Heuschrecke im Anflug Verkauf der "Berliner Zeitung" rückt näher

Die britische Beteiligungsgesellschaft 3i steht kurz vor dem Kauf der "Berliner Zeitung". Die Verhandlungen mit dem Holtzbrinck-Verlag sind schon sehr weit fortgeschritten, eine Einigung noch in dieser Woche ist möglich.


Frankfurt am Main/Hamburg - Spätestens in der kommenden Woche solle die Komplettübernahme des gesamten Berliner Verlags verkündet werden, berichtet die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" unter Berufung auf Branchenkreise. Neben der "Berliner Zeitung" würden dann auch das Boulevardblatt "Berliner Kurier" und das Stadtmagazin "Tip" an die Briten verkauft. Der Kaufpreis liege bei 150 Millionen Euro. Der SPIEGEL hatte bereits am Samstag gemeldet, dass die Verhandlungen weit fortgeschritten sind.

Berliner Blätter: Verlagsmacher fürchten hohen Rendite-Druck
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Berliner Blätter: Verlagsmacher fürchten hohen Rendite-Druck

Sollten es zu dem Abschluss kommen, würde erstmals eine deutsche Tageszeitung in die Hände einer ausländischen Beteiligungsgesellschaft fallen. In Branchenkreisen wird laut "FAZ" damit gerechnet, dass der Investor die Zeitung auf Wachstum trimmen will. Ein rascher Weiterverkauf an einen Wettbewerber werde aber für extrem unwahrscheinlich gehalten, denn dies widerspreche den bisherigen Strategien von 3i.

Der Stuttgarter Holtzbrinck-Verlag, dem neben der Verlagsgruppe Handelsblatt und der "Zeit" auch der "Tagesspiegel" gehört, hatte gestern erstmals offiziell bestätigt, dass er wegen kartellrechtlicher Probleme einen Verkauf der "Berliner Zeitung" erwäge. Holtzbrinck wollte die von Gruner + Jahr gekaufte Zeitung ursprünglich mit dem defizitären "Tagesspiegel" fusionieren. Das Bundeskartellamt hatte diese Pläne aber durchkreuzt.

Überraschender Profit

Holtzbrinck hatte in den letzten Wochen intensive Gespräche mit mehreren Interessenten geführt - darunter dem Süddeutschen Verlag aus München, aber auch mit dem SPIEGEL-Verlag. Auch über den Einstieg eines Konsortiums wurde gesprochen. Da die "Berliner Zeitung" zuletzt profitabel wirtschaftete, machte sie für Investoren interessant. 2004 erzielte der gesamte Berliner Verlag ein Plus von neun Millionen Euro - mehr als die Hälfte trug dazu allein die "Berliner Zeitung" bei.

Rechtlich wäre der Verkauf an 3i kein Problem. Seit dem Kartellamtsveto werden die Blätter des Berliner Verlags offiziell weiter vom Alteigentümer Gruner + Jahr verwaltet, die Gewinne fließen auf ein Sperrkonto.

Der nun genannte Kaufpreis von 150 Millionen Euro entspricht in etwa der Summe, die Holtzbrinck einst an G+J überwies. Weil die G+J-Mutter Bertelsmann damals im Gegenzug die verlustbringenden Anteile am Nachrichtensender N-tv sowie die Radiobeteiligungen der Stuttgarter für noch einmal etwa dieselbe Summe einkaufte, würde sich der Deal für die Schwaben am Ende gar noch rechnen.

Zeitungsfans von der Insel

Für das Beteiligungsunternehmen ist es nicht die erste Annäherung ans Zeitungsgeschäft. Schon als die "Frankfurter Rundschau" nach Investoren suchte, war die britische Private-Equity-Firma mit von der Bieterpartie. Auch in ihren Heimatmärkten war sie im Zeitungsbereich aktiv: So gehörte 3i im vorigen Jahr zu den Bietern um die "Daily Telegraph"-Gruppe, kam aber wieder nicht zum Zug. Erfolgreicher war 3i mit der irischen Local Press Group, die man Anfang 2004 erwarb und vor drei Wochen wieder verkaufte.

Beim Berliner Verlag wird man angesichts der Perspektive eines neuerlichen Eigentümerwechsels hin zu einer "Heuschrecke" kaum begeistert sein. Von den hohen zweistelligen Renditeerwartungen der Beteiligungsbranche ist das Haus weit entfernt. Die ließen sich mit dem bisherigen Qualitätsanspruch und der personellen Aufstellung des Blattes auch kaum erreichen.



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