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»Hier Kommt der schlimme Finsterling«

SPIEGEL-Redakteur Peter Bölke über den Publizisten und Anlageprofi Paul C. Martin *
Von Peter Bölke
aus DER SPIEGEL 34/1984

Und jetzt, kündigt der Referent in der vierten Stunde seines Seminars an, jetzt werde er den Damen und Herren mal sagen, was zur Zeit die beste Geldanlage sei. Na endlich - das ist doch genau das, was sie alle von Paul C. Martin hören wollen.

»Die beste Anlage«, teilt Martin mit, »ist Bargeld.« Wertpapiere verkaufen, alle Konten bei der Bank plündern, die Scheine schön bündeln und in den Safe tun - »ready cash«, das ist es.

Einem älteren Herrn im feingestreiften Anzug fällt der Kugelschreiber ins Mineralwasser, sein Nachbar zieht pfeifend die Luft durch die Zähne. Viele starren den Redner an, als hätte er gesagt, die Russen kommen.

So ist er, der PCM, immer für eine Überraschung gut. Seit gut einem Jahrzehnt predigt er »Gold schlägt Geld« (Titel seines ersten Bestsellers), im vergangenen Jahr hieß es dann »Sachwert schlägt Geldwert« (Buchtitel). Nun muß es cash sein, Geld schlägt Gold.

Geld nämlich wird knapp, es gibt eine Deflation, ehe es zum großen Krach kommt. Da muß der Anleger mit ein paar großen Scheinen beweglich bleiben.

Der ältere Herr hat seinen Kugelschreiber inzwischen wieder trockengelegt und schreibt sich das alles auf. Seine Nachbarn nicken.

Das ist das Faszinierende an Paul C. Martin: Er hat ja immer irgendwo ein bißchen recht, auch wenn er bisweilen groben Unfug treibt.

Martin, 44, ist Journalist oder, wie er selbst sagt, »Deutschlands profiliertester Wirtschafts-Publizist«. Schwer zu sagen, ob das nun ein bißchen mehr oder ein bißchen weniger als ein Journalist ist. Auf jeden Fall ist es etwas anderes, und diese Distanz bekommt wohl beiden Seiten gut.

Er ist Volkswirt, und einen Doktor hat er auch. In der schreibenden Zunft ist er ein Exote - mit einem beeindruckenden Talent für Vereinfachung und einem Hang zur derben, flapsigen Sprache.

Oft geht dabei die Phantasie, über die Martin in reichem Maße verfügt, mit ihm durch. So empfahl er den Amerikanern im Juli 1979, die Ölfelder des Nahen Ostens zu besetzen: »Das Kriegsrisiko ist minimal« - das würde die Freiwillige Feuerwehr von Tulsa/Oklahoma schaffen.

Den Prozeß wegen Aufhetzung zum Angriffskrieg hat der stramme Publizist im Juli 1980 ganz locker überstanden: Er wurde freigesprochen, das Gericht berücksichtigte seine Neigung zu »überspitzten Formulierungen«.

In seinen regelmäßigen Kolumnen für die »Welt am Sonntag« streitet Martin seit Jahren für die ganz freie Marktwirtschaft ("sozial ist die dann von selbst") und höhnt über die Dummheit der Politiker, die PCM noch immer nicht begriffen haben. Da legt er sich besonders gern mit den »Sozen« an, mit Hamburgs Bürgermeister von Dohnanyi ("Ersatz-Schmidtchen") oder den »großartigen Gestalten aus dem Finanzbereich«, den früheren SPD-Ministern Hans Apel, Hans Matthöfer, Manfred Lahnstein.

Aber der neue Kurs in Bonn ist Martin auch nicht recht. »Wende? Da kann man doch nur lachen«, schrieb er im Juli vergangenen Jahres. »Was die ökonomisch ahnungslose Bonner Riege mit ein paar Nenn-Marktwirtschaftlern vorneweg einstweilen bastelt, ist nur ein stärkerer Motor - um die Fahrt in den Orkus zu beschleunigen.«

Es ist wohl sehr schwer, in seinen Augen zu bestehen. Selbst die großen Denker werden ganz schnell als Nonvaleurs entlarvt: Aristoteles »faselt dummes Zeug«, bei Platon »geht alles wie Kraut und Rüben durcheinander«, Rousseau machte leider schwere »Denkfehler«.

Und dann erst die Gelehrten der Ökonomie - die haben alle nichts begriffen. John Maynard Keynes verbreitet »Quatsch«, Milton Friedman hat »keine Ahnung«.

