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Banken Heißer Draht

Die Bank der Zukunft hat keine Filialen und wenig Mitarbeiter, das Kreditgewerbe steht vor einem tiefgreifenden Wandel.
aus DER SPIEGEL 17/1995

Der Eingang zu dem langgestreckten Verwaltungsbau an der Autobahnabfahrt Quickborn, 25 Kilometer nördlich von Hamburg, ist nur schwer zu finden. Die unscheinbare Eingangstür läßt sich nur mit Hilfe einer Magnetkarte öffnen.

In dem Industriegebiet, mitten in den schleswig-holsteinischen Niederungen, residiert die Comdirect Bank, ein Kreditinstitut völlig neuen Zuschnitts. Statt Schalterhallen und Kassenhäuschen nimmt bei dieser Tochter der Commerzbank das »Call- und Lettercenter« den größten Platz ein. In sterilen Großraumbüros beantworten mehrere Dutzend angelernte Banker, Kopfhörer am Ohr und Bildschirm vor der Nase, die Anrufe und Briefe.

Immer wieder fragen die Anrufer irritiert, ob sie die Bank denn aufsuchen könnten. »Nein«, erklärt Stefan Homp, Leiter des Privatkundengeschäfts, geduldig, »eine Direktbank ist nur über Telefon, Fax oder brieflich erreichbar - aber dafür um bis zu 88 Prozent billiger.«

Geschäftsführer Bernt Weber hat sich den Lebensmitteldiscounter Aldi als Vorbild genommen. »Bei uns bekommen Sie nicht alles, aber alles besonders preiswert«, lautet seine Strategie.

Die Botschaft kommt offenbar an: Innerhalb von zwei Monaten konnte die Comdirect Bank 6000 Kunden gewinnen, bis Jahresende sollen es 50 000 sein. Im Endausbau, 1996, sollen vom Bausparvertrag über das Sparkonto bis zur Lebensversicherung 20 Produkte angeboten werden.

Seit die Münchner Hypobank vor einem Jahr mit der Direkt Anlage Bank den ersten Discountbroker in Deutschland etablierte, ist bei den Banken das Gründerfieber ausgebrochen. Die Deutsche Bank eröffnet im Herbst in Bonn ihre Bank 24, die rund um die Uhr per Telefon, Computer oder Fax erreichbar sein wird.

Die Berliner Bank will bereits im Juni mit einer elektronischen Bank bundesweit auf Kundenfang gehen. »Über kurz oder lang werden alle größeren Kreditinstitute im Direktgeschäft tätig sein«, sagt Helmuth Strothmann aus dem Vorstand der Berliner Bank.

Fast ein Dutzend Discountbroker bieten mittlerweile den billigeren Kauf von Aktien, Investmentfonds und Anleihen an. Doch das ist längst nicht alles. Spätestens seit dem Start der Comdirect Bank kündigt sich eine Revolution im Privatkundengeschäft an, wie sie tiefgreifender nicht sein könnte.

15 Prozent der Kontoinhaber sind nach Ansicht von Burkhardt Pauluhn, dem für die Privatkunden zuständigen Generalbevollmächtigten der Deutschen Bank, zur Zeit bereit, zu einer Direktbank zu wechseln. Vor allem unter den Jüngeren, die mit Computer und den neuen Medien aufwachsen, werden die fünf Millionen potentiellen Kunden vermutet.

Jahrelang haben die Kreditinstitute die Gebühren bei Kontoführung oder Baufinanzierung immer mehr angehoben - nun ist die Schmerzgrenze erreicht. »Die Kunden akzeptieren unsere Preise nicht mehr«, klagt Albrecht Schmidt, Vorstandssprecher der Bayerischen Vereinsbank. Das anonyme Bankgeschäft bietet eine preiswerte Alternative.

