Zweifel an offizieller Statistik Deutschlands heimlicher Boom

Es ist der Stoff, aus dem Verschwörungstheorien sind. Die deutsche Wirtschaft wächst laut einer Datenanalyse erheblich stärker als offiziell angegeben. Das könnte sich diese Woche bestätigen. Die mögliche Folge: Die Bundesregierung navigiert im Blindflug.
Einkaufszentrum in Dresden: Ein Binnenboom wie seit langem nicht

Einkaufszentrum in Dresden: Ein Binnenboom wie seit langem nicht

Foto: Robert Schlesinger/ dpa

Die Zahl klingt phänomenal, unglaublich - zu schön, um wahr zu sein. 2,8 Prozent Wachstum für die deutsche Wirtschaft, sagt der neue manager-magazin-Konjunktur-Indikator voraus. Ein Wert, viel höher als die handelsüblichen Prognosen. 1,6 Prozent gab vorige Woche der Internationale Währungsfonds als Zielmarke für 2014 an. Bundesregierung, Bundesbank und OECD rechnen mit 1,7 Prozent. Doch die höhere Wachstumsrate des mm-Indikators ist kein Fehler, sondern das Ergebnis einer sorgfältigen Datenanalyse. Vieles spricht dafür, dass es Deutschland viel besser geht, als die offiziellen Zahlen zeigen.

Die Folgen wären dramatisch: Die Bundesregierung navigiert im Blindflug. Mit weitreichenden Konsequenzen für die Wirtschaftspolitik, die gegenwärtig in die völlig falsche Richtung steuern dürfte.

Tatsächlich sind die amtlichen Wachstumszahlen nicht sonderlich plausibel. Laut den kürzlich veröffentlichten Schätzungen des Statistischen Bundesamts ist die deutsche Wirtschaft 2013 real, also nach Abzug der Inflation, nur um 0,4 Prozent gewachsen. Das wäre Stagnation - Deutschland würde am Rande einer Krise entlangschrammen.

Doch andere Daten deuten in die Gegenrichtung: Die Beschäftigung (neue Zahlen am Donnerstag), die Steuereinnahmen, der Außenhandel, die Konsumentenstimmung (der GfK-Konsumklimaindex erscheint am Mittwoch), auch der Ifo-Geschäftsklimaindex (neu am Montag) - all diese Zahlen weisen Rekordwerte aus. Nur die Volkswirtschaft als Ganzes nicht? Irgendwas scheint da nicht zu stimmen.

Phänomenaler Boom

Carsten-Patrick Meier vom Forschungsinstitut Kiel Economics, der den Indikator für manager magazin berechnet, beobachtet seit Jahren, wie das Statistische Bundesamt im Nachhinein die Zahlen verändert. Vorigen Sommer beispielsweise setzte das Amt BIP-Schätzungen für 2011 um 0,7 Prozentpunkte herauf. Meier rechnet mit weiteren Aufwärtsrevisionen. Nicht ungewöhnlich: Häufig werden offizielle Daten noch Jahre später korrigiert, meist nach oben. So wurde die Wachstumsrate für 2006 inzwischen um 1,2 Prozentpunkte angehoben.

Auch derzeit scheint die Statistik die tatsächliche Dynamik massiv zu unterschätzen. Meier rechnet mit späteren Korrekturen um einen Prozentpunkt für die Jahre 2012 und 2013, entsprechend müssten auch die weiteren Prognosen heraufgesetzt werden. 2013 wäre die Wirtschaft damit um 1,5 Prozent gewachsen. Der Aufschwung 2014 würde sich in einer Expansion um 2,8 Prozent niederschlagen, 2015 kämen noch mal 2,4 Prozent hinzu.

Ein phänomenaler Boom - jedenfalls für eine reife, alternde Gesellschaft wie die deutsche. Ein neues Wirtschaftswunder - angesichts der nach wie vor schwelenden Schuldenkrise in unserer Nachbarschaft.

Es liegt nahe, hinter diesem Verwirrspiel eine großangelegte Verschwörung zu vermuten. Doch der Grund für die prognostische Unschärfe ist ein technischer: die verzögerten Meldung vieler Daten ans Bundesamt.

So werden insbesondere große Teile der deutschen Binnenwirtschaft erst lange nach Veröffentlichung der ersten Schätzungen erfasst. Gerade Bau, Handel und andere Dienstleistungen boomen derzeit: Unternehmen und Privathaushalte in der Bundesrepublik konnten sich vermutlich noch nie so billig verschulden wie derzeit. Entsprechend steigen Investitionen und Konsumausgaben.

Kräftiger Aufschwung, zusätzlich angeheizt mit Schulden

Deutschland geht's viel besser, als die offiziellen Zahlen zeigen. Nach der Kieler Prognose erlebt Deutschland einen Binnenboom wie lange nicht mehr, mit deutlichen Überhitzungserscheinungen. Der Staat müsste beherzt gegensteuern - nicht irgendwann, sondern jetzt. Da die Europäische Zentralbank mit Rücksicht auf die fragile Finanzlage im übrigen Euro-Raum auf absehbare Zeit die Geldzufuhr nicht verknappen wird, ist die Bundesregierung gefordert. Doch die ist leider auf einem ganz anderen Trip.

Angela Merkels dritte Koalition startet mit allerlei zusätzlichen Ausgabenprogrammen, vor allem bei der Rente. Sie erhöht die Staatsausgaben konjunkturell gesehen zur Unzeit: Ein ohnehin kräftiger Aufschwung wird in den kommenden Jahren mit schuldenfinanzierten Programmen zusätzlich angeheizt.

Nur mal angenommen, es gäbe so etwas wie eine ideale Regierung, die makroökonomisch rational handelt. Was würden die tun? Ganz einfach: Sie würde jetzt die Steuern erhöhen. Und zwar insbesondere auf Unternehmensgewinne und Vermögenserträge. Denn die profitieren besonders von diesem heimlichen Boom: 2014 sollen diese Einkunftsarten der Kieler Prognose zufolge um fast zehn Prozent zulegen, die Arbeitseinkommen steigen nur halb so stark.

Einen Teil dieser Einkommensblase sollte der Staat abschöpfen. Nicht, um die Gelder gleich wieder auszugeben, sondern um sie in den Schuldenabbau zu stecken - oder, in Deutschland eine echte Innovation, um sie anzusparen.


Die Termine der Woche:

Montag

MÜNCHEN - Stimmungsbarometer - Ifo-Institut veröffentlicht Geschäftsklima-Index

CUPERTINO - Update - Apple präsentiert Zahlen

Dienstag

USA - Berichtssaison - Quartalsberichte unter anderem von Yahoo, Ford, DuPont, AT&T und Pfizer

Mittwoch

NÜRNBERG - Klimawandel - GfK veröffentlicht Konsumklimaindex für Februar

FRANKFURT - Zurückgestellt - Deutsche Bank legt vorläufige Zahlen für Gesamtjahr 2013 vor

Donnerstag

NÜRNBERG - Beschäftigung - Die Bundesagentur für Arbeit veröffentlicht Januar-Arbeitsmarktdaten

WASHINGTON - Wachsender Westen - US-Statistiker schätzen BIP im vierten Quartal 2013

Freitag

TOKIO - Endlich teurer - Japans Behörden veröffentlichen Zahlen zu Inflation und Industrieproduktion im Dezember