So schreibt Paul C. Martin notgedrungen ein Buch nach dem anderen, um den Menschen zu sagen, was Sache ist. Einer muß doch recht haben, und das kann - so liest es sich immer wieder in seinen Büchern, die zu Zigtausenden gekauft werden - nur Paul C. Martin sein.

Da ist es fast schon ein wenig rührend, wenn der durch Anecken profilierte Publizist sich fragt, »warum mir manchmal blanker Haß entgegenschlägt«. Aber dieser Hauch von Naivität macht sicher auch einen Teil seines Charmes aus.

Was Martin an den faselnden Ökonomen vor allem stört, ist die Tatsache, daß sie »so weit von der freien Wirtschaft entfernt« seien, »wie man nur von ihr entfernt sein kann«. Da sei »buchstäblich kein einziger, der in bezug auf den Gegenstand, über den er etwas zu wissen behauptet, nämlich das private Wirtschaften, irgendeinen dauerhaften Lebenserfolg vorweisen könnte«. Versager sind das also auch noch.

Und das, in der Tat, kann dem Ökonomen Martin niemand vorwerfen. Er ist nicht nur fleißig, sondern auch erfolgreich.

Martin liefert Kolumnen für die »Welt am Sonntag« und Beiträge für »Bild am Sonntag«, er schreibt für »Playboy« und »Penthouse«, produziert dicke Bücher und gibt einen Informationsdienst ("basis")

der Consulta AG heraus, die Kapital für steuersparende Anlagen einsammelt. Er verfaßt Anzeigentexte und Geschäftsberichte, diskutiert auf Werbeveranstaltungen der Consulta und auf Investment-Kongressen.

Andere denken nur über das Geld nach. Martin weiß auch, wie man drankommt.

»Ich kann mit der Sprache umgehen«, sagt der Publizist. »Ich verkaufe Texte, und die werden bezahlt.«

Ganz so einfach ist es natürlich nicht, wie ja überhaupt der Mensch und Ökonom Paul C. Martin nicht einfach ist. Er verkauft nicht nur Texte, sondern immer auch sich selbst.

Er ist ein hervorragender Entertainer. Seine zweitägigen Wochenend-Seminare in Frankfurt oder Hamburg, in Essen oder Düsseldorf sind meist ausgebucht. Seine Anhänger erwarten eine gute Show und ein paar hilfreiche Tips ("Wie bringe ich mein Vermögen in Sicherheit?") - und Martin liefert.

»Hier kommt der schlimme Finsterling«, sagt Martin fröhlich, wenn er mit langen Schritten zum Seminarbeginn vor seine 50 Zuhörer tritt. Eine Hand in der Jackentasche, in der anderen das mobile Mikrophon, läuft er zwischen den Hörern umher, um sein Garn vom unvermeidlichen großen Crash zu spinnen: »Lassen Sie alles, was Sie wissen, einfach liegen - Sie bekommen jetzt ein Intensiv-Training in Ökonomie.«

Seine Botschaft ist klar und läßt keine Zweifel aufkommen: Die Staaten dieser Welt - insbesondere die Industrienationen des Westens - sind so hoffnungslos verschuldet, Zins und Zinseszins türmen sich in so schwindelnde Höhen, daß es keine Hoffnung mehr gibt: Der große Crash steht unmittelbar bevor - die Banken krachen, die Sparer sind die Dummen, die Staaten brechen zusammen.

Wenn er auf die »Nichtskönner von der SPD« und die Bankiers schimpft, die das alles verbrochen haben, wenn er über die Gewerkschaften spottet, die für die »30-Stunden-Woche bei doppeltem Lohnausgleich« eintreten - dann kommt der Prediger des ungehemmten Kapitalismus so recht in Fahrt.

»Können Sie ein paar Phon leiser sprechen?« fragt schüchtern ein alter Herr. Selbstverständlich, auch das kann er.

Er will ja überzeugen. Die »große Nummer«, die zur Zeit laufe, hätten die meisten nämlich noch gar nicht begriffen: Der Staat ist pleite, er geht seiner Auflösung entgegen. Rette sich, wer kann. Amen.

Die gebannten Zuhörer nicken beifällig. Die Gemeinde Sankt Martin vom Gelde ist sich einig.

»Der Mann«, sagt Harald Jürgensen, Wirtschaftsprofessor an der Universität Hamburg, »versetzt die Leute in Angst und Schrecken, damit sie seine Bücher kaufen.« Martins Schlußfolgerungen zum ernsten Problem der Staatsverschuldung seien nicht wissenschaftlich untermauert, alle Prophezeiungen über einen Crash zu einem bestimmten Zeitpunkt seien unseriös.