Doch was wird aus den vielen traditionellen Filialen, die nicht so kostengünstig wie die Billigbanker auf der grünen Wiese anbieten können? 14 000 der 48 000 Zweigstellen und 100 000 Arbeitsplätze stehen nach einer Untersuchung der Wiesbadener Unternehmensberatung Arthur D. Little in den nächsten Jahren zur Disposition. Die Deutsche Bank beispielsweise baute im Inland im vergangenen Jahr 2500 Arbeitsplätze ab, 1995 sollen es noch mehr werden.

»Wir haben die Kostenbremse weiter angezogen«, sagt Vorstandssprecher Hilmar Kopper. Das Betriebsergebnis des Branchenprimus sank 1994 um 23,1 Prozent. Ähnlich negativ lief es bei den meisten anderen Instituten (siehe Grafik Seite 121).

Zwar lag dies vor allem an den mageren Finanzgeschäften, die unter anderem wegen der Fehleinschätzung der Zinsentwicklung beim Branchenprimus um 1,5 Milliarden Mark nach unten sackten. Aber auch im Privatkundengeschäft wächst langsam der Druck auf die Profite.

Seit im August 1994 Geldmarktfonds in Deutschland zugelassen wurden, geben sich immer weniger Kunden mit Sparzinsen von zwei Prozent zufrieden. Über 40 Milliarden Mark liegen schon auf den Geldmarktkonten, die etwa doppelt soviel abwerfen und trotzdem ohne Kosten jederzeit kündbar sind.

Direktbanken müssen keine teuren Filialen in den Innenstädten unterhalten und ihren Angestellten keine hohen Tariflöhne zahlen; ihnen fällt es deshalb leichter, in dem neuen Geschäft mitzuhalten.

Die Allgemeine Deutsche Direktbank offeriert etwa ein Tagesgeldkonto, das schon bei einem Mindestguthaben von 1000 Mark Zinsen von zur Zeit vier Prozent abwirft. Im Gegensatz zum traditionellen Festgeld, das für einen bestimmten Zeitpunkt fest angelegt wird, ist das Geld jederzeit verfügbar.

Mit diesem Konto konnte die älteste deutsche Direktbank, die den Gewerkschaften gehört, über 200 Millionen Mark einsammeln. Bei der Comdirect Bank sind es bereits nach wenigen Wochen mehr als 100 Millionen.

Sobald die Bundesbank die kurzfristigen Zinsen erhöht, klettern auch die Renditen für das Tagesgeld. In Hochzinsphasen können Guthaben auf normalen Girokonten in Zukunft fünf oder sechs Prozent abwerfen. Da werden auch viele traditionelle Sparkassenkunden schwach werden, die bisher ihr Geld brav zur nächsten Filiale tragen.

Noch ist es für Kunden einer Direktbank allerdings schwierig, an Bargeld zu kommen. Zwar können Kunden von Anbietern wie der Augsburger Aktienbank mit kostenlos mitgelieferten EC- oder Kreditkarten an den meisten Geldausgabeautomaten Scheine ziehen. Doch die fremden Banken kassieren dafür in der Regel vier Mark pro Auszahlung.

Die Berliner Bank rüstet deshalb zur Zeit jede Woche zehn Aral-Tankstellen mit eigenen Geldausgabeautomaten aus. Ende nächsten Jahres sollen mindestens 1000 Automaten an Tankstellen und in Einkaufszentren der Asko-Gruppe Bargeld ausspucken. »Damit können wir endlich bundesweit den Gesamtbedarf der Privatkunden decken«, sagt Strothmann.

Der Vorstand der Berliner Bank will vom Konsumentenkredit über die Spareinlage bis zu Fondsanteilen alles am Telefon verkaufen. Schließlich seien die meisten Dienstleistungen der Banken »im Grunde ganz einfache Produkte«. Bisher rechtfertigten Banker ihre hohen Gebühren gern mit dem Hinweis auf ihre angeblich so individuell auf den Kunden zugeschnittenen Dienste.

Die Berliner Bank - bisher ein Geldinstitut mit regionaler Bedeutung - will mit Hilfe ihrer Direktbank gewaltig expandieren. Nicht teure Filialen von Berchtesgaden bis Leer sollen den Durchbruch zu nationaler Größe bringen, sondern der heiße Draht in die Hauptstadt.

