Herbstgutachten zur deutschen Wirtschaft Starker Einbruch, langsame Erholung

Die Coronakrise lässt Deutschlands Wirtschaft so stark einbrechen wie seit Jahren nicht mehr - die führenden Ökonomen erwarten für 2020 ein Minus von 5,4 Prozent. Aber es gibt auch Hoffnung.
Containerumschlag im Hamburger Hafen: Nach dem Einbruch im Frühjahr steigen die Exporte wieder

Containerumschlag im Hamburger Hafen: Nach dem Einbruch im Frühjahr steigen die Exporte wieder

Foto: Christian Charisius/ dpa

Die Coronakrise lässt Deutschlands Wirtschaft so stark schrumpfen wie seit Jahren nicht mehr. In ihrem Herbstgutachten für das Bundeswirtschaftsministerium sagen die fünf beauftragten Forschungsinstitute für 2020 einen Rückgang des Bruttoinlandsproduktes um 5,4 Prozent voraus. Damit revidieren sie die Prognose ihres eigenen Frühjahrsgutachtens aus dem April von minus 4,2 Prozent noch einmal um 1,2 Prozentpunkte nach unten. Zwischenzeitlich waren viele Ökonomen allerdings noch von einem weitaus stärkeren Einbruch ausgegangen.

Für 2021 erwarten die Institute nunmehr einen Zuwachs der Wirtschaftsleistung um 4,7 Prozent - im Frühjahr hatten sie noch ein Plus von 5,8 Prozent vorhergesagt. Das Vorkrisenniveau werde voraussichtlich erst Ende kommenden Jahres erreicht. 2022 werde das Bruttoinlandsprodukt dann um 2,7 Prozent zulegen.

Grund für die pessimistischere Einschätzung gegenüber dem April-Gutachten ist, dass die Institute den künftigen Erholungsprozess nunmehr etwas schwächer einschätzen. "Ein Gutteil des Einbruchs aus dem Frühjahr ist zwar schon aufgeholt, aber der verbleibende Aufholprozess stellt die mühsamere Wegstrecke zurück zur Normalität dar", sagte Stefan Kooths, Konjunkturchef des Kieler Instituts für Weltwirtschaft.

Exporte und Konjunkturprogramme tragen maßgeblich die Erholung

Gebremst werde die Erholung zum einen durch jene Branchen, die in besonderem Maße auf soziale Kontakte angewiesen sind, etwa Gaststätten und Tourismus, das Veranstaltungsgewerbe oder der Luftverkehr . "Dieser Teil der deutschen Wirtschaft wird noch längere Zeit unter der Corona-Pandemie leiden und erst dann am Erholungsprozess teilhaben, wenn Maßnahmen zum Infektionsschutz weitgehend entfallen, womit wir erst im nächsten Sommerhalbjahr rechnen", sagte Kooths. Zudem halten sich viele Unternehmen bei Investitionen zurück.

Dennoch entwickelt sich die Wirtschaft wieder besser, als zwischenzeitlich erwartet worden war. Auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle hatten viele Ökonomen zeitweise ein Minus von neun oder zehn Prozent für 2020 vorhergesagt. Seither aber läuft die Erholung besser als erwartet. Maßgeblich getragen wird sie unter anderem von den Exporten, die im Zuge der Krise besonders drastisch eingebrochen waren.

Zudem hätten die staatlichen Konjunkturprogramme oder Hilfsmaßnahmen dazu beigetragen, dass die verfügbaren Einkommen der privaten Haushalte selbst in der akuten Krisenphase insgesamt relativ stabil blieben, schreiben die Institute. Dies führe aber zugleich dazu, dass der öffentliche Gesamthaushalt das laufende Jahr mit einem Rekorddefizit von 183 Milliarden Euro abschließen werde.

Pandemie sorgt weiter für Unsicherheit

Auch der Arbeitsmarkt ist unter Druck. Trotz massiver Kurzarbeit gingen laut Herbstgutachten bis zur Jahresmitte schätzungsweise 820.000 Stellen verloren. Die Arbeitslosenquote dürfte demnach dieses und nächstes Jahr auf 5,9 Prozent steigen und 2022 leicht auf 5,5 Prozent zurückgehen.

Das größte Risiko für die Prognose bleibe der ungewisse Pandemieverlauf, schreiben die Verfasser. Sie nehmen an, dass die Infektionsschutzmaßnahmen im Verlauf des kommenden Sommerhalbjahrs so weit gedrosselt werden können, dass sie die ökonomische Aktivität nicht mehr nennenswert beeinträchtigen. Unsicher sei zudem, in welchem Umfang es noch zu Unternehmensinsolvenzen komme.

"Nach der ersten kräftigen Belebung im Mai und Juni als Reaktion auf das Ende des harten Lockdowns kommt der weitere Erholungsprozess mühsamer voran", teilte das Bundeswirtschaftsministerium mit. Für das dritte Quartal dürfte zwar "das bei Weitem höchste Quartalswachstum ausgewiesen werden, das jemals ermittelt wurde". Aber für das vierte Quartal signalisierten die Indikatoren nun einen verlangsamten Erholungsprozess.

clh/Reuters
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