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Börse Heißer Sommer

Auslandsgelder, Inflationsangst und Konjunkturhoffnungen trieben die deutschen Aktienkurse hoch. Skeptiker fürchten, daß sie nächstes Jahr wieder sinken, weil die Konjunktur dann scharf gebremst werden muß.
aus DER SPIEGEL 32/1972

Banker und Börsianer wissen nicht, wie ihnen geschah: »Ich selbst bin hin- und hergerissen«, bekennt Franz Heinrich Ulrich, Chef der Deutschen Bank. »zwischen mangelnder Traute und mutigen Entschlüssen.«

Nach mehreren Wochen Aktienflaute begann Ende Juni an Deutschlands Börsen der heiße Sommer. Er begann genau einen Tag, nachdem Bundesregierung und Bundesbank am 29. Juni den Ausländern den Erwerb deutscher festverzinslicher Papiere durch Genehmigungspflicht vergällten: Das vagabundierende Auslandsgeld zwängte sich auf den engen Aktienmarkt und drückte die Kurse nach oben.

Im Sinne der alten Börsenregel. daß die Hausse die Hausse nährt, folgten die bis dahin vorsichtigen deutschen Börsianer spontan dem Ansturm der Ausländer, die in den ersten fünf Monaten dieses Jahres am gesamten westdeutschen Aktien-Absatz im Kurswert von 2,27 Milliarden Mark mit mehr als der Hälfte, nämlich 1,26 Milliarden Mark. beteiligt waren.

Kapitalmarktexperten vermuten, daß dies erst der Anfang war. Denn viele Ausländer, die bisher auf dem seit der Pfundkrise für sie geschlossenen Schweizer Kapitalmarkt ihr Geld unterbrachten, wickeln das Geschäft jetzt in Deutschland ab. Und auch in den Kassen westdeutscher Bürger lagert noch viel zurückgehaltene Finanzkraft. auf deren lukrativen Einsatz die inflationsfürchtigen Besitzer warten.

»Der Deutsche spart wie noch nie«. wundert sich die den Großbanken nahestehende »Börsenzeitung«. Bei den bayrischen Sparkassen wurden im ersten Halbjahr 77 Prozent mehr Gelder hinterlegt als im entsprechenden Zeitraum 1971. In Westfalen zahlten die Bürger mit 953 Millionen Mark schon mi ersten Halbjahr 1972 fast ebensoviel Geld ein wie im ganzen Jahr 1971.

Auch die Verkäufer von Investmentpapieren registrieren wieder Zulauf. Im ersten Halbjahr kassierten sie für ihre Zertifikate 1,32 Milliarden Mark, mehr als im ganzen vergangenen Jahr (1,22 Milliarden Mark). Allein 34 Prozent davon flossen in Aktienfonds und müssen überwiegend in Aktien angelegt werden.

»Kurzfristig wird sich die Inflationshausse fortsetzen«, konstatiert denn auch die Münchner Wertpapier-Verwaltungs-Gesellschaft Portfolio Management. »Nachdem offensichtlich ist. daß die Bundesbank nicht bereit ist, inflationshemmend einzugreifen, wird sich das höhere Geldvolumen in steigenden Aktienkursen auswirken.«

Angeheizt wurde die Hausse aber nicht nur aus technischen Gründen. Seit kurzem schätzen Konjunkturforscher und Finanzanalysten die westdeutsche Wirtschaftslage wieder positiv ein: »Die von den wirtschaftswissenschaftlichen Forschungsinstituten in ihrer Frühjahrsdiagnose aufgestellte These vom beginnenden Aufschwung«, triumphierte vergangene Woche das Münchner Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung, »hat sich entgegen vielfach geübter Kritik bisher als richtig erwiesen.«

Neben dem Aufwärtstrend in Produktion und Nachfrage, in Einfuhr und Ausfuhr zeigen jetzt auch die Gewinnerwartungen wieder nach oben. Deutschbankier Ulrich, in letzter Zeit meist auf der Seite der Skeptiker, erkannte: »Die Ertragskraft der Unternehmen zeigt Hoffnungen auf eine gewisse Besserung. Jedenfalls geht es jetzt nicht weiter runter.

Die Bilanz-Tüftler des Wirtschafts-Verlages Hoppenstedt & Co. in Darmstadt sagten für dieses Jahr Profitzunahmen bei deutschen Industrie- und Handelsunternehmen zwischen fünf und 25 Prozent voraus. Spitzenreiter im Gewinntrend sollen Bau-, Automobil -- und Kaufhaus-Konzerne sein.

Der Boom am Bau trieb die Aktienkurse der Hochbauunternehmen und ihrer Zulieferer seit Jahresbeginn um mehr als fünfzig Prozent in die Höhe. Ähnlich steil ließ die wachsende Konsumneigung im Volke die Kaufhausaktien klettern: Karstadt-Papiere wurden letzten Freitag mit 498 Mark bezahlt, zur Jahreswende kosteten sie nur 320 Mark. Kaufhof-Anteile stiegen von 240 auf 358 Mark, und Neckermann brachten es auf einen Kursgewinn von 109 auf 144,50 Mark.

In Fahrt gerieten vergangene Woche auch die Automobil-Papiere. In wenigen Börsentagen erzielten die Aktien der bayrischen Fahrzeugschmiede BMW, die gegenwärtig kaum so viele Autos bauen kann wie die Kundschaft haben will, einen Kursanstieg um 13,50 Mark auf 274,50. Daimler-Benz-Aktien sprangen um 19 auf 494: Die Firma bedachte ihre Aktionäre mit Gratisaktien. Selbst die lahme VW-Aktie brachte es noch auf einen Wochengewinn von 3,50 Mark.

Als Preistreiber am Aktienmarkt erwies sich neben der Konjunktur auch die Innenpolitik: Besonders Schiller-Nachfolger Helmut Schmidt, der sich vorher im Verteidigungsministerium als energisch und industriefreundlich profilierte, verbürgt Sicherheit: »Der Schmidt gilt als börsenfreundlich. weil er ein Mann von Entscheidungen ist«. weiß Bernd Lüthje, Pressesprecher der Commerzbank.

Noch besser als den Schmidt finden die Aktienkäufer allerdings den Barzel. Vermutet Deutsch-Bankier Ulrich: »Die Wahl wirft ihre Schatten voraus. Die Chance, daß die CDU/CSU wieder rankommt. ist aus der Sicht der meisten Börsianer durchaus ein Hausse-Moment, denn CDU bedeutet eine unternehmerfreundlichere Haltung in der Regierungsarbeit.«

Doch Jens Ehrhardt, Chefredakteur der von Portfolio Management herausgegebenen Münchner Börsenbriefe. dämpft solche Hoffnungen: »Länger. fristig bleiben die Wolken am deutschen Börsenhorizont dunkel«. Denn bei einem neuen Konjunkturaufschwung, fürchtet der Börsen-Chronist, wird die Geldentwertungsrate auf bisher unerreichte Spitzensätze ("Im nächsten Jahr sind sieben Prozent und mehr drin") klettern. Je höher aber die Inflation steigt, so der Portfolio-Mann« desto kräftiger werde die Konjunkturbremse gezogen -- »ganz gleich, welche Regierung in Bonn sitzt«.

Unkt Ehrhardt: »Kurzfristig Inflationshausse mit Angst, längerfristig kräftige Baisse.«

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