Heros-Insolvenz Die geheimnisvolle Pleite einer Geldtransport-Firma

Heros war das größte Unternehmen im Bereich Geldtransporte in Deutschland - etwa 50 Prozent Marktanteil. Ausgerechnet in einer Branche, wo Vertrauen besonders wichtig ist, schafften die Mitarbeiter eine ungeheure Summe beiseite - wie, darüber rätselt die Konkurrenz. Und freut sich über die Insolvenz.


Düsseldorf - Der beispiellose Betrugsskandal in der Geldtransport-Firma Heros gibt selbst Fachleuten Rätsel auf: "Wenn alle ihren Job machen, ist es praktisch unmöglich, so viel Geld abzuzweigen", sagt Michael Mewes, stellvertretender Vorsitzender des Branchenverbandes BDGW. Die einzige Erklärung sei, dass eine Firma die Gelder der Kunden verspätet überweise. "Wenn die Kunden nicht aufpassen, kann man sich theoretisch einen oder zwei Tage Luft verschaffen und in dieser Zeit mit dem Geld wirtschaften", erklärte Mewes gegenüber der Nachrichtenagentur AP.

Gepanzerter Heros-Transporter: Im Schneeballsystem Geld verschwinden lassen
AP

Gepanzerter Heros-Transporter: Im Schneeballsystem Geld verschwinden lassen

Ausgerechnet in der Geldtransport-Branche sollen laut Staatsanwaltschaft rund 300 Millionen Euro an Kundengeldern beiseite geschafft worden sein. Ein Teil des Geldes soll in private Taschen geflossen sein, der andere ins Geschäft. Die Branche wunderte sich schon lange über das rasante Firmen-Wachstum: "Die haben scheinbar mühelos Investitionen in Gebäude, Fahrzeuge und Zukäufe getätigt, an denen andere verzweifelt sind", sagt Mewes. "Nach außen schien es so, als seien bei Heros alle Investitionen aus dem Handgelenk geschüttelt worden." Auch das Preis-Dumping habe zuletzt Dimensionen erreicht, die betriebswirtschaftlich nicht mehr zu erklären gewesen seien.

Nach seinen Worten müssen Geldtransport-Firmen über jeden Cent Rechenschaft ablegen. "Wir zählen das Geld in unseren Cash-Centern. Dann wird alles mit den Händlern abgeglichen." Wenn sich bei diesem System jeder an die Abmachung halte, könne man kein Geld veruntreuen, erklärt Mewes.

Dass sich die Konkurrenten von Heros nun die Hände reiben, ist da nicht weiter verwunderlich: "Denn wenn man ständig unterboten wird, macht es keinen Spaß mehr, ein Geschäftsmann zu sein", meint Mewes.

Rätseln über die Betrugs-Masche

Auch die Heros-Kunden rätseln über die Masche ihres Geldtransporteurs: "Wie die mehrere Hundert Millionen abgezweigt haben sollen, weiß kein Mensch. Höchstens der Staatsanwalt", sagt Peter Pietsch von der Commerzbank. Noch bis zum Wochenende bestückte Heros für die Commerzbank Tausende von Geldautomaten.

Citigroup-Sprecher Rüdiger Stahlschmidt ist froh, dass die Bargeldversorgung trotz Heros-Pleite reibungslos klappt. "Wir haben für solche Fälle einen Notfallplan, der sofort greift. Ich rechne deshalb auch in den kommenden Tagen nicht mit Problemen bei der Versorgung mit Bargeld." Wie der Notfallplan aussieht? "Sie haben sicher Verständnis, dass wir darüber nichts sagen", sagt Stahlschmidt gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Überhaupt ist noch einiges an der Heros-Insolvenz geheimnisvoll. So sprechen auch die Ermittler von der Mönchengladbacher Staatsanwaltschaft nicht über ihre Erkenntnisse. "Aus ermittlungstaktischen Gründen", wie es heißt. Nur so viel: "Die Masche hat wie ein Schneeballsystem funktioniert. Ständig wurden irgendwo neue Löcher aufgerissen, die dann mit frischem Geld gestopft werden mussten", erklärt Staatsanwalt Peter Aldenhoff. Als nicht mehr genügend Geld zur Verfügung stand, flog der Schwindel auf.

Schwarzes Schaf, das der Branche schadete

Für die Gewerkschaft Ver.di war Heros seit Jahren "das Schwarze Schaf, das den Ruf der ganzen Branche beschädigt hat", wie Bundesvorstandsmitglied Dorothea Müller sagt. Noch vor zehn Jahren sei Heros ein unbedeutendes Familienunternehmen gewesen. Dann jedoch sei die Transportfirma von einigen Konkurrenten als billiger Subunternehmer eingesetzt worden. "Die haben Heros regelrecht hoch gezüchtet", sagt die Gewerkschafterin. Schließlich sei das Unternehmen innerhalb kürzester Zeit groß geworden und habe Konkurrenten geschluckt. Während Heros-Angebote um bis zu 60 Prozent unter denen der Konkurrenz gelegen hätten, habe die Konkurrenz Millionen-Defizite eingefahren.

Unklar ist bisher, wem der Millionenschaden entstanden ist. Bei Metro, Karstadt und Kaufhof hieß es, die Verluste hielten sich in engen Grenzen. Medienberichte, nach denen der Commerzbank ein Schaden im zweistelligen Millionenbereich entstanden sei, bezeichnete Sprecher Pietsch als "blanken Unsinn": "Wir konnten bisher nicht einmal feststellen, ob überhaupt irgendein Schaden entstanden ist."

kaz/Matthias Armborst, AP



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