Hightech-Fabrik Dresden gewinnt das 100-Millionen-Dollar-Rennen

Bildschirme, biegbar wie Papier, designt wie ein Buch: Diese Hightech-Erfindung soll in Dresden in Produktion gehen - in einer neuen, einzigartigen Fabrik. Ein britischer Investor fand den Standort Sachsen im globalen Vergleich am attraktivsten.

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Hamburg - Die Begeisterung in Dresden ist groß. "Monatelang", sagte Wirtschaftsbürgermeister Dirk Hilbert (FDP), habe die Stadt um die Ansiedlung der Briten geworben. Zuletzt konnten die Sachsen auch den letzten Konkurrenten, Singapur, ausstechen. Die Zahl der neuen Arbeitsplätze, die der britische Investor Plastic Logic schaffen will, ist mit 140 zwar verhältnismäßig gering. Dafür hofft Hilbert aber auf weitere Stellen in der Zulieferindustrie. "Da geht es locker um den Faktor drei", sagte Hilbert zu SPIEGEL ONLINE. Auch der sächsische Wirtschaftsminister Thomas Jurk (SPD) sprach von einem großen Erfolg: "Der Mikroelektronikstandort Sachsen spielt weltweit in der ersten Liga mit."

Elektronisches Buch: Die Displays von Plastic Logic lassen sich wie Papier biegen

Elektronisches Buch: Die Displays von Plastic Logic lassen sich wie Papier biegen

Der Bau der Fabrik beginnt noch im ersten Halbjahr 2007, im kommenden Jahr soll die Produktion anlaufen. Pro Jahr will das britische Unternehmen mehrere Millionen Plastik-Displays fertigen. Die Teile sind die entscheidende Komponente für flexible Bildschirme. Mit diesen soll man Bücher und Zeitungen in elektronischer Form lesen können. "Unsere Displays sind so bequem und natürlich wie echtes Papier", sagte John Mills, Vorstand bei Plastic Logic. Die Batterie des Geräts soll für mehrere tausend Seiten Text reichen.

Schätzungen zufolge wird der weltweite Markt für Plastikelektronik bis 2015 ein Volumen von 30 Milliarden Dollar erreichen. Plastic Logic sieht sich dabei selbst als Branchenführer. Das Unternehmen mit rund 60 Mitarbeitern entstand im Jahr 2000 als Ausgründung der Cambridge-Universität. Für die Investition in Dresden wurden Kapitalgeber wie die Bank of America Chart zeigen, Intel Chart zeigen oder BASF Chart zeigen gewonnen. Nach Unternehmensangaben handelt es sich um eine der größten Risikokapital-Finanzierungen in der europäischen Geschichte.

Für Dresden bedeutet die Investition einen weiteren Ausbau der regionalen Mikroelektronikbranche. Nach der Erweiterung der bestehenden Chipfabrik von AMD Chart zeigen in diesem Jahr werden hier insgesamt 9000 Mitarbeiter beschäftigt sein. Die Investitionen der Branche in der Region belaufen sich auf neun Milliarden Euro, allein bei AMD sind es 4,7 Milliarden Euro. Während AMD vor allem Prozessoren herstellt, fertigt Infineon Chart zeigen Logikchips, bei Qimonda sind es Speicherchips. Daneben gibt es im nahe gelegenen Freiberg weitere Mikroelektronikunternehmen mit einem Investitionsvolumen von 900 Millionen Euro. Hier sollen in den kommenden Jahren insgesamt 2000 Arbeitsplätze entstehen. Nach Angaben des sächsischen Wirtschaftsministeriums macht die Mikroelektronik sieben Prozent des Umsatzes im verarbeitenden Gewerbe des Freistaats aus.

Die Branche legte schon zu DDR-Zeiten los

Bürgermeister Hilbert zufolge ist Dresden der "einzige Standort in Europa, wo eine größere Massenproduktion" stattfindet. Er führt das auf das Know-how zurück, das schon zu DDR-Zeiten gesammelt wurde. In den sechziger Jahren wurde hier das Zentrum Mikroelektronik Dresden (ZMD) gegründet - ein Vorläufer der modernen Chipindustrie. "Wir haben sehr gute Fachkräfte", sagte Hilbert.

Auch unabhängige Experten rühmen den Standort Dresden. "Die Zulieferer in der Region haben sich auf die Bedürfnisse der Branche spezialisiert", erklärt Martin Rosenfeld vom Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH). Auch die Zusammenarbeit mit Forschungseinrichtungen und Hochschulen funktioniere gut. "Außerdem ist Dresden eine attraktive Stadt, in der qualifizierte Mitarbeiter gerne wohnen." Das unterscheide den Standort beispielsweise von Frankfurt an der Oder, wo Pläne für eine Chipfabrik kläglich gescheitert waren.

Eines vermisst Rosenfeld in Sachsen jedoch: die umfassende Weiterverarbeitung der mikroelektronischen Produkte. Computer und andere elektronische Geräte werden schließlich überwiegend andernorts produziert. "Ohne Elektroindustrie ist die Wertschöpfungskette aber nicht komplett", konstatiert der Wissenschaftler. "Hier muss Sachsen noch auf Ansiedlungen hoffen."



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