Jürgensen war im Mai auf einem Investment-Congreß in München mit Martin aneinandergeraten. Der Crash-Prophet hatte daraufhin vorgeschlagen, an der Hamburger Uni zu referieren: »Ich war schließlich mal Repetitor.« Das wird nun vor einem ausgewählten Kreis älterer Semester gegen Jahresende geschehen - »nicht, weil ich Martin zu neuem Ruhm verhelfen will«, sagt Jürgensen, »er soll nur nicht behaupten dürfen, ich hätte Angst, mich ihm zu stellen«. Im übrigen könnten seine Studenten von Martins »effektvollem Umgang mit Tatsachen ja auch was lernen«.

Paul C. Martin wird es genießen. Er sei doch, beteuert er, gar kein Prophet des Untergangs. Er möchte den Leuten nur helfen, den Crash leidlich zu überstehen, damit sie hinterher friedlich und vernünftig miteinander leben könnten.

Ein Mahner will er sein - »wie diese Figur im Bambi-Film: Klopfer der Hase, der mit den Läufen trommelt, um die anderen Tiere zu warnen, daß der Wald brennt«.

Fürs Geld jedenfalls trommle er bei seinen Seminaren nicht, auf die 750 Schweizer Franken, die jeder Teilnehmer nach Zürich überweist, sei er nicht angewiesen. »Ich bin ein unabhängiger Mann«, sagt Martin, »ich tue nur das, wovon ich überzeugt bin.«

Die lässige Haltung zum Geld ist so ganz allmählich - mit steigenden Einnahmen - gewachsen. »Ich will schnell ans große Geld«, pflegte Martin früher oft zu sagen. Er war damals noch nicht freier Publizist, sondern - zusammen mit Claus Jacobi - Chefredakteur der »Wirtschaftswoche«.

Inzwischen hat PCM die erste Million längst geschafft, da sieht er das alles nicht mehr so verbissen. Seine Bücher verkaufen sich - nach dem Hit »Gold schlägt Geld« - bestens. »Wann kommt der Staatsbankrott?« (erschienen im Oktober 1982) hat inzwischen eine Auflage von 78 000 erreicht, »Sachwert schlägt Geldwert« (August 1983) in dritter Auflage 57 000. Das neueste Werk ("Die Pleite") kommt in diesen Tagen auf den Markt.

Der erfolgreiche Klopfer hat es nun auch nicht mehr nötig, einen auffälligen roten De Tomaso zu fahren, sondern begnügt sich mit einem Daimler 280 SE. Vor acht Jahren ist er nach Zürich gezogen ("Da sind die Leute unverkrampfter und freundlicher"), wo er mit Frau und drei Kindern zur Miete wohnt, frühmorgens um vier aufsteht, selten ausgeht und überhaupt »ganz bescheiden« lebt.

Viel Geld gibt er nur für sein Hobby aus, eine Sammlung finanzhistorischer Dokumente: Erstausgaben berühmter Ökonomen, frühe Börsendokumente bis hin zu Curiosa wie einem Scheck von Ernest Hemingway oder einem Brief von

Bismarck an dessen Bankier Bleichröder.

Den Grundstock für sein Vermögen will Martin zu Beginn der siebziger Jahre gelegt haben: Er kaufte auf Anraten des Goldnarren Franz Pick ("ein Mann, der aussah wie Ari Onassis, ein österreichischer Jude") zehn Kilo Gold zu 35 Dollar die Unze. Die zehn Kilo, die damals knapp 50 000 Mark kosteten, sind heute rund 320 000 Mark wert.

Natürlich gingen nicht alle Geschäfte so glatt. Auch Martin hat später so manches Kilo Gold oder Silber zu teuer eingekauft und bei mancher Aktie viel Geld verloren.

Aber sich selbst blieb er immer treu: Knallhart legte er sich stets auf präzise Prognosen fest - immer wieder neue.

Im März 1974 riet PCM dem damaligen »Stern«-Chefredakteur Henri Nannen öffentlich, eine Hypothek auf seine Yacht »Positano III« aufzunehmen und dafür Gold zu kaufen. Der Preis für eine Unze lag bei 165 Dollar; vier Monate später war er auf 130 Dollar gesackt.

Im Sommer 1980 prophezeite Martin, daß der US-Dollar auf eine Mark fallen würde. Im nächsten Frühjahr war Martin schon überzeugt, daß der Dollar auf drei Mark steigen werde.

Papperlapapp, würde Klopfer der Hase dazu sagen, irren kann sich jeder mal, wenn er nicht immer nur das übliche Wischiwaschi verbreitet. Das meint wohl auch seine treue Gemeinde. Denn die verzeiht ihm offenbar sogar einen ganz ärgerlichen Kunstfehler: daß nämlich der angeblich unabhängige Meister des Wortes seine journalistische Tätigkeit nahtlos mit geschäftlichen Interessen zu verbinden pflegt.

