Wochenvorschau Crashtest für das Modell Deutschland

Die Bundesregierung erwartet 1,5 Prozent Wirtschaftswachstum bis 2018 - und erliegt damit dem Reiz der guten Zahlen. Dabei sind die nur eine Illusion: Deutschland ist schlecht auf kommende Verwerfungen eingestellt. Aktuell sind drei Krisenszenarien denkbar.
Gewitter über Brandenburg: Risiken für die Schönwetterkoalition

Gewitter über Brandenburg: Risiken für die Schönwetterkoalition

Foto: Patrick Pleul/ dpa

Die echten Prüfungen stehen noch bevor. Bislang tut die Regierung Merkel-Gabriel so, als werde der Aufschwung immer weitergehen, mindestens bis 2017 - mehr Jobs, mehr Staatseinnahmen, mehr Verteilungsspielraum. Das ist natürlich eine Illusion, und die Regierenden ahnen es: "Der Test für diese Schönwetterkoalition wird kommen", sagte mir kürzlich ein Mitglied der Bundesregierung. Dann müsse man eben weitersehen.

Strategische Voraussicht und Planung war bislang nicht gerade die Stärke der Kanzlerin Angela Merkel. Deshalb ist zu befürchten, dass auch ihre dritte Regierung keine Krisenpläne in den Schubladen liegen hat. Stattdessen baut sie auf ein Hurra-Deutschland-Szenario - auf einen beschleunigten, selbsttragenden Aufschwung. Und falls es doch anders kommen sollte, verlässt man sich eben auf sein Improvisationstalent.

Am Mittwoch und Donnerstag trifft sich das Kabinett in Meseberg zur Klausurtagung. Es wäre eine Gelegenheit, die Risikoanalyse nachzuholen, die die schwarz-roten Regierungsaspiranten bei den Koalitionsverhandlungen im Herbst beharrlich verdrängt hatten.

Vor allem drei Entwicklungen könnten 2014 die deutsche Ruhe empfindlich stören.

1. Deutschlands Exporterfolge im Stresstest:

In den Schwellenländern braut sich derzeit ein unschöner Krisencocktail zusammen. Überall geht das Wachstum zurück. Eine ganze Generation muss um den schon sicher geglaubten Aufstieg aus der Armut bangen. Selbst in China sind die Zuwächse von um die zehn Prozent längst Vergangenheit; Peking hat just neue Zahlen für 2013 veröffentlicht, am Donnerstag gibt es Erkenntnisse zur aktuellen Stimmung in der chinesischen Industrie.

Heikel ist die Lage vor allem in Ländern wie Brasilien, Indien oder der Türkei, die auf einen breiten Zustrom ausländischen Kapitals vertrauen. Nun droht der Geldzufluss ins Stocken zu geraten, weil die US-Notenbank Fed allmählich ihre Liquiditätsspritzen zurückfahren will. Möglich, dass ein Land nach dem anderen von Panik infiziert wird, ähnlich wie in der Asien-Krise Ende der 90er Jahre - nur dass die betroffenen Volkswirtschaften heute viel größer sind als damals.

Nicht nur wirtschaftlich, auch politisch wachsen die Spannungen zwischen der alten und der neuen Weltmacht: Im südchinesischen Meer geraten die USA und China immer wieder militärisch aneinander. Der Konflikt um die Senkaku-Inseln droht zu eskalieren. Zur Entspannung trägt nicht gerade bei, dass der japanische Ministerpräsident Shinzo Abe mit seinem nationalistischen Kurs provoziert. Ein Kalter Krieg in Asien würde zwangsläufig auch die Wirtschaft in der Region in Mitleidenschaft ziehen.

Was das alles mit uns zu tun hat? Die Schwellenländer sind inzwischen der wichtigste Auslandsmarkt der deutschen Wirtschaft. Die Rekordüberschüsse in der deutschen Leistungsbilanz resultieren überwiegend aus dem Export in die großen aufstrebenden Volkswirtschaften. Eine Krise dort würde das deutsche Erfolgsmodell in Frage stellen. Mehr noch: Da der Rest der Währungsunion dem deutschen Modell folgt - auch Länder wie Spanien und Irland verzeichnen inzwischen stattliche Überschüsse, neue Zahlen für die Leistungsbilanz der Euro-Zone insgesamt gibt es am Donnerstag -, kann eine Krise in den Schwellenländern auch das fragile Europa zum Taumeln bringen.

