Zur Ausgabe
Artikel 31 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

PROGNOSEN Himmlische Zeichen

Ein Astrologe weist deutschen Unternehmern den Weg in die Zukunft. Das Geschäft blüht. *
aus DER SPIEGEL 37/1985

Da hat er nun Philosophie, Ökonomie und auch Alchemie durchaus studiert. Und jetzt spielt der Philosoph in seinem Keller am Computer. Von dort aus guckt er auf die Sterne.

Das bringt ordentlich was ein. Der Dr. phil. Gerhard Lenz, 41, aus dem hessischen Wetter ist Astrologe, spezialisiert auf die Fachgebiete Börsen, Wirtschaft und Finanzen. Sein Türschild weist ihn als Angehörigen einer blühenden Branche aus: »Unternehmensberatung«. An Kundschaft jedenfalls scheint es

dem Dr. Lenz aus Wetter nicht zu mangeln.

Manche Manager bitten dringlich um ein Horoskop für die Zukunftsaussichten ihrer Firma. Andere suchen Rat, ob sie in Brasilien investieren oder mit den Chinesen Handel treiben sollen. Einige Spekulanten wiederum wollen wissen, was aus Gold und Dollar, aus Aktien oder Zinsen wird.

Auf all das liest Lenz eine passende Prognose aus dem Lauf der Gestirne. Zu einem angemessenen Preis: Für »Firmen-Kosmogramme« beispielsweise dürfen gläubige Unternehmer »ab 1000 Mark aufwärts« berappen. Guter Rat ist eben teuer.

»Je unsicherer die Zeiten, je komplexer die Entscheidungen«, ahnt der hessische Philosoph, »desto eher sucht man Orientierungshilfen.« Lenz ist sicher, »daß weitaus mehr Leute den Astrologen beiziehen, als man annimmt«.

Das war wohl schon immer so, seit babylonische Priester die Sternendeuterei zur Profession erhoben hatten. Der böhmische Feldherr Wallenstein glaubte ebenso an himmlische Zeichen wie der französische Staatsmann Richelieu. Auch die Päpste Julius II., Paul III. und Leo X. trauten den Kräften der Gestirne.

Die Attraktion der Sterndeuterei hat bis heute nicht nachgelassen, im Gegenteil. Etwa 54 Prozent aller Deutschen lesen regelmäßig ein Horoskop. Etliche Prominente leisten oder leisteten sich einen Haus-Astrologen: die Schauspielerin Hildegard Knef, der Modezar Karl Lagerfeld, »Bild«-Erfinder Axel Springer und Anlage-Schwindler Heribert Rödel. Letzterer freilich sitzt jetzt im Knast, weil er ausnahmsweise einmal nicht auf seine Astrologin hören mochte. Das ist die Strafe.

Ökonomische Orakel waren stets besonders beliebt. Hatte nicht schon jener Josef in Ägypten treffsicher sieben fette und sieben magere Jahre geweissagt? Konnte nicht der britische Nationalökonom William Stanley Jevons bereits im 19. Jahrhundert einen Zusammenhang zwischen Sonnenflecken und Weizenpreisen nachweisen? Astrologe Lenz schließt nahtlos an.

In modernen Zeiten geht das ganz einfach. Sonne, Mond und Sterne sind im Computer gespeichert. Das »Ereignis«, etwa die Geburt der Deutschen Mark am 18. Juni 1948 um 20 Uhr in Frankfurt am Main, wird eingetippt. Schon spuckt der Kleinrechner seitenlange Graphiken mit vielen Kringeln und Kreuzen aus. Besondere Punkte markiert Lenz mit bunten Filzschreibern.

Die Analyse ist für den Profi eher simpel. Im Horoskop für die Mark »ist die Konjunktion von Sonne und Uranus im Zeichen Zwillinge sehr positiv zu bewerten«, meint der Astrologe. »Die Opposition der Gestirne zum Jupiter zeigt die zunehmende Bedeutung der Währung in der Weltwirtschaft an.« Wer wollte daran zweifeln?

Die Prognose ist freilich schwieriger. So sagte Lenz im vergangenen Jahr voreilig voraus, der Kurs des Dollar werde 1984 »zwischen annähernd 2,60 und 2,85 Mark in der Spitze schwanken«. Der Kurs der Mark war aber keineswegs so stabil. Der Dollar lag schon im September über drei Mark.

»Das System hat Grenzen«, gibt der Astrologe derartige Mißgriffe sofort zu, »es klappt nicht alles.« So wartet er auch in diesem Jahr immer noch auf das angekündigte »Hoch im Goldpreis« und auf »Zinssteigerungen in den Sommermonaten«. Keineswegs auch brachte die Frankfurter Börse »insgesamt einen Rückgang der Kurse«, sondern einmalige Rekorde.

Demgegenüber stünden indes »viele Erfolge«, reklamiert Lenz. Für amerikanische Aktien etwa habe er »sehr erfolgreiche Tips« geben können. Einen Vergleich mit den Konjunktur-Gurus aus den wissenschaftlichen Instituten oder mit den Börsendiensten könne er allemal aushalten. Da hat der Philosoph wohl sogar recht.

»Natürlich kann man, wenn man viel herumprognostiziert, auch einmal eine richtige Prognose stellen«, bürstet Börsen-Experte Andre Kostolany gleich sämtliche Wahrsager aller Stilrichtungen ab, »man trifft ja auch gelegentlich eine Sardine, wenn man mit der Pistole in ein volles Faß hineinschießt.«

Lenz läßt solche Nörgeleien nicht gelten: Natürlich gebe es bisweilen »Deutungsprobleme«, oft auch, wie bei Firmen, »hapert es am Gründungsdatum«. Die Geburtsstunde von Gold und Silber beispielsweise ist völlig unbekannt; und ohne solche exakten Daten läßt sich aus den Sternen nicht viel herauslesen.

In derartigen Fällen versucht sich der vorausschauende Astrologe mit irdischen Krücken zu helfen. Das »Ereignis« für den Ölpreis legte Lenz auf den 28. August 1859 fest, frühmorgens pünktlich um 7.34 Uhr. Damals, so Lenz, entdeckte Edwin Drake in Titusville, Pennsylvania, die erste sprudelnde Ölquelle. Nach genaueren Geburtsstunden im Tertiär wird noch gesucht.

Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung jedenfalls, behauptet der Unternehmensberater, habe er ganz trefflich angesagt. Bei allgemeinen Tendenzen und Wendepunkten, meint er, »da liege ich gut«.

Der nächste Wendepunkt freilich bleibt abzuwarten. »Zur Zeit bewegen sich Neptun, Uranus und Saturn in südlicher Breite mit weiter steigender Gradzahl.« Eine Warnung für all jene, die das bisher kaum störte: Schon 1985 zeichnet sich »ein Ende der Wende« ab, 1986 könnte die Konjunktur »Formen einer Depression annehmen«. 1988 schließlich wird die Bundesrepublik »in eine große Krise hineinsteuern«.

Einen Trost in der Not hat der Prophet aus Wetter ebenfalls parat: »Für Kanzler Helmut Kohl wird in diesem Herbst das Unwetter kommen«, das »Ende seiner Zeit als Bundeskanzler« sei womöglich nah.

Aber ein Retter ist in Sicht. In den weltweit bösen Jahren von 1988 bis 1990, so beruhigt Lenz die Gläubigen, wird es Franz Josef Strauß, heute 70, gelingen, »in der Bundesrepublik das Schlimmste zu verhindern«.

Zur Ausgabe
Artikel 31 / 90
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.