Zur Ausgabe
Artikel 35 / 84

BAUHERREN-MODELL Heulen und Zähneklappern

Deutschlands größter Anbieter von Bauherren-Modellen, die Treuwo AG, ist zahlungsunfähig. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Wenn die Chefs der Lübecker Treuwo AG eine Sause durch die Stadt machten, holten sie sich gelegentlich Lokalverbote, so im »Cafe Fauth«, im »Hieronymus« und im »Stadthallen-Restaurant«. Wo sie jedoch gelitten waren, da erfreuten sich die Wirte eines guten Geschäfts: »Champagner für alle!« orderte dann der Vorstandsvorsitzende Lutz Schumann oder sein Vorstandskollege Rainer Burmeister.

Damals, Anfang der 80er Jahre, machte ihre Firma bis zu 500 Millionen Mark Umsatz im Jahr, Gewinn fiel reichlich an. In diesem Jahr konnte Porsche-Turbo-Fahrer Schumann seinen Angestellten nicht mehr die Januar-Gehälter zahlen. Vergangene Woche meldete er Vergleich an.

Der Niedergang der Treuwo markiert den Verfall einer ganzen Branche. Die Treuwo war der Marktführer unter den über 600 Anbietern von Bauherren-Modellen. Schumann: »Unsere Wettbewerber stehen vor den gleichen Problemen.«

Seit zwei Jahren geht es bergab. Unter Deutschlands Großverdienern hat sich langsam herumgesprochen, daß man mit einem Bauherren-Modell zwar viel Steuern sparen, aber letztlich noch mehr Geld verlieren kann.

Eine Wohnung nach dem Bauherren-Modell wird, dank einer komplizierten steuerlichen Konstruktion, mit hohen Werbungskosten errichtet, etwa mit Gebühren für Treuhandverträge oder für die Kreditbeschaffung. Diese Werbungskosten setzen Spitzenverdiener von ihrem steuerpflichtigen Einkommen ab; somit erstattet der Fiskus bis zu 56 Prozent dieser Kosten.

Doch mehr und mehr Anleger merkten schließlich, daß hohe Werbungskosten den Kaufpreis einer Wohnung in die Höhe trieben. Sie begriffen, daß sie, um 50 000 Mark Steuern zu sparen, 90 000 Mark mehr bezahlen mußten. Vor allem Ärzte und Zahnärzte, bislang die Stützen der Branche, zogen sich jäh zurück.

In seinem Gewerbe werde es noch »Heulen und Zähneklappern« geben, hatte Schumann Ende 1983 prophezeit. Da lebte er noch in dem Glauben, es treffe nur die anderen. Die Treuwo schien zu jener Zeit recht gesund. Schumann ("Ich bin ein Veteran in der Branche") hatte die Firma 1972 mit zwei Kompagnons gegründet. Das zu jener Zeit von Kölner Steuer-Akrobaten erfundene Bauherren-Modell versprach ein Bombengeschäft.

Vorangetrieben von Lutz Schumann und dem früheren IOS-Verkäufer Rainer Burmeister - »der Kopf« und »der Aufreißer«, wie Insider das Duo nannten -, wuchs die Treuwo-Gruppe rasch. 1979 war sie, nach eigener Aussage, Marktführer.

Das Büro über der Kindergeldkasse des Lübecker Arbeitsamts wurde zu klein, die Treuwo baute ein Verwaltungsgebäude. Manche Lübecker halten das Haus für den prächtigsten Neubau der Stadt - er war freilich ein paar Nummern zu groß.

Zur Einweihung im September 1982 gab es eine Fete, die für Lübeck und Umgebung Maßstäbe setzte: Eine derart teure und rauschende Feier, so erinnern sich selbst partyerfahrene Teilnehmer, hätten sie noch nie erlebt.

Geld hatten die Treuwo-Führungskräfte im Überfluß. Vor CDU-Parteifreunden brüstete sich Schumann: »Ich verdiene in einem Jahr soviel wie ein Bundestagsabgeordneter in zehn Jahren.«

Geschäftlich ging es, so schien es nach außen, unaufhaltsam aufwärts. Am 14. November 1983 rissen sich deutsche Anleger um 100 000 Treuwo-Aktien, ausgegeben zum Kurs von 220 für die 50-Mark-Aktie. Bereits am nächsten Tag sackte der Kurs und fiel seitdem unablässig bis auf 30 Mark.

Schon als das Unternehmen die Aktien an die Börse brachte, war der Umsatz der Firma schlagartig zurückgegangen. »Das November- und Dezember-Geschäft 1983«, so Schumann, »fand praktisch nicht statt.« In den letzten beiden Monaten des Jahres aber macht die Steuersparbranche zwei Drittel ihres Umsatzes. Gleichwohl sicherte der Treuwo-Chef seinen Aktionären eine Dividende von 22 Mark zu. Noch im Juni 1984, als sich das Desaster abzeichnete, gab er vor, die 22 Mark »per 31. 7. 1984 ausschütten zu können«.

Daraus wurde natürlich nichts. Und wie die Aktionäre wurden auch viele Bauherren enttäuscht, als ihr Zwischenmieter, die Treuwo-Firma Wohngrund, im November die Mietzahlungen einstellte: Es war kein Geld mehr da, um den Wohnungseigentümern die versprochene Miete zahlen zu können.

Das ist verständlich. Denn wie bei Bauherren-Modellen oft üblich, werden den Wohnungskäufern Einnahmen garantiert, die erheblich über den tatsächlich gezahlten Mieten liegen; die Differenz zwischen Marktmiete und garantierter Miete zahlt für einige Zeit praktisch der Verkäufer. Dem Bauherrn wird so eine bessere Rendite seines Objekts vorgespiegelt.

Von diesem Monat an, verspricht Schumann, sollen die Wohnungseigentümer wieder Miete erhalten. Sie wird

allerdings bis zur Hälfte unter dem Betrag liegen, den die Treuwo beim Kauf der Wohnungen garantiert hatte.

Verluste müssen auch einige Banken hinnehmen, bei denen die Treuwo Kredite über 100 Millionen Mark stehen hat: die Bank für Gemeinwirtschaft, die Deutsche Bank und die Norddeutsche Landesbank. Die nehmen im Zweifelsfall eher einen Konkurs der Treuwo hin, als dem Bauträger weitere Überbrückungskredite zu geben.

Doch Schumann setzt optimistisch auf einen 50-Prozent-Vergleich. Und wenn er damit auf Kosten seiner Gläubiger erst einmal Schulden abgeräumt hat, will er gleich wieder loslegen: »Wir hoffen, daß aus diesem Vergleich ein neues Durchstarten wird.«

Zur Ausgabe
Artikel 35 / 84
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.