPIEGEL ONLINE: Im Schnitt. Aber es gibt eben auch die in der Branche, die mit dem Zigfachen hantieren. Zuletzt haben die Hedgefonds es geschafft, den Kurs der VW-Aktie in astronomische Höhe zu treiben.

Sievers: Das stimmt nur halb. Hedgefonds haben offenbar auf fallende Kurse gesetzt und Leerverkäufe getätigt, also Aktien verkauft, die sie noch gar nicht hatten, um sie später zu einem günstigeren Preis nachzukaufen. Dann wurde überraschend bekannt, dass Porsche sich im großen Stil weitere Anteile gesichert hatte - und Angst machte sich breit, dass das tatsächliche Angebot an Aktien die Leerverkäufe möglicherweise gar nicht deckt ...

SPIEGEL ONLINE: ... so schoss der VW-Börsenwert nach oben. Der Autobauer war kurz das teuerste Unternehmen der Welt. Gehören solche Leerverkäufe, die einen ganze Börse in Panik versetzen und von der realen Wirtschaft komplett abgekoppelt scheinen, nicht endlich verboten?

"Wir brauchen mehr Transparenz, das ist alles"

Sievers: Das Problem lag in der mangelnden Transparenz: In den USA wäre das nie passiert - da kann man sich im Internet etwa über die Leerverkaufspositionen der Konkurrenz informieren. Da muss in Deutschland tatsächlich nachgebessert werden. Leerverkäufe komplett zu verbieten halte ich dagegen für vollkommen falsch. In Amerika hat man doch gesehen, dass das nichts bringt: Die Woche, in der die Leerverkäufe an der Börse untersagt waren, war die schlimmste. Wenn das Vertrauen weg ist, ist es weg - da helfen Staatseingriffe nichts. Davon halte ich ohnehin wenig. Wir brauchen mehr Transparenz, das ist alles.

SPIEGEL ONLINE: Hedgefonds haben ihren Sitz bevorzugt auf den Cayman-Inseln, den Bermudas oder den Virgin Islands - irgendwie macht das nicht den Eindruck, die Branche sei auf Transparenz erpicht.

Sievers: Auch da muss man differenzieren. Die Manager der Hedgefonds sitzen meist in London und lassen sich somit sehr wohl von den Aufsichtsbehörden dort auf die Finger schauen und ihre Geschäfte kontrollieren. Aber in Deutschland müsste ein Hedgefonds sich als Unternehmen gründen und entsprechend hohe Steuern zahlen - deshalb weicht man auf die Caymans oder ein anderes Offshore-Zentrum aus. Jetzt kann man natürlich fragen, ob diese Art, Steuern zu sparen, moralisch verwerflich ist: Aber erstens gefährdet das nicht die Stabilität des Finanzsystems und zweitens haben auch viele deutsche Großunternehmen aus genau den gleichen Gründen Offshore-Gesellschaften beispielsweise auf den Caymans, um bei bestimmten Geschäften Steuern zu sparen.

SPIEGEL ONLINE: Viele Hedgefonds sind in den vergangenen Monaten wegen mangelnder Kreditmöglichkeiten und fliehender Anleger tief in die Krise geraten. Bundeskanzlerin Angela Merkel will sie jetzt auch noch stärker an die Kandare nehmen. Ist die Branche nicht am Ende, wenn sie nicht mehr so frei mit Risiken spielen kann?

Sievers: Nein. Ich glaube, die Krise führt lediglich zu einer Flurbereinigung, die gar nicht schlecht ist. In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Hedgefonds extrem gestiegen, weil die Gewinnmöglichkeiten in der Branche unerschöpflich erschienen. So sind jetzt viele kleine Spieler unterwegs, die weniger als zehn Millionen Dollar verwalten und sich schon deshalb kein professionelles Risikomanagement leisten können. Insofern stimmen Vorhersagen wohl, dass rund 30 Prozent der Hedgefonds verschwinden könnten - das werden aber die kleinen und diejenigen, die noch relativ neu am Markt sind.

SPIEGEL ONLINE: Die Großen werden gerade aber auch ziemlich lädiert. Experten schätzen, dass noch rund 400 Milliarden Euro bis Ende des Jahres aus der Branche abgezogen werden.

Sievers: Es stimmt, die Anleger von Hedgefonds reagieren aggressiver auf die Kreditkrise als die Investoren anderer Fonds. Das hat auch etwas mit den Erwartungen an unsre Branche zu tun - und auch mit der Erwartung der Branche an sich selbst. Ich nehme mich da gar nicht aus. Als der Verkauf von Hedgefonds-Produkten 2004 in Deutschland erlaubt wurde, sind wir eben alle mit einer ziemlichen Euphorie in den Markt gegangen ...

SPIEGEL ONLINE: ... mit Dollarzeichen in den Augen sozusagen?

Sievers: Ich nenne es lieber unternehmerische Euphorie. Wir sind bestimmt nicht gierig und haben das Wohl der Kunden im Blick. Aber wir hatten sogar in wirtschaftlich schwachen Jahren wie 2002 und 2003 mit unseren Produkten teils 30, 40, 50 Prozent Plus gemacht. Entsprechend hat die Branche ihre Produkte vermarktet, nach dem Motto: Gewinne in jeder Marktlage.

SPIEGEL ONLINE: Das ist eine sehr bescheidene Umschreibung. Tatsächlich hat Ihre Branche Leute hervorgebracht, die mit einzelnen Geschäfte zweistellige Milliardensummen machen und Bücher schreiben wie: "Die erste Milliarde ist die schwerste".

Sievers: Das Buch kenne ich nicht - und ich würde es auch nicht lesen. Die Zielgruppe solcher Werke ist doch eher der Privatinvestor, und zwar der gierige Privatinvestor. Den gibt es nämlich auch. Als wir zu Zeiten des neuen Marktes mit unseren Produkten zwölf Prozent Rendite erwirtschafteten, mussten wir uns immer wieder anhören: Das ist doch viel zu wenig. Da mache ich bei einer Neuemission doch allein viel mehr Geld.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie eigentlich noch Aktien und Zertifikate?

Sievers: Aber sicher. Ich habe natürlich mein Depot überprüft und mich von einem Geldmarktfonds verabschiedet, bei dem ich nicht sicher war, was drin ist. Aber ansonsten folge ich der Anlegerregel, dass Wertpapiere langfristige Anlagen sind und man bei Krisen nicht in Panik geraten sollte. Ich habe sogar ein Depot für meine dreijährige Tochter angelegt. Sie hat ja schließlich einen ziemlich langfristigen Anlagehorizont.

Das Interview führte Anne Seith