Zur Ausgabe
Artikel 32 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

NEUE HEIMAT

Dubiose Geschäfte Es wird eng für die Neue Heimat: Die Gläubigerbanken wollen endlich Geld sehen; jetzt drohen auch noch hohe Steuernachzahlungen. *
aus DER SPIEGEL 13/1986

In den letzten Wochen waren die Geschäftsführer der Neuen Heimat (NH) viel unterwegs. Die Herren besuchten deutsche Landeshauptstädte und boten den dortigen Regierungen Wohnungen en gros an. Doch viel losgeworden sind sie bislang nicht.

In Hamburg vermittelte der sozialdemokratische Bausenator Eugen Wagner seinen Gesprächspartnern von der Neuen Heimat zwar den Eindruck, er würde dem schwer angeschlagenen Gewerkschaftskonzern gern helfen und Wohnungen abkaufen; zur Prüfung des Immobilienbesitzes hat Wagner bereits die amerikanische Beratungsfirma Peat Marwick eingeschaltet. Doch Regierungschef Klaus von Dohnanyi ist dagegen, NH-Wohnungen von der Stadtstaats-Regierung übernehmen zu lassen.

In Bremen fanden die Wohnungsmanager die regierenden Genossen weit hilfsbereiter. Der Senat, berichtet ein Manager des Konzerns, würde die 34000 NH-Wohnungen in Bremen sofort übernehmen. Allerdings sollten die Banken auf einen großen Teil ihrer Kreditforderungen verzichten. Die Bankiers sind dazu aber nicht bereit, und die überschuldete Stadt ist mit dem Kauf überfordert.

Die CDU-Regierung in Hannover zeigte sich zwar in Gesprächen durchaus interessiert. Doch die NH-Oberen befürchten, daß Ministerpräsident Ernst Albrecht sie in eine Falle locken will. Der wahlkämpfende Christdemokrat möchte, so der Verdacht, durch die Verhandlungen nur an die internen NH-Zahlen rankommen, um daraus für die CDU Kapital zu schlagen.

Bei Lothar Späth sondierte NH-Berater Manfred Meier-Preschany. Ex-Vorstand der Dresdner Bank, die Lage. Der Stuttgarter Ministerpräsident, früher im Management der Neuen Heimat, will seinen alten Arbeitgeber nicht hängenlassen. Späth überlegt, ob das Land die von ihm einst selbst gekauften, unbebauten NH-Grundstücke übernehmen soll. Einen festen Plan hat er aber noch nicht.

So richtig Freude kam bei NH-Chef Diether Hoffmann und seinen Kollegen lediglich in Düsseldorf auf. Bauminister Christoph Zöpel hat der Neuen Heimat für 142 Millionen Mark 2400 Wohnungen abgekauft. Möglicherweise schon im Sommer will der Sozialdemokrat aus dem Kabinett des Johannes Rau auch den übrigen Bestand der nordrhein-westfälischen NH erwerben, über 44000 Wohnungen. 2,8 Milliarden Mark soll der NH das einbringen.

Der Eindruck, daß es sich dabei um eine politische Gefälligkeit handelt, drangt sich auf: Die Wohnungsbauförderungsanstalt des Landes gewährt für den Aufkauf langfristige zinslose Darlehen.

Die Wohnungsverkäufe sind andererseits die einzige Chance, den überschuldeten Konzern vor der Pleite zu retten. Die Banken, die seit 1983 auf Kreditrückzahlungen verzichten müssen, sind mit ihrer Geduld am Ende. Fast alle Geldhäuser, die NH-Objekte finanziert haben, müssen auf Druck der Wirtschaftsprüfer für 1985 Wertberichtigungen bis zu dreißig Prozent der Kreditsumme vornehmen.

Die Hilfe aus Düsseldorf allein wird das Desaster kaum abwenden können. Vor allem die Neue-Heimat-Ableger im hohen Norden drucken den Konzern bedrohlich nah an den Abgrund.

Für die NH-Tochter Nord (Hamburg und Schleswig-Holstein) und für die ebenfalls in der Hansestadt ansässige Nordwestdeutsche Siedlungsgesellschaft drohen Verluste von fast 900 Millionen Mark. Für die Regionalgesellschaften Bremen und Niedersachsen, mit rund 75000 Wohnungen, haben Bankiers ein drohendes Defizit von knapp 600 Millionen Mark errechnet.

