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»Herr Loderer, Sie sind der Super-Faust«

aus DER SPIEGEL 28/1979

Eugen Loderer trug Nadelstreifen und Gold in den Manschetten. Anstelle von Meinungsäußerungen genehmigte er sich Bonbons verschiedener Geschmacksrichtungen, die er sanft auf die Zunge schob, als ließe die sich dadurch entschärfen. So regierte er heuer erstmals die Hauptversammlung des VW-Konzerns, die für einen Mitbestimmer wie ihn ja schon voller Invektiven steckte, als er noch wortkarger Stellvertreter des VW-Oberaufsehers Hans Birnbaum war.

Dieses Jahr jedoch durfte er, der Metallarbeiter-Boß, anstelle des kranken Birnbaum dieses Spektakel der Kapitalgeber dirigieren -- ersichtlich auf alles gefaßt. Deutsche Geld- und Kleingeldgeber kultivieren jedoch nicht bloß ihre Abneigung gegen Arbeiterfunktionäre in Aufsichtsräten, sondern auch unerforschlichen Respekt gegenüber Vorsitzenden jedweder Art.

Daraus folgte, daß die VW-Hauptversammlung im neuen Berliner Congress Centrum dem debütierenden Versammlungsleiter Loderer durchaus respektvoll zu verstehen gab: Statt seiner wäre ihr lieber ein Herr vom Kapital. Loderer begegnete dieser einleuchtenden Abneigung mit jener unverletzlichen Milde, die Bischofskonferenzen zur Zierde gereicht. Nichts sollte ihn kratzen. Niemand von ihm gekratzt werden.

So dankte er immerzu: für jede Wortmeldung, für alles überhaupt Gesagte, Unsinn inklusive. Und wo es gegen ihn und die IG Metall ging, da dankte er besonders warm.

Sagt ein Aktionär: Nichts gegen Loderer, aber wir Kapitaleigner leiten ja auch nicht Belegschaftsversammlungen, so lobt ihn dieser Loderer nur. »Intelligenz«, sagt er, »ist die Fähigkeit, seine Umgebung zu akzeptieren. Sie haben diese Intelligenz bewiesen.« Knackt's in den Lautsprechern, rechtfertigt sich der ungewohnte Versammlungsvater gleich: »Nicht meine Schuld!« Irritiert einen Opponenten das leise Getuschel am Vorstandstisch -- Loderer bittet laut um Pardon.

So behutsam ist er nicht immer, der ehemalige Seefahrer und Eisenflechter Loderer. Diesmal aber ist er so auf Liebe eingestellt, daß er aus Furcht, sein Löffel könnte störend klirren, kaum in seinem Kaffee zu rühren wagt. Dementsprechend schnell atmen im Saal ein paar Banker auf. »Besser«, raunen sie, »könnt's gar nicht laufen.«

Was tut"s da, daß ein einsamer Wirtschaftsstudent die vorsätzliche Knochenlosigkeit des Versammlungsleiters anstößig findet? Von einem Machtinhaber, sagt er, dürfe erwartet werden, daß nicht auf jeden reaktionären Schwafel prompt ein Dankeschön folgt.

Sekundenlang schien Loderer da zu schwanken, eigene Meinung bot er ausnahmsweise: »Das würde auch dem Parlament in Bonn zu Gesicht stehen ... mehr mitmenschliche Beziehungen ... mehr Höflichkeit ... weniger Konfrontation.« So ein Friedensengel steckt in diesem Schwaben Eugen.

Am denkwürdigen Stichtag seiner Mitbestimmung im deutschen Kapitalismus war Eugen Loderer sanft und cool wie ein Softeis. Die im Auditorium widerhallenden Vorwürfe wider rassistische und ausbeuterische Übungen des Multi VW in Südafrika oder Brasilien erzeugen bei ihm keinerlei Reflexe.

Eine Hausfrau schwört, sie möchte, falls VW sich »die Hände so schmutzig« macht, »nicht mehr VW-Aktionärin« sein. Der Vorsitzende Loderer nickt, und abermals sagt er nur Dank »für das Engagement, hier zu reden«.

Sich selber ließ er in der ganzen Hauptversammlung bloß eine einzige gewerkschaftliche Äußerung durchgehen. Das war, weil der VW-Boß Toni Schmücker einen Kleinaktionär belehrte, »schräge Vögel« -- wie der gesagt hatte -- die gehe es überall, nicht bloß bei der Gewerkschaft. »Bravo!« sagte Loderer. Aber natürlich leise.

Das närrische Potential der Versammlung fühlte sich durch derlei Milde gekitzelt. Ein weithin gefürchteter Schwätzer verfiel am Mikrophon in anhaltende Hydepark-Euphorien. Schmücker rief er »Schlitzohr«, den VW-Aufsichtsrat Leisler Kiep, des Reimes wegen, »Dividendendieb«. Schmücker brachte das am Ende so auf, daß er sich die Titulierung bebend verbat.

Eugen Loderer, abgeschirmt durch den Willen, Provokation aus wohlverstandenem Selbstinteresse einfach zu ignorieren, rappelte sieh nun mit Verspätung. Im Nachtrag wies er derlei Injurien »mit aller Entschiedenheit« zurück.

Schließlich gellte eine Opponentin in den Saal: »Herr Loderer, Sie sind ein Super-Faust, der seine Seele getrennt hat!« Er nickte über seiner Bonbonschachtel: »Gut! Das nehme ich zur Kenntnis.«

Solche Leute entlasten einen Loderer nicht. Allen anderen Aufsichtsräten wurde mit der stereotypen Mehrheit von 99,98 Prozent des Kapitals das Vertrauen ausgesprochen. Er allein erhielt weniger: 99,97. Das zeigt die Stärke seiner Gegner.

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