Heuschrecken-Vergleich DGB-Ökonom kritisiert Debatte über Finanzinvestoren

SPD-Chef Franz Müntefering erhält wegen seiner heftigen Attacke auf Firmenaufkäufer Widerspruch vom Deutschen Gewerkschaftsbund. Der DGB-Ökonom Dirk Hirschel kritisiert die Fokussierung auf angelsächsische Finanzinvestoren.


SPD-Chef Müntefering: Eine zu vernachlässigende Größe
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SPD-Chef Müntefering: Eine zu vernachlässigende Größe

Düsseldorf/Berlin - Er halte die Debatte prinzipiell für richtig. Sie gehe aber in die falsche Richtung, sagte DGB-Chefvolkswirt Hirschel der "Rheinische Post". "Die Private-Equity-Firmen bewegen in Deutschland derzeit nur 0,7 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Das ist eine zu vernachlässigende Größe", argumentierte Hirschel.

Wenn der Bund mehr Wachstum und Beschäftigung wolle, müsse er auch bereit sein, mehr zu investieren, voran in Forschung und Bildung, sagte der Volkswirt. "Die USA sind da vorbildlich", erklärte Hirschel.

Müntefering hatte zuvor eine sogenannte Heuschreckenliste von überwiegend amerikanischen Beteiligungsgesellschaften erstellen lassen, darunter Kohlberg Kravis & Roberts (KKR), Apax, Saban und Blackstone. Müntefering wirft ihnen vor, sie "grasten" deutsche Unternehmen ab.

Der "Heuschrecken"-Vergleich stößt in der Finanzbranche weiter auf Unverständnis. Der Chef des Deutschen Aktieninstituts (DAI), Rüdiger von Rosen, sagte der "Berliner Zeitung": "Ich kann per se nichts Schlechtes erkennen, wenn sich ausländische Investoren für deutsche Firmen interessieren." Übernahmen durch ausländische Beteiligungsfirmen seien "eine ganz normale Erscheinung der Wirtschaftsbeziehungen".

"Der Heuschrecken-Vorwurf geht völlig an der Sache vorbei", sagte der Privatkapitalmarkt-Experte von Deutsche Bank Research, Jürgen Schaaf. Die meisten durch Private-Equity-Häuser übernommenen Firmen "machen Gewinn und stellen Leute ein. Ein bisschen weniger Pharisäertum würde der Debatte durchaus gut tun."

Der Historiker Michael Wolffsohn hat Müntefering unterdessen vorgeworfen, mit seiner Kapitalismuskritik gegen Unternehmer so zu hetzen wie einst Nazis gegen Juden. Wolffsohn schrieb in der "Rheinischen Post", Müntefering benutze "Worte aus dem Wörterbuch des Unmenschen", weil "Menschen das Menschsein" abgesprochen werde. 60 Jahren nach der Nazi-Herrschaft würden wieder Menschen mit Tieren gleichgesetzt, die gleichsam als Plage vernichtet werden müssten. Wolffsohn warnte vor einem Rückfall in alte hasserfüllte Denkmuster.



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