Hewlett Packard Carlys Strategie der blutigen Nase

In San Francisco versuchte HP-Chefin Carly Fiorina am Donnerstagabend, den Wall-Street-Analysten ihre Strategie zu erklären. Doch die Börse verliert allmählich die Geduld, weil der einstige Vorzeigekonzern nach fünf Fiorina-Jahren immer noch ein Konglomerat ohne Richtung ist.


Carly Fiorina: Der sonst eher zurückhaltende britische "Economist" bezeichnet HP inzwischen als riesig, schwächlich und verwirrt
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Carly Fiorina: Der sonst eher zurückhaltende britische "Economist" bezeichnet HP inzwischen als riesig, schwächlich und verwirrt

Hamburg - Auf der jährlichen Technologiekonferenz der Banc of America diente Carleton "Carly" Fiorina den versammelten Profi-Investoren ein vermeintlich todsicheres Ding an: die HP-Aktie Chart zeigen. "Im Technologiesektor ist HPQ ein Schnäppchen" jubelte die Vorstandschefin. Damit bewies die Texanerin wieder einmal Chuzpe. Denn dass die HP-Aktien seit ihrem Amtsantritt Mitte 1999 mehr als 60 Prozent ihres Wertes verloren hat, dürfte vor allem das Resultat ihrer verfehlten Strategie sein.

Als sie in die Konzernzentrale in Palo Alto wechselte, war es Fiorinas erklärtes Ziel, den angeschlagenen Technologieriesen wieder in ein Vorzeigeunternehmen zu verwandeln. HP Chart zeigen, so die resolute Managerin seinerzeit, dürfe der Branche "nicht hinterherlaufen, sondern muss führen". Geblieben ist von dieser hehren Vision im fünften Jahr nach Fiorinas Amtsamtritt wenig. HP hechelt in fast allen Bereichen einem besser aufgestellten Platzhirsch hinterher: Bei Personalcomputern und Servern liegt Dell Chart zeigen vorne, bei Speicherprodukten EMC, bei Dienstleistungen für Geschäftskunden IBM Chart zeigen. Nur im Druckergeschäft dominiert HP - die ergebnisstarke Sparte hält den Gesamtkonzern bisher noch über Wasser.

Zwar sind HPs Konkurrenten grundverschieden, gemeinsam ist ihnen aber, dass sie sich auf eine klare Strategie konzentrieren, zum Beispiel "Hauptsache billig" (Dell) oder "Alles auf 'on demand' ausrichten" (IBM). Fiorinas HP hingegen hat sich verheddert. Ursprünglich wollte die Managerin den unter ihrem Vorgänger Lew Platt an den Rändern arg ausgefransten Konzern auf einige Kerngeschäftsfelder fokussieren und eine einheitliche Organisationsstruktur schaffen. Stattdessen ist HP unter Fiorina ein unübersichtliches Konglomerat geworden. "Das ist nicht eine, das sind mindestens drei Organisationen, die sehr autonom sind", urteilt Andy Butler von der Technologieberatung Gartner. "Es gibt Serverland, Printerland und PC-Land - und alle haben unterschiedliche Strategien."

Defizite allerorten

Wie schwer diese dreiköpfige Hydra zu zähmen ist, zeigte sich im vergangenen Monat, als Fiorina einen sinkenden Quartalsgewinn melden musste und erneut die Erwartungen der Wall Street verfehlte. Dell Chart zeigen hatte für den gleichen Zeitraum ein Ergebnisplus von 29 Prozent gemeldet, IBM eines von 17 Prozent. Eine zerknirschte Fiorina musste daraufhin zugeben, dass es "Probleme in der Ausführung" gegeben habe - viele Kunden hatten wochenlang auf bestellte Server warten müssen. Fiorina feuerte daraufhin drei Topleute fristlos, darunter auch Europachef Kasper Rosted. Im San Francisco gelobte die Managerin gestern, dass inzwischen sämtliche Lieferprobleme beseitigt seien.

Besonders dramatisch sind HPs Probleme im Servermarkt sowie im Geschäft mit Speicherelementen. Letzteres war das Kronjuwel des Computerherstellers Compaq, den Fiorina nach einer schwierigen Übernahmeschlacht im Jahr 2002 übernommen hatte. Die fusionierte HP-Compaq-Speichersparte ist nach Meinung von Analysten nur noch zweitklassig. Mindestens sechs von Fiorinas Topmanagern sahen das genauso und haben sich in den vergangenen Monaten zum Branchenprimus EMC abgesetzt. Auch der PC-Division hat der Zusammenschluss mit Compaq nicht geholfen: Die Computersparte ist größer geworden, aber kaum profitabler.

Und jetzt Fernseher

HPs iPod-Klon, Kopisten statt Innovatoren
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HPs iPod-Klon, Kopisten statt Innovatoren

Fiorina glaubt indes weiter an den extrabreit aufgestellten Konzern. Auf dem gestrigen Analystenmeeting sagte sie, für das kommende Jahr laufe alles nach Plan. Eine Aufspaltung HPs in kleinere, handlungsfähigere Einheiten, wie sie etwa Analyst Steve Milunovich von Merrill Lynch Chart zeigen immer mal wieder fordert, lehnt Fiorina kategorisch ab.

Stattdessen agiert die Managerin weiterhin nach dem "Viel hilft viel"-Prinzip. Statt sich zunächst um ihre defizitären Geschäftsfelder zu kümmern, verkündete Fiorina kürzlich auch noch den Einstieg in das Geschäft mit Verbraucherelektronik. HP (Konzernslogan: "Invent") bietet seit Monatsbeginn einen Klon des beliebten MP3-Players iPod von Apple Chart zeigen an. Wesentlicher Unterschied zum Original: Unter die Plastikverkleidung des HP-Geräts kann man bunte Papierschnipsel stecken. Warum Konsumenten die Kopie von HP dem Original von Apple vorziehen sollten, bleibt unklar. Zudem will Fiorina demnächst HP-Fernseher mit Flachbildschirmen anbieten - eine Idee, auf die ihr Konkurrent Michael Dell freilich bereits vor gut 18 Monaten gekommen ist. Carly wird sich wohl erneut eine blutige Nase holen.



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