So empfahl Martin am 1. März 1981 in der »Welt am Sonntag«, die Deutschen sollten doch ihr Geld in US-Wohnungen anlegen. Für das größte Objekt gab der Kolumnist auch gleich die richtige Kontaktadresse in Deutschland an - und das war die Adresse der Kölner Consulta, die den Schreiber für die Herausgabe des Informationsdienstes »basis« bezahlt.

Zwei Jahre zuvor hatte er in der gleichen Zeitung Land in den USA angepriesen ("Als Boss von Cowboys nach Wild-West"). Interessenten wurden unter anderem auf die Firmen eines Josef Huber verwiesen. Mit der Huber Treuhand AG in Zürich arbeitete Martin gut zusammen. Huber und PCM gründeten auch zusammen eine Firma.

Ganz stark machte sich Martin dann im November 1981 für einen besonders interessanten Partner: den »Genfer Börsen-Kenner Kurt Oligmüller«. Es wurde PCMs peinlichster Flop.

Die Chefredaktion der »Welt am Sonntag« ("WamS") muß im Urlaub gewesen sein, als Kolumnist Martin den Wirtschaftsteil mit mehreren ausführlichen Beiträgen über »Oligmüllers System« füllte. Oligmüller behauptete, er könne die Kurse von US-Aktien mit Hilfe eines Kleincomputers, eines selbstgesägten Plastik-Dreiecks (Martin: »ein Unikat") und eines Zirkels vorausberechnen - und der spekulationsfreudige Publizist zeigte sich überzeugt.

Martin sei Börsenprofi, hieß es im Vorspann des ersten PCM-Artikels über das erstaunliche System. »Er kennt alle Formen der Geldanlage und jede Möglichkeit der Kurs-Analyse. Und eines wußte er ganz genau: Börsenkurse kann man nicht berechnen. Doch dann traf er Kurt Oligmüller ...«

Fünfzehn Monate später erschoß sich der Genfer Börsen-Spinner, nachdem er - keiner weiß es genau - 50 bis 100 Millionen Mark seiner naiven Anleger verjuxt hatte. Er selbst, so Martin, habe bei Oligmüller viel Geld verloren.

»Es bringt einen fast um den Verstand«, sagt Consulta-Chef Erwin Walter Graebner (Branchenkürzel: EWG) über seinen Geschäftspartner Martin, »was der alles glaubt.«

Trotzdem läßt EWG auf seinen PCM, der im »basis«-Dienst auch immer fleißig die Consulta-Objekte propagiert, nichts kommen. Es imponiere ihm, wie Martin vieles aus Überzeugung tue, nicht für Geld. Und überdies könnten seine Thesen »so irrsinnig sein, daß man die Luft anhält - interessant sind sie immer«.

Energisch bestreitet Graebner auch, daß Martin Provision bekomme, wenn er in ganz persönlich gehaltenen Werbeschreiben ("Ich selbst habe mich für eine Beteiligung entschieden") für eine Consulta-Immobilie wirbt.

Martin selbst sagt zum Thema Provisionen: »Nicht eine Mark«. Das ist das Rätselhafte an dem Mann - warum ließ er sich diese prachtvolle Chance entgehen, schnell ans große Geld zu kommen?

»Ich verkaufe doch nichts, nur die Wahrheit«, sagt Martin und guckt ganz ernst.

Auch beim direkten Kontakt mit seinen Fans, in den Seminaren etwa, bleibt Martin stets der Analytiker, der mit dem profanen Geschäft offenbar nichts zu tun hat. Ein paar Wochen später allerdings kann der Seminar-Teilnehmer schon mal einen Brief aus Zürich bekommen: Sofort und umgehend möchte er doch die Details für den Erwerb einer Rendite-Immobilie in der Schweiz besprechen. Mit freundlichem Gruß - Paul C. Martin.

Das sind dann gewiß wieder solche Sachen, von denen der Paul C. Martin ganz fest überzeugt ist. Aus welchem Grunde sollte er wohl sonst Immobilien anbieten?

Er verkauft doch nichts, nur die Wahrheit. _(Am 9. 7. 1980 in Köln, wo er von dem ) _(Vorwurf freigesprochen wurde, er habe ) _(zum Angriffskrieg gegen die Ölfelder im ) _(Nahen Osten aufgestachelt. )

Am 9. 7. 1980 in Köln, wo er von dem Vorwurf freigesprochen wurde,er habe zum Angriffskrieg gegen die Ölfelder im Nahen Ostenaufgestachelt.

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