Strothmann will nicht zu den Discountanbietern gezählt werden. Die größere Bequemlichkeit, weniger die niedrigeren Preise würden dem Home Banking zum Sieg verhelfen, meint er.

Die Deutsche Bank hat sich beim Gewerbeaufsichtsamt der Stadt Bonn eine Ausnahmegenehmigung geben lassen, nun kann sie mit ihrer Bank 24 auch wirklich 24 Stunden für den Kunden dasein. Die Düsseldorfer Citibank wurde beim nordrhein-westfälischen Arbeitsministerium vorstellig, um demnächst Ähnliches anbieten zu können.

Mittelfristig jedoch wird auch im Bankgewerbe der Preis zum entscheidenden Kriterium. So warnt die den Kreditinstituten nahestehende Börsenzeitung in einem Leitartikel vor dem »Nullsummenspiel Direktbanking«. Viele Banken fürchten eine »Kannibalisierung« ihrer Profite: Attraktive Kunden könnten zur hauseigenen Billigkonkurrenz abwandern.

Als Ersatz für eine konventionelle Bankverbindung wird die Comdirect Bank frühestens im Herbst taugen, wenn eine Kundenkarte den kostenlosen Zugang zu allen 770 Geldausgabeautomaten der Commerzbank eröffnet. Dann kann auch der Zahlungsverkehr, zur Hälfte der üblichen Gebühren, über ein Konto der Comdirect Bank abgewickelt werden.

Auch die Deutsche Bank will die Kostendifferenz zwischen ihrer Bank 24 und dem Mutterinstitut an den Kunden weitergeben.

Die Anrufe sollen über das bankinterne Datennetz nach Bonn weitergeleitet werden. So will die Bank die Telefongebühren, eine der größten Kostenstellen im Geldgewerbe der Zukunft, niedrig halten. Für den weiteren Ausbau dieser Datenautobahn wurde eine gemeinsame Tochtergesellschaft mit Mannesmann und RWE gegründet.

500 000 Kunden will Deutsche-Bank-Chef Kopper mit seiner Bank 24 innerhalb von vier bis fünf Jahren gewinnen. Ganz ohne Abwanderung von Stammkunden aus der teuren Filialbank wird dies nicht abgehen. Doch vor allem, so das Kalkül, soll die Expansion zu Lasten innovationsunwilliger Institute gehen.

»Sparkassen und Volksbanken müssen Kunden ziehen lassen«, sagt Weber. Mindestens zehn Prozent der Bankfilialen müßten in den nächsten fünf Jahren geschlossen werden, wenn die Vorhersagen der Marktforscher sich nur halbwegs erfüllten.

Er benötige nur ein Drittel des Personals einer vom Volumen her vergleichbaren Filialbank, rechnet Bernhard Hafner, Vorstandvorsitzender der Allgemeinen Deutschen Direktbank, vor. Bei größeren Einheiten werden die Kostenvorteile eher noch zunehmen.

Doch die kleineren Kreditinstitute beginnen sich zu wehren. Dorfbanken wie die niedersächsische Sparkasse Scheeßel bieten Home Banking über den Computer »mit Datex-J, Btx oder ZV-light« und, natürlich, »deutlich günstigere Postengebühren«.

Schon gibt es Studien, die den Ausbau des Telefon-Banking für einen letztendlich immer noch zu teuren Zwischenschritt halten. Denn dafür werden immer noch Menschen gebraucht.

Die Zukunft gehört dem Computer-Highway, über den der Kunde vom Fernsehsessel aus sein Konto verwaltet. Möglicherweise wandeln sich manche Kreditinstitute zu bloßen Softwareanbietern, die elektronische Bankgeschäfte organisieren.

Das Gespräch mit einem Bankberater wird spätestens dann zu einem Luxusartikel. Y

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Wirtschaftsdaten deutscher Großbanken

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