Die katastrophalen Zahlen haben überall die gleiche Ursache: hohe Zinskosten für unbebaute Grundstücke und Tausende von unvermieteten Wohnungen. Auf die schnelle, so meinen Bankiers aus den Gläubiger-Banken, müßten 200000 Wohnungen auf den Markt geworfen werden. Anders seien die Löcher nicht zu stopfen.

Der ohnedies schon astronomisch hohe Fehlbetrag könnte bald noch höher werden: Finanzprüfer in Hamburg und Düsseldorf haben beantragt, der NH die Gemeinnützigkeit abzuerkennen. Käme dies durch, dann könnten auf das Unternehmen womöglich hohe Steuernachzahlungen zukommen.

Die Gemeinnützigkeit steht in Frage, weil der Konzern Geschäfte tätigte, die

er als gemeinnütziges Unternehmen nicht hätte tätigen dürfen. Manche dieser Transaktionen sind den Finanzbehörden seit längerem bekannt; anderes kommt erst jetzt zum Vorschein.

Dazu zählt auch, was sich in Düsseldorf, Kaiserswerther Straße 287, tat.

Dort residiert in einem viergeschossigen Mehrfamilienhaus die Dr. Görtmüller KG. Seit Mitte der 60er Jahre hat die Immobilienfirma von Lübeck bis München rund 6000 Wohnungen, Einkaufs- und Bürozentren hochziehen lassen. Für das beachtliche Geschäft brauchte das Unternehmen weder einen Angestellten noch einen eigenen Telephonanschluß. Nur Eingeweihte wissen, daß die Görtmüller KG über die im selben Haus untergebrachte Anwaltskanzlei Eichhorn & Partner erreichbar ist.

Die Kommanditgesellschaft Dr. Görtmüller ist offenbar rundum ein gesundes Unternehmen. Die Auftragslage, so die Wirtschaftsauskunftei Creditreform, sei »zufriedenstellend«, die Unternehmensentwicklung »konstant«. Fazit bei Kreditanfragen: »Geschäftsverbindung ist zulässig« Diie geheimnisvolle Firma hat mit der Neuen Heimat dubiose Geschäfte gemacht. Wo immer die Dr. Görtmüller KG Siedlungen oder Geschäfts- und Bürozentralen aus dem Boden stampfen ließ - der gewerkschaftseigene, gemeinnützige Konzern war dabei.

Das ist nicht verwunderlich. Denn Görtmüller wurde über 20 Jahre lang von engsten Vertrauten des einstigen NH-Chefs Albert Vietor ferngesteuert. Gleich bei der Gründung am 17. Juli 1964 hatten sie sich als persönlich haftende Gesellschafter ins Handelsregister eintragen lassen: Georg Bamberg, der spätere Generalbevollmächtigte der Neuen Heimat, und Wolfgang Vormbrock, seit 1970 Vorstandsmitglied. Beiden Männern waren 1982 vom SPIEGEL Nebengeschäfte zu Lasten der Wohnungsfirma nachgewiesen worden.

Mit der ominösen Immobilienfirma Görtmüller konnten Bamberg, Vormbrock und Genossen in Bereiche vorstoßen, die der Neuen Heimat verschlossen waren. Eine gemeinnützige Firma wie die NH kann nur dann gewerblich genutzte Objekte wie Verbrauchermärkte oder Kneipen bauen lassen, wenn diese unmittelbar der Versorgung dienen.

Bei der von ihr kontrollierten Görtmüller KG, mit der die Neue Heimat offiziell Baubetreuungs- und Pachtverträge abschloß, setzte sich der Wohnungsbau-Konzern darüber hinweg.

Mitten in Dortmund ließ die Immobilien KG beispielsweise ein riesiges Einkaufszentrum mit einer Nutzfläche von über 24000 Quadratmetern bauen. Die zu diesem Objekt offiziell gehörenden Siedlungen mit über 1000 Wohnungen wurden weit abseits in den Dortmunder Stadtteilen Westerfilde und Brackel errichtet. Ein Teil der Betonburgen, zu deren Versorgung angeblich das Einkaufszentrum beitragen sollte, wurde sogar in Essen gebaut.

Ebenso wie für die Projekte von Dortmund und Essen wurde auch für die Objekte in Hamburg, Lübeck und Neustadt eigens ein Immobilienfonds gegründet. Durch die einheitliche Planung und Finanzierung der verschiedenen Bauvorhaben entstand nach außen hin der Eindruck, es handele sich hierbei um ein einziges Immobiliengeschäft.

Tatsächlich wird in Hamburg ein Einkaufszentrum betrieben, die dazugehorigen Siedlungen aber entstanden in Lübeck und Neustadt. Wie bei allen anderen Objekten firmierte auch hier Görtmüller nur als Bauherr, für die Baubetreuung hingegen war die Neue Heimat zuständig. Der Gewerkschaftskonzern trat später auch als Pächter auf.

Mit diesen Praktiken verstieß das Unternehmen gegen die Bestimmungen des Wohnungsgemeinnützigkeitsgesetzes, das dem Konzern den freien Immobilienmarkt versperrt, über die Deckadresse Görtmüller hatte sich die Neue Heimat dieses Geschäft geöffnet.

Bei allen zwölf Görtmüller-Fonds, ob für Projekte in Köln-Chorweiler, München-Perlach oder für das Columbus-Center in Bremerhaven, traten stets NH-Manager aus der Region als persönlich haftende Gesellschafter auf. Bei drei Projekten aus dem Norden waren auch Bamberg und Vormbrock dabei.

Selbst nachdem die beiden die Neue Heimat verlassen hatten, blieben sie noch bei Görtmüller - bis zum 22. Mai 1985. Erst dann wurden sie von den beiden NH-Managern Helmut Lahmann und Thies-Martin Brandt abgelöst.

Merkwürdig auch, daß bei diesem Versteckspiel um die Düsseldorfer Briefkastenfirma eine Staatsbank mitmachte, die überdies ein bedeutender Kreditgeber der Neuen Heimat ist. Seit Jahrzehnten ist die Deutsche Pfandbriefanstalt (Depfa) in Wiesbaden, eine bundeseigene Hypothekenbank, mit der Görtmüller KG liiert. Die Depfa-Manager hatten offenbar nichts gegen eine Zusammenarbeit mit Vormbrock und Bamberg einzuwenden, Manager immerhin, die im NH-Bereicherungsskandal schwer belastet wurden.

Die Depfa hat sogar bei der Tarnung mitgewirkt. Gründungsmitglied war Mitte 1964 Dr. Wilhelm Görtmüller, pensionierter Vizepräsident der Pfandbriefanstalt. Das Institut selbst trat bei der KG als Treuhand-Kommanditist ein. Und bereits beim ersten Fonds für den Bau von 930 Wohnungen in Hamburg-Osdorf mit Einkaufszentrum und Bowlingbahn waren die Wiesbadener mit einer KG-Einlage von 1,5 Millionen Mark dabei.

Der heutige Depfa-Mann Sigmar Menard ist der vierte pensionierte Staatsbankier, der bei der Firma ohne Angestellte als persönlich haftender Gesellschafter fungiert.

Es ist kaum zu erwarten, daß Vorgänge wie die um die Dr. Görtmüller KG spurlos an der Neuen Heimat vorübergehen. Schon vor Jahren haben Finanzbehörden die Aberkennung der Gemeinnützigkeit beantragt. Doch die Prüfungen schleppen sich lange hin.

In Nordrhein-Westfalen zum Beispiel wurde der Antrag bereits im Oktober 1984 gestellt. Aber erst vor drei Wochen erhielt der für die Prüfung zuständige Verband die Unterlagen vom Düsseldorfer Regierungspräsidenten.

Die CDU will sich das Thema Neue Heimat warmhalten. Ihr Wohnungsbauexperte, der Bundestagsabgeordnete Dietmar Kansy, hat eine »gemeinsame Sprachregelung'- für die Fraktion erarbeitet.

Sein Rat an die Kollegen: »Bitte vermeiden Sie Inaussichtsteilung von direkten oder indirekten Hilfen durch den Bund. Dies nimmt den moralischen und politischen Druck von DGB und SPD und nimmt uns unnötig in die Pflicht.«

Zur Ausgabe
Artikel 32 / 89
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.