2. Erneute Panik in Europa:

Momentan mag es so aussehen, als seien die Krisenstaaten der Währungsunion allmählich auf dem Weg der Gesundung. Irland und Spanien haben die Rettungsschirme verlassen. Sogar die griechische Regierung hofft, sich im Laufe dieses Jahres wieder auf dem Kapitalmarkt Geld besorgen zu können. Aber damit kann es schnell vorbei sein. Vor Weihnachten haben sich die EU-Regierungen nicht auf eine funktionstüchtige Bankenunion einigen können. Dennoch bereitet die EZB jetzt einen europaweiten Stresstest vor. Falls diese Prüfung ernst gemeint sein sollte und große Banken als kapitalschwach enttarnt würden, wäre die Finanzkrise zurück - ohne dass es ein tragfähiges gemeinsames Auffangnetz gibt. Wie unter solchen Panikbedingungen Unternehmen in Spanien oder Italien Investitionen finanzieren sollen, ist schwer vorstellbar.

Dazu kommen politische Risiken. Wenn bei den Wahlen zum Europaparlament eine breite Verhinderungskoalition der Euro-Gegner (vom französischen Front National bis zur Alternative für Deutschland) erstarken sollte, kann sie die EU lahmlegen. Die Krisenimprovisation, die in der Vergangenheit wegen des guten Willens aller doch immer noch irgendwie klappte, kann unmöglich werden.

3. Spannungen um Immigranten:

Die unselige Debatte über "Armutszuwanderer" zeigt, wie wenig die Deutschen auf ihre neue Rolle vorbereitet sind. Millionen Menschen kommen zu uns, vor allem aus dem übrigen Europa - so war es in den vergangenen Jahren, so wird es in den kommenden Jahren weitergehen, wie Prognosen zeigen. Eine tolle Sache, weil es Wirtschaft und Gesellschaft befruchtet. Aber derartige Immigrationswellen verursachen auch soziale Spannungen, die politisch gemanagt werden müssen: Die Neubürger ziehen zuvörderst in die westdeutschen Ballungsräume. Dorthin, wo es Jobs gibt, wo aber die Wohnungsmärkte und die Infrastruktur (Schulen, Kitas) ohnehin angespannt sind.

Lange hat die Bundespolitik die Zuwanderungsdynamik ignoriert. Es wäre verheerend, wenn gewalttätige Ausschreitungen gegen Ausländer zunähmen und sich, wie in den 90er Jahren, eine Das-Boot-ist-voll-Mentalität ausbreitete. Im Koalitionsvertrag finden sich zum Thema Integration nur Allgemeinplätze. In Meseberg sollte Schwarz-Rot die Lücke schließen und ein großangelegtes Bundesprogramm auflegen.

Krisen in Schwellenländern, Stabilisierung Europas, Zuwanderungspolitik - eine rationale Politik sollte sich darauf vorbereiten. Abwarten und Zuschauen jedenfalls ist für einen Staat von Deutschlands Gewicht keine Option.

Montag

Peking - Neue Zahlen - Chinas Statistiker veröffentlichen Zahlen zum BIP und zur Industrieproduktion

Frankfurt am Main - Feierlaune bei Dax-Höchstständen - Neujahrsempfang der Deutschen Börse mit Angela Merkel und Deutsche-Börse-Chef Reto Francioni

Dienstag

Mannheim - Pulsmesser - Veröffentlichung des ZEW-Konjunkturberichts für Deutschland

Walldorf - Weiche Ware - Der Softwarekonzern SAP präsentiert seinen Jahresabschluss

Mittwoch

Davos - Ausblick von oben - Die globale Wirtschaftselite trifft sich in den Schweizer Alpen zum World Economic Forum.

Tokio - Unter Druckern - Japans Notenbank entscheidet über den weiteren Kurs.

Donnerstag

Peking - Erster Test - Veröffentlichung des HSBC-Einkaufsmanagerindex für die chinesische Industrie