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NEUE HEIMAT

Böse Buben Die Neue Heimat steht kurz vor dem Zusammenbruch. Die Gruppe der sechs Führungsbanken sieht keine Möglichkeit mehr, das Unternehmen zu retten. *
aus DER SPIEGEL 46/1986

Noch Anfang vergangener Woche schien es um die Zukunft der Neuen Heimat nicht schlecht bestellt zu sein. Der neue Geschäftsführer des Wohnungsbaukonzerns, Jürgen Havenstein, verkündete für das laufende Jahr einen Gewinn von 117 Millionen Mark. Die Schulden waren durch den Verkauf der Regionalgesellschaften Nordrhein-Westfalen und Südwest von 17 auf 13 Milliarden gesunken, das Stammkapital von 60 auf 210 Millionen erhöht worden. Die Gewerkschaften hatten sich durch den Verkauf der Bank für Gemeinwirtschaft (BfG) das nötige Geld für die zugesagte Unterstützung der Neuen Heimat (NH) beschafft.

NH-Eigentümer Horst Schiesser zeigte sich zuversichtlich. Mit den Banken sei ein Ergebnis erzielt worden, »mit dem man weiterleben kann« (Schiesser). Er gehe davon aus, »daß es nie zu einem Konkurs der NH kommen« werde.

Genau dies ist nun aber ganz nahe gerückt. Am Dienstag vergangener Woche beschlossen die sechs Banken, die den Troß der über 150 Gläubiger-Banken anführen, die Arbeit einzustellen und ihre Gruppe aufzulösen.

Einen Tag später teilten die Bankmanager Schiesser mit, daß sie, so ein Mitglied des Zirkels, keine Chance mehr sehen, »die Ruhelage herzustellen«, die nötig sei, um die Lage der Neuen Heimat weiter zu prüfen und Sanierungsmöglichkeiten zu erkunden. Am besten sei es, Schiesser melde Vergleich an.

»Wir können«, so ein Banker aus dem Führungszirkel unter Hinweis auf die wachsende Nervosität im Lager der Geldleute, »die Meute nicht mehr in Schach halten.« Die Interessen der Gläubiger seien einfach zu verschieden, das Gemenge lasse sich »nicht entknäueln«. Nur ein Vergleichsverfahren könne noch einen »überschaubaren Ablauf« gewährleisten.

Die Entscheidung der Banken könnte das Aus für die Neue Heimat bedeuten. Dem Berliner Back-Unternehmer Schiesser bleibt wohl kaum etwas anderes übrig, als den Weg zum Amtsgericht anzutreten.

Inzwischen haben die NH-Banken Kredite im Wert von über zwei Milliarden Mark in Frage gestellt: Kündigungen wurden ausgesprochen. Arreste erwirkt, Kreditlinien gesperrt oder Sicherheiten verstärkt.

Längst sind es nicht mehr nur die Ausländer, die aussteigen wollen. Auch renommierte deutsche Institute sind dabei, sich abzukoppeln: die Bayerische Vereinsbank, die Bayerische, die Hamburgische und die Hessische Landesbank sowie die Commerzbank.

Die sechs Führungsbanken sahen zuletzt keinen Sinn mehr darin, ihre Arbeit fortzusetzen. Vor allem die Manager der Deutschen Bank drängten immer heftiger darauf, dem Wettlauf der Gläubiger ein Ende zu bereiten. Ein Vorstandsmitglied der Deutschen Bank: »Wir müssen dafür sorgen, daß die Sache in die Hände von Profis kommt.«

Die Dresdner Bank und die Westdeutsche Landesbank zögerten dagegen bis zum Schluß, die Neue Heimat fallenzulassen. Am Ende fügten auch sie sich in das Unvermeidliche.

Würden sie noch länger warten, dann wären die ersten Arreste, die im Oktober erwirkt wurden, unanfechtbar geworden. Ende dieser Woche läuft die 30-Tage-Frist aus, die das Insolvenzrecht für solche Anfechtungen den übrigen Gläubigern gewährt. Weiteres Zuwarten hätte die Lage jener Institute, die bisher brav stillgehalten haben, verschlechtert. »Das konnten wir«, so ein Mitglied des Sechser-Klubs, »nicht mehr verantworten.«

Die Manager der großen Bankhäuser sorgen sich nicht nur um ihr Geld. Sie fürchten auch, in der Öffentlichkeit in ein falsches Licht zu geraten. Gegenwärtig würde noch allgemein der Eindruck vorherrschen, so ihre Argumentation, daß die Verantwortung für einen Kollaps der NH die Gewerkschaften zu tragen haben. Dies könne in einigen Monaten ganz anders aussehen. »Dann«, so ein Banker, »sind wir womöglich die bösen Buben.« Ein Spitzenmanager der Deutschen Bank: »Die Gewerkschaften scheuen vor nichts zurück, die hauen dann doch auf die Banken.«

Die Geldhäuser verdienen derzeit überdies so prächtig, daß ein Zusammenbruch des Wohnungskonzerns ihre Bilanzen in diesem Jahr nur vergleichsweise wenig verheult.

Auch der Verkauf der Bank für Gemeinwirtschaft, vorvorige Woche bekanntgegeben, hat die Entscheidung der Geldmanager beschleunigt. Bisher fürchteten die Banker, ein Kollaps der NH könne die BfG ins Rutschen bringen und die gesamte deutsche Geldbranche arg beschädigen. Nachdem die BfG schon so gut wie verkauft war, schien diese Rücksichtnahme nicht mehr länger erforderlich. Binnen weniger Tage setzte sich die Ansicht durch, ein schnelles Ende sei besser als ein Verschleppen des Problems.

Das Ende schien seit dem Verkauf an den Berliner Brotbäcker Schiesser praktisch unabwendbar.

Die Nacht-und-Nebel-Aktion der Gewerkschaften hat die Gläubiger-Banken schwer getroffen. Die Banker, die gewöhnlich über Unternehmensverkäufe lange vorher im Bilde sind, waren - ein ganz neues Erlebnis für die allwissende Zunft der Geldleute - von den Gewerkschaften weder befragt noch unterrichtet worden.

Eine Woche nach dem Verkauf kamen Vertreter von acht Banken im Haus der Frankfurter DG Bank zusammen. Sie

beschlossen, so zu tun, als habe der Verkauf überhaupt nicht stattgefunden. »Bis heute«, so klagte ein Geldmanager damals, lagen den Banken keinerlei verwertbare Information vor. Dieses Verhalten berühre die »Vertrauensgrundlage«. Sie sähen sich daher veranlaßt, die Gewerkschaften »an ihrer Verantwortung für die NH festzuhalten«.

Die Gewerkschaften freilich fühlten sich nicht mehr zuständig sie verwiesen die Kreditinstitute an Schiesser. Und der hatte es mit vertrauensbildenden Maßnahmen auch nicht eilig.

Es dauerte Wochen, bis die Banken von dem Berliner erfuhren, was zwischen Schiesser und der Gewerkschaftsholding BGAG vereinbart worden war. Erst einen Monat nach dem Verkauf kam es zu einem ersten Treffen des neuen Eigentümers mit seinen Gläubigern.

Unterdes kündigten etliche Banken ihre Kredite oder beantragten Arreste. Den Anfang machte die Royal Bank of Canada: die Kanadier erwirkten bei Gericht einen Arrest auf NH-Vermögen in Höhe von 63 Millionen Mark. US-Geldinstitute wie Manufacturers Hanover Trust, Morgan Guaranty sowie Trinkaus & Burkhardt, die deutsche Tochter der britischen Midland Bank, kündigten ihre Kredite.

Dann stiegen auch die ersten deutschen Banken aus Institute wie das Privatbankhaus Warburg-Brinkmann, Wirtz, die Westfalenbank und die Berliner Bank.

Der bis dahin schwerste Schlag kam kurz vor dem ersten Treffen Schiessers mit den Banken am 17. Oktober in Frankfurt. Die Bayerische Vereinsbank Deutschlands fünftgrößte Bank, kündigte Kredite über 115 Millionen Mark. Die anderen Großbanken hatten bis zuletzt vergeblich versucht, die Bayern von diesem Schritt abzuhalten.

Jetzt gab es auch für andere bedeutende Institute kein Halten mehr. Noch während Schiesser im Sheraton-Hotel am Frankfurter Flughafen saß und den Geldgebern sein Konzept zur Rettung der NH vortrug, sperrte die Hamburgische Landesbank eine Kreditlinie in zweistelliger Millionenhöhe; das Schiesser-Management war nicht in der Lage gewesen, die verlangten zusätzlichen Sicherheiten beizubringen.

Das Treffen der Banker mit dem Brotfabrikanten vermochte die Absetzbewegung - wie sich jetzt zeigt - nur kurz zu unterbrechen, aber nicht aufzuhalten. Allzu dilettantisch präsentierte sich die Schiesser-Gruppe den Bankenvertretern.

Es fing schon unglücklich an. Zu Beginn des wichtigsten Gesprächs ließen der Großbäcker und seine Gehilfen die pünktlich erschienenen Banker fast eine Stunde warten. »Das sind Amateure«, urteilte ein Banker nach dem Treffen. Obwohl Schiesser den denkbar schlechtesten Eindruck hinterlassen hatte, wollten die Banker ihn nicht gleich über die Bordkante schubsen. Sie vereinbarten, eine Arbeitsgruppe aus sechs Banken zu gründen und mit einer neutralen Wirtschaftsprüfungsgesellschaft die Lage der Neuen Heimat und die Schiesser-Pläne zu prüfen.

Das Manöver diente nur der Tarnung. »Das war«, so ein Mitglied des Sechser-Klubs, »eine reine Alibi-Veranstaltung.« Den Geldmanagern war von Anfang an klar, daß Schiesser die NH nicht retten konnte. Die Arbeitsgruppe bildeten sie, um vor der Öffentlichkeit nicht als brutale Neinsager dazustehen.

Die eingeschaltete Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Deutsche Treuhand (DTG) nahm denn auch nur Post und Anrufe von den Banken und Schiesser entgegen. Zum Prüfen sind die Prüfer nie gekommen. »Es gibt«, erklärte ein DTG-Vorstandsmitglied vergangene Woche, »nichts zu prüfen.«

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Nach einem gerichtlichen Arrest kann der Eigentümer nicht mehr über die mit einem Arrest belegten Grundstücke oder Häuser verfügen. Damit sollen Kreditforderungen gesichert werden.

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