Hintergrund "Das führende Unternehmen der Welt"

Wer war Enron? Was hat das Unternehmen eigentlich gemacht? Und wie konnte es passieren, dass der in den Himmel gelobte Darling der Wall Street binnen weniger Monate zur Hölle fuhr? Eine Geschichte über Hybris, Gier und Gutgläubigkeit.


Ex-CEO Jeffrey Skilling: Das Wunderkind hüllt sich in Schweigen
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Ex-CEO Jeffrey Skilling: Das Wunderkind hüllt sich in Schweigen

Hamburg - Vor noch nicht einmal einem Jahr war Enron auf dem Zenit der Wirtschaft angelangt. Der Energiekonzern, 1985 von Kenneth Lay durch die Fusion zweier Gasunternehmen gegründet, war der Liebling der Wall Street. Es war eine Story, wie Amerikaner sie lieben: Ein kleiner Energiekrämer steigt im Zeitraffertempo zum nach Marktkapitalisierung siebtgrößten Unternehmen der USA auf.

Der Börsenwert von Enron war seit 1996 um 50 Milliarden Dollar angeschwollen, das Unternehmen hatte 20 Quartale in Folge steigende Gewinne gemeldet. Die US-Wirtschaftspresse feierte den damaligen Enron-CEO (Chief Executive Officer) Jeff Skilling als Heilsbringer und Erfinder eines neuen Unternehmensmodells. Das Wirtschaftsmagazin "Fortune" wählte Enron sechsmal in Folge zum "Innovativsten Unternehmen".

Händler für Gas, Strom - und alles andere

Enrons Geschäft war der Handel mit Rohstoffen. Über seine Plattform EnronOnline verkaufte das Unternehmen vorrangig Terminkontrakte auf Gas oder Strom. Später versuchte CEO Skilling, dieses Handelsmodell auch auf andere "Rohstoffe" zu übertragen. Bei Enron konnte man Werbeflächen ebenso auf Vorrat kaufen wie Breitbandkapazität zur Datenübertragung oder Absicherungskontrakte auf die Wetterlage im kommenden Sommer.

Skillings Grundidee: das "Asset light"-Unternehmen. Assets, also Vermögenswerte, die nicht unbedingt für das Geschäft erforderlich waren, lagerte Enron in andere Unternehmungen aus. Assets, die man nicht braucht, so Skillings Devise, schmälern nur den Gewinn und bringen keine Rendite. Unbehindert von solchen "Mühlsteinen" wollte Enron ein reinrassiger "Marktmacher" sein, der über sein Computersystem Bieter und Käufer zusammenführt. Im Grunde bestand das Unternehmen nur aus einigen hundert Absolventen amerikanischer Top-Unis, dem Management und einer Online-Plattform. Das Wirtschaftsmagazin "Economist" hat Enron deshalb als "Hedge Fonds mit angeschlossener Gas-Pipeline" bezeichnet.

Ein Buch mit sieben Siegeln

Während der Online-Handel mit Energie, den Enron praktisch im Alleingang erfunden hat, gut funktionierte, brachten etwa die Marktplätze für Breitbandkapazität kaum einen Penny ein. Doch solange das Unternehmen steigende Gewinne meldete, störte das niemand. Alle liebten Enron, nicht nur die Investoren. Die Crème der amerikanischen Wirtschaftswissenschaftler war verzückt von Skillings Strategie. "Die durch Skilling und andere vorangetriebene Transformation von Enron ist bedeutsam für die ganze Wirtschaft. Das sind brandneue Ideen", urteilte Samuel Bodily von der University of Virginia. Christopher Bartlett von der Harvard Business School nannte Enron "eine Brutstätte unternehmerischer Aktivität", die Firma sei eine "Wachstumsmaschine".

Inzwischen wird immer deutlicher, dass kaum jemand verstand, was Enron eigentlich tat und wie genau das Unternehmen sein Geld machte. Ein Teil der Antwort: Enron hat nie soviel verdient, wie Analysten, Professoren und Journalisten annahmen. Viele Unternehmensbereiche waren notorisch unprofitabel - einer der Gründe, warum Enron im November 2001 seine Gewinne der vergangenen vier Jahre rückwirkend um mehr als eine halbe Milliarde Dollar nach unten korrigieren musste. Eine weitere Erklärung: Enrons verschachtelte Finanzstruktur war selbst für Eingeweihte nur schwer zu durchschauen.

Hochmut kommt vor dem Fall

Enrons Informationspolitik machte die Sache nicht besser. Das Unternehmen war geprägt durch eine Kultur der Arroganz. Das Ausmaß der Hybris dämmerte einem spätestens, wenn man die Zentrale des Unternehmens in Houston besuchte. Dort hing am Eingang ein Schild mit der Aufschrift "Enron - Das führende Unternehmen der Welt". CEO Skilling und sein Finanzvorstand Andy Fastow gaben sich zudem keine Mühe, der Öffentlichkeit Enrons komplexe Finanzdeals verständlich zu machen.

Enrons Verhalten erinnert an das mancher Internet-Unternehmer in der frühen Phase des Dot.com-Booms: Jene, die Erklärungen brauchten, waren aus Sicht Enrons Vertreter einer veralteten Denkweise. Diese kleinmütigen Krittler, so glaubte man in Houston, hatten keine Ahnung, wie Enron, dieses "hip new thing", funktionierte. Der Versuch, solchen Dinosauriern die Zukunft der Wirtschaft zu erklären - aus Sicht der Energietrader war das verlorene Liebesmüh. Einem Redakteur des Magazins "Fortune", der Skilling zu Enrons Finanzen befragte, beschied der CEO kurzerhand, seine Fragen seien "unmoralisch" - dann legte er auf.

Skilling, der das Unternehmen im August 2001 aus "persönlichen Gründen" überraschend verließ, sagt jetzt erst recht nichts mehr. Zu den Vorwürfen, er habe das Unheil kommen sehen und sich schnell noch aus dem Staub gemacht - nicht ohne vorher Aktiengewinne in Millionenhöhe zu realisieren - schweigt das ehemalige Wunderkind der Wall Street. Es scheint, als bewahrheite sich in Enrons Fall ein altes Sprichwort: "Wen die Götter zerstören wollen, den erfüllen sie zunächst mit Stolz."



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