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Treuhand Hier in Absurdistan

Ein gefeierter Investor sitzt in Haft, der Staatsanwalt hält ihn für einen Subventionsbetrüger.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Erst stellte Kurt Mayer, 51, seine buschigen Augenbrauen hoch, dann folgte die Eruption: »Das ist eine ungeheure Lüge«, polterte er entrüstet los, »so groß wie ein Berg.«

Niemand könne ihn einen Betrüger nennen. Und wer es doch tue, so der bullige Chef der Maschinenfabrik Sangerhausen am Mittwoch vergangener Woche, »der kriegt einige Problemchen«.

Wenige Minuten später hatte Mayer ein Problem: Ein 30 Mann starkes Rollkommando der Polizei holte ihn vom Schreibtisch weg; seither sitzt er in Halle in Untersuchungshaft. Die Vorwürfe lauten auf Betrug, Untreue und Geldwäsche.

Der gefeierte Investor (Die Welt: »Das Wunder von Sangerhausen") hatte das Unternehmen vor drei Jahren völlig entschuldet übernommen. Seitdem dürfte er verschiedene Banken, die Treuhand und das Land Sachsen-Anhalt um weit mehr als 100 Millionen Mark gebracht haben.

Für die Samag, die mit rund 1200 Mitarbeitern Umwelttechnik und Anlagen für Zuckerfabriken baut, wurde die Gesamtvollstreckung beantragt. »Wir werden Auffanglösungen unterstützen«, ließ Ministerpräsident Christoph Bergner (CDU) zwar eilig aus Magdeburg verbreiten. Ein Investor für das gesamte Unternehmen, dem größten Arbeitgeber in der Region, ist aber nicht in Sicht.

Für die Landesregierung ist die Millionenpleite des Südtirolers besonders peinlich. Denn obwohl das Desaster lange absehbar war (SPIEGEL 17/1992), hatte Bergners Kabinett den als Choleriker bekannten Mayer noch bis zuletzt gestützt. Vor den Wahlen sollte es in der Krisenregion am Rande des Harzes keinen Skandal geben.

Noch im März, als die Samag schon mit Lohnzahlungen im Verzug war, zeichnete das Land eine Bürgschaft von über zehn Millionen Mark, ohne ausreichende Prüfung und vorbei am Finanzausschuß. Kommentar eines Beamten: »Wir sind hier in Absurdistan.« Eine weitere Bürgschaft über 27 Millionen blieb der Landeskasse möglicherweise deshalb erspart, weil sich die Banken sperrten.

Versickert sind auch 43,6 Millionen Mark Fördermittel. Obwohl angegebene Investitionen in Höhe von 189 Millionen bis heute nicht nachgewiesen sind, zahlte Magdeburg der Samag das Geld schon 1992 komplett aus - quasi eine Einladung zum Subventionsbetrug.

Die chronisch finanzschwache Samag beglich mit dem Staatsgeld offenbar auch laufende Rechnungen. Alles sei korrekt gelaufen und »von A bis Z belegt«, beteuert dagegen Mayer.

Die Ermittler der Staatsanwaltschaft Halle, die gut zwei Transporterladungen Akten beschlagnahmten, trauen dem Tiroler kaum noch. Oberstaatsanwalt Folker Bittmann: »Da gibt es ungeheuer viele Merkwürdigkeiten.«

Seine Leute ermitteln schon seit vergangenem Herbst gegen Mayer. Damals war ein Kollege aus dem norditalienischen Rovigo an die Saale gereist, mit der Bitte um Amtshilfe. Die Behörden dort glauben, daß Mayer in Geldwäsche-Geschäfte verwickelt ist.

Auch eine der zahlreichen Geschäftsbanken der Samag informierte die Behörden über »ungewöhnliche Einzahlungen« (Bittmann) aus dem Ausland. Für eine Anklage reichten die Indizien aber nicht aus: »Dazu müßten wir beweisen, aus welcher Straftat das Geld stammt.«

Gestolpert ist Mayer nun über ein vermutlich krummes Geschäft mit der Bayerischen Landesbank: Er soll den Bankern mit gefälschten Papieren angebliche Auslandsforderungen verkauft haben. Der Schaden wird auf rund 30 Millionen Mark beziffert.

Auch den kurzfristig inhaftierten Leiter der Sparkasse Sangerhausen soll Mayer hereingelegt haben. Der Samag-Chef habe, so Bittmanns Verdacht, »ein Scheckkarussell« aufgezogen. Mit Doppelbuchungen in Millionenhöhe seien die Umsätze und damit auch die Kreditlinie hochgetrieben worden.

Die Samag war von Anfang an, selbst mit den vermuteten Millionen aus dunklen Kanälen, ein mächtiges Zuschußgeschäft. Allein die Personalkosten summierten sich in den drei Jahren nach Kauf des Unternehmens auf wenigstens 120 Millionen Mark. Dazu will Mayer »über 134 Millionen Mark investiert« haben.

»Wir haben uns oft gefragt, wie der das bezahlt«, räumt ein Betriebsrat heute ein. Nennenswerte Geschäfte wurden kaum abgewickelt. Auf dem Hof stehen schon seit Monaten Dutzende großer Zentrifugen, für die noch Antrieb und Steuerung fehlen.

Dabei protzte der selbsternannte Sanierer ständig »mit vollen Auftragsbüchern«. Allein mit Rußland und Kasachstan habe er sichere Verträge über fast 450 Millionen Mark in der Tasche. Doch Belege bleibt der Mann mit dem wirren Haarschopf bis heute schuldig.

Auch seine Anlagen zur Sanierung von verseuchten Böden und Reinigung vergifteter Gewässer sind offenbar ein Flop. Dabei hatte Mayer der Belegschaft schon vor zwei Jahren verkündet, 14 Stück der je rund 30 Millionen Mark teuren Apparaturen verkauft zu haben.

Bei der Treuhand Halle glaubt niemand mehr an die vorgeblichen 200 Millionen Mark Umsatz im vergangenen Jahr. »Wir hoffen mittlerweile«, sagt Niederlassungsleiter Karl-Heinz Rüsberg, »daß die Samag überhaupt Aufträge hat.«

Am 30. Juni werden 14 Millionen für das Betriebsgelände fällig. Die Treuhand hatte sich im Kaufvertrag eigens eine Sicherung eingebaut. Doch der windige Mayer interpretierte den Passus etwas um.

Er ließ wie vereinbart eine Grundschuld in Höhe von 30 Millionen Mark auf die Immobilie eintragen - allerdings nicht zugunsten der Treuhand, sondern auf die Samag. »Das Grundbuch«, so ein Treuhand-Mitarbeiter, »ist natürlich längst dicht